Ärztestreik in den Zeiten von Corona : Eine Krise zu viel

COVID-19 trifft den Libanon besonders hart. Das Land steckt in einer schweren Wirtschaftskrise, die Politik reagiert unzulänglich.

Julius Geiler
Rauchen mit Maske - ein Passant in Beirut.
Rauchen mit Maske - ein Passant in Beirut.Foto: Joseph Eid/AFP

Mar Mikhael ist das Ausgehviertel der libanesischen Hauptstadt Beirut, in der Armenia-Street reihen sich Bars an Bars. Auch unter der Woche tobt hier normalerweise das Leben. Selbst zu Hochzeiten der libanesischen Massenproteste im vergangenen Herbst waren Lokale und Restaurants stets geöffnet. Das Land steckt gewissermaßen seit Monaten in einem ständigen Ausnahmezustand.

Doch trotz Demonstrationen und der verehrende Wirtschaftssituation waren die Stühle der Bars in der Armenia-Street immer voll besetzt.

An diesem Mittwochabend ist es anders. Das Coronavirus hat mittlerweile auch den Libanon erreicht und legt das öffentliche Leben lahm. Nach staatlicher Anordnung vom Mittwochnachmittag werden Nachtclubs, Bars und andere Vergnügungseinrichtungen mit sofortiger Wirkung geschlossen, um das Virus so gut wie möglich einzudämmen. Schon am Abend kehrte Stille ein in Mar Mikhael.

Die Schuldenkrise ist schlimm wie nie zuvor

Vergleichsweise lange blieb das Mittelmeerland vom Virus verschont. Nun trifft es den Zedernstaat mit voller Wucht. Die Ausgangslage könnte nicht schlimmer sein. Erst am vergangenen Wochenende verkündete Premierminister Hassan Diab, dass sein Land zum ersten Mal in der Geschichte seine Kredite nicht zurückzahlen könne.

Die Rückzahlung der Anleihe in Höhe von 1,2 Milliarden US-Dollar hätte das Land nicht verkraftet, so Diab. Experten warnen seit Monaten vor einem drohenden Staatsbankrott, mittlerweile wohl nur noch eine Frage der Zeit. Die Arbeitslosigkeit steigt kontinuierlich an, Produkte werden teurer, nach offiziellen Zahlen leben bereit jetzt mehr als 40 Prozent der Libanesen unter der Armutsgrenze.

In einem Imbiss in Beirut trägt ein Angestellter eine Maske.
In einem Imbiss in Beirut trägt ein Angestellter eine Maske.Foto: Joseph Eid/AFP

Innerhalb weniger Tage wuchs die Zahl der Corona-Infizierten im Land sprunghaft an. Nach jetzigem Stand wird von ungefähr 70 Infektionen berichtet, die Dunkelziffer dürfte jedoch deutlich höher sein. Die drei bereits an den Folgen des Virus verstorbenen Menschen ergeben eine Mortalitätsrate von mehr als vier Prozent. Auch wenn es noch viel zu früh ist, um die Entwicklung des Virus im Libanon vorherzusagen: Die Zahlen sind alarmierend.

Der Gesundheitssektor im Land arbeitet bereits seit Jahren an den Grenzen des Machbaren. Besonders schlimm ist die Situation in den Krankenhäusern. Aufgrund der Wirtschaftskrise fehlt es an Medikamenten und der medizinischen Grundausstattung, Beatmungsgeräte sind Mangelware.

In Beiruts wichtigstem und größten Krankenhaus, dem Rafik Hariri University Hospital wird ein Großteil der Coronapatienten behandelt. Das Krankenhaus ist eine der wenigen Kliniken im Land, in dem die nötige Infrastruktur existiert, um strenge Quarantäne-Maßnahmen durchzuführen. Doch an diesem Donnerstag  ist ein Großteil der Krankenhaus-Belegschaft in einen unbefristeten Streik getreten. Ärzte und Pflegepersonal erhalten teilweise seit Monaten kein Gehalt mehr. Außerdem sehen sie sich auf einen drohenden Anstieg von COVID-19 Patienten in ihrer Einrichtung nicht ausreichend vorbereitet.

