AfD-Meldeportale gegen Lehrer : Im pädagogischen Angstraum

Das Denunziantenportal der AfD ist eine perfide Idee. Es ist Zeit für ein Lob des mutigen, unangepassten, meinungsstarken Lehrers. Ein Kommentar.

Die AfD will Leerstellen statt Lehrstellen.
Die AfD will Leerstellen statt Lehrstellen.Foto: imago/photothek

Nichts ist schlimmer für Schüler als unsichere, ängstliche, aseptische Lehrer. Doch genau dieser Typus des langweiligen Neutrums, das seine Klasse wie ein Minenfeld betritt, zum Elternabend tief den Kopf einzieht und vor dem Gespