80 Jahre Flüchtlingskonferenz von Evian : Nicht integrierbar, nicht qualifiziert

Vor 80 Jahren verhandelten 32 Länder um die Aufnahme der bedrohten deutschen und österreichischen Juden. Die Argumente dagegen waren ähnlich wie heute.

Am Vorabend der Massenvernichtung: Vertriebene jüdische Deutsche in Polen, etwa 1938.
Am Vorabend der Massenvernichtung: Vertriebene jüdische Deutsche in Polen, etwa 1938.Foto: picture-alliance / IMAGNO

„Das Problem erzwungener Auswanderung hat ein solches Ausmaß erreicht, dass sich religiöse und ethnische Probleme verschärfen, weltweit das Unbehagen wächst und die Befriedung der internationalen Beziehungen ernsthaft in Gefahr ist.“ Der Satz klingt, als sei er gerade aufgeschrieben worden. Aber er ist schon 80 Jahre alt.

Im Juli 1938 endete, unter anderem mit diesem Satz, die Konferenz von Evian. Zehn Tage lang, vom 6. bis 15. Juli 1938, hatten 32 Länder Europas, Nord- und Mittelamerikas und der Karibik, dazu Australien und Neuseeland, auf Einladung von US-Präsident Franklin D. Roosevelt in dem Kurort am Genfer See darüber beraten, wie den deutschen und österreichischen Juden zu helfen sei. Das NS-Regime entrechtete sie mehr und mehr und hatte bereits Tausende in die Flucht getrieben. Seit dem sogenannten Anschluss im März 1938 waren auch die jüdischen Österreicher in der Hand Hitlers. Roosevelt beauftragte daraufhin seinen Studienfreund und Sponsor Myron C. Taylor, eine Koalition mutmaßlich Williger zusammenzutrommeln.

"Kein einziges Menschenleben gerettet"

Im Juli war es so weit. Doch die Tagung im mondänen Hotel Royal – der ängstliche Satz aus der Schlusserklärung deutet es an – kam in den zehn Tagen jenes fatalen Jahres nie auf die Höhe der Katastrophe, auf die sie antworten sollte. Schon die Wahl des Orts verriet Mutlosigkeit. Nicht im schweizerischen Genf, am Sitz des UN-Vorläufers Völkerbund, durfte sie stattfinden, sondern am französischen Südufer des Sees – die Schweiz fürchtete um ihre guten Beziehung zu Hitler-Deutschland. Kein Land machte Zusagen. Selbst Roosevelt wollte weder einen Dollar mehr herausrücken noch die Einwanderungsquoten erhöhen. „32 Rettungsboote“, so fasste es ein zeitgenössischer Beobachter des Treffens zusammen, seien nach dem 15. Juli wieder in See gestochen, „ohne einen einzigen Schiffbrüchigen an Bord genommen zu haben“. Lediglich auf ein Komitee zur Koordination möglicher Hilfe hatte man sich einigen können. Dessen Chef warf schon nach sechs Monaten das Handtuch. „Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs“, schreibt der Historiker Jochen Thies in seinem in diesem Jahr erschienenen Buch „Evian 1938. Als die Welt die Juden verriet“, „werden die deutschen und österreichischen Juden nun auf der Landkarte hin- und hergeschoben. Einmal sind sie in Madagaskar, einmal in Alaska, am Ende überall vor heruntergelassenen Schlagbäumen.“ Evian sei „eine der letzten Gelegenheiten“ gewesen, „die deutschen Juden – und in der Konsequenz die europäischen Juden – vor ihrem Schicksal zu bewahren“. Weil sie nicht genutzt wurde, besiegelte Evian ihr Schicksal, drei Jahre vor Beginn der Massendeportationen und -vernichtung. Evian habe „kein einziges Menschenleben gerettet“, schrieb Fritz Kieffer im „Handbuch des Antisemitismus“.

"Großbritannien ist kein Einwanderungsland"

Auch die Gründe, die die Beteiligten damals für ihr Nichtstun gaben, klingen sehr heutig. „Großbritannien ist kein Einwanderungsland“, erklärte der Earl of Winterton, Vertreter jenes britischen Empire, das damals knapp ein Drittel der bewohnbaren Fläche der Erde kontrollierte. Das Argument nahmen nach ihm auch die Vertreter Dänemarks und Schwedens in Anspruch. Die Briten waren schon der Einladung nach Evian widerwillig gefolgt, Winterton, zumindest ein Antizionist, der auf seinem früheren Posten versagt hatte, war an den Genfer See praktisch weggelobt worden. In Evian verwies er auch auf die dichte Besiedlung Britanniens und die hohe Arbeitslosigkeit. Migranten aufnehmen könne man folglich nur „in engen Grenzen“ – ein Wort, das so gut wie alle seine Kollegen bemühten. Die Schweiz hatte den Chef ihrer Ausländerpolizei geschickt, der die „absolut privilegierte Situation“ von Ausländern in der Schweiz pries. Desto wichtiger sei eine strenge Kontrolle über eventuell hinzukommende „neue Fremde“.

Evian 2015 - und wieder ging es um Schutzsuchende

Ein weiteres beliebtes Argument war die angebliche berufliche Nicht-Qualifikation der befürchteten Zuzügler: Argentinien und Brasilien wollten lieber Bauern ins Land lassen als Professoren, Juristinnen und Geschäftsleute. Und einst wie jetzt ging es um Integrationsprobleme. Man habe bisher kein „Rassenproblem“, so Australiens offen rassistisches Argument, und wolle es nicht durch – jüdische – Einwanderer bekommen. Auch Neuseeland wünschte sich Flüchtlinge mit dem richtigen, dem „britischen Blut“.

So ähnlich die Argumente der Abwehr, so unterschiedlich die Dimensionen: Um 500 000 Menschen ging es in Evian, denen 32 Länder rings um den Globus Zuflucht bieten sollten. 2015 nahm allein Deutschland 890 000 Flüchtlinge auf.

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Wobei auch diese Geschichte, wie Thiele anfügt, teils in Evian-les-Bains spielte: Peter Altmaier, damals Staatsminister im Bundeskanzleramt, logierte im Hotel Royal, als die Kanzlerin entschied, die in Ungarn festsitzenden Flüchtlinge aufzunehmen. Während Merkel von Berlin aus um Europas Hilfe warb, organisierte Altmaier am See eine Schaltkonferenz der Ministerpräsidenten. Ohne Horst Seehofer übrigens, der damals unerreichbar war.

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