Noch am Mittwoch landete ein Flugzeug aus Mailand

Während sich aus Krisen für Regierungen generell Chancen ergeben, Entschlossenheit und Führungsstärke zu beweisen, wird das erst im Januar neu formierte Kabinett um Premierminister Diab für sein zögerliches Corona-Krisenmanagement aus vielen Teilen der Bevölkerung schon jetzt stark kritisiert. So wurde bereits vor einer Woche von Diab verkündet, ankommende Passagiere aus Risikoregionen wie dem Iran und Italien am Beiruter Flughafen auf Symptome zu testen und Körpertemperaturen zu messen.

Geschehen ist das offenbar nur sehr sporadisch. Unter anderem zeigen Aufnahmen eines Bloggers vom Ankunftsbereich des Beiruter Flughafens Reisende aus dem Iran, die vom Flughafenpersonal ohne Fieberkontrolle durchgewunken werden.

Andere Länder in der Region, wie Kuwait oder Katar hatten längst Flüge gestrichen, da landeten noch Passagiermaschinen aus Italien in der libanesischen Hauptstadt. Noch am Dienstag erreichte ein im besonders von Corona betroffenen Mailand gestartetes Flugzeug den Libanon.

Die Hisbollah spielte die Coronazahlen herunter

Zum Verhängnis wird dem Libanon aber vor allem die enge Verbindung zum Corona-Epizentrum des Nahen Ostens: dem Iran. Mehrere Flüge am Tag verknüpfen Beirut und Teheran. Noch am Mittwochabend war die Flugroute nicht ausgesetzt. Die Hisbollah soll sich maßgeblich dagegen eingesetzt haben, die Flugverbindungen in den Iran zu kappen. Die populistische Schiitenpartei besitzt im Libanon traditionell erheblichen Einfluss und unterstützt eigene Hisbollah-nahe  Minister in der Regierung Diab.

Die eng mit dem iranischen Regime befreundete Gruppierung hatte von Anfang an den Ausbruch von Corona im Libanon heruntergespielt. So ist bis heute nicht bekannt wie viele COVID19-Patienten sich tatsächlich im Krankenhaus im schiitischen - von der Hisbollah kontrollierten - Beiruter Stadtteil Dahiye befinden.

Vier Tage Zeit, um in den Libanon zurückzukehren

Am Mittwochnachmittag trat Premierminister Diab erneut vor die Presse. Diesmal, um einen Maßnahmenkatalog für die Bekämpfung des Coronavirus vorzustellen. Reisen in den Iran, Italien, Südkorea und China sollen mit sofortiger Wirkung verboten werden. Vier Tage haben die Libanesen im Ausland nun noch die Möglichkeit, in ihre Heimat zurückzukehren. Danach sollen auch Länder wie Deutschland, Frankreich und Spanien auf der Liste hinzugefügt werden.

Anders als vorher durchgesickert war, wird es jedoch keine generelle Schließung aller Grenzen geben. Außerdem verhängte Diab nicht den nationalen Notstand, was bei vielen Libanesen für Empörung sorgte.

Premierminister Hassan Diab bei seiner Ansprache vergangene Woche.
Premierminister Hassan Diab bei seiner Ansprache vergangene Woche.Foto: Dalati/Nohra/AFP

In den sozialen Netzwerken wurden Diabs Anordnungen als zu „schwach“ kritisiert, vielen gehen die Maßnahmen der Regierung  nicht weit genug.

Der lokale Nachrichtensender MTV zeigte sich gar so empört über die angekündigten Schritte, dass der Fernsehkanal kurzerhand selbst den nationalen Notstand verhängte - dessen eigentliche Ausrufung natürlich nur in den Händen der Regierung liegt.

Es scheint als hätten viele Libanesen und Libanesinnen - anders als ihre Regierung - den Ernst der Lage erkannt. Einmal mehr gerät die politische Elite im Libanon in die Kritik.

Passend dazu tauchten gestern Bilder von Menschen in weißen Schutzanzügen auf, die im sowieso vorübergehend geschlossenen Parlament jeden einzelnen Sitz desinfizierten.

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Auf Twitter machte der Kommentar die Runde: „Der beste Weg das Parlament zu desinfizieren? Schnelle Neuwahlen!“

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