Die Nominierung löst auf allen Seiten Beunruhigung aus.

Seite 2 von 2
Ägypten : Muslimbrüder greifen nach der ganzen Macht

Mit al Shaters Nominierung ist der Kampf zwischen den drei Machtpolen des Landes, den Islamisten, den säkularen und zivilen Kräften sowie dem Militär, nun offen ausgebrochen. Das säkulare Lager fühlt sich an die Wand gedrückt, der Militärrat stößt dunkle Drohungen aus, bei den koptischen Christen geht die Angst um, und die Aktien machten einen Sprung in den Keller. Die USA als erste westliche Macht äußerten sich verhalten besorgt. Man werde die neuen Mächtigen an ihren Taten messen, ließ US-Außenministerin Hillary Clinton verkünden.

Doch die Muslimbrüder könnten sich stark verkalkuliert haben. „Genug ist genug“, polterte kürzlich Feldmarschall Mohammed Hossein Tantawi, Vorsitzender des Militärrats und De-facto-Staatschef, an die Adresse der Muslimbrüder. Ausdrücklich empfahl er ihnen, „sich der Lehren der Geschichte bewusst zu bleiben, um Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen“ – eine kaum verhüllte Warnung, die Armee könne notfalls auch wieder zu Gewalt und Unterdrückung greifen.

Auch Ägyptens Verfassunggebende Versammlung steckt augenblicklich in der Sackgasse. Alle 24 Vertreter der säkularen Parteien und Kopten zusammen mit den Delegierten des Obersten Gerichtshofes und der Lehrstätte Al Azhar haben ihren Boykott erklärt und dem Plenum damit die notwendige breite gesellschaftliche Legitimität entzogen. Trotzdem legten die Muslimbrüder der rein islamistischen Rumpfversammlung nun den ersten Entwurf einer neuen Verfassung vor, die Ägypten als islamischen Staat auf der Basis der Scharia festschreiben soll. Entnervt twitterte Friedensnobelpreisträger Mohamed al Baradei, der selbst nicht bei der Präsidentenwahl antritt: „Ägypter haben ihr Leben geopfert für Freiheit und Würde, nicht aber für einen militärischen oder religiösen Autoritarismus. Und schon gar nicht für die Tyrannei einer Mehrheit.“

Artikel auf einer Seite lesen
Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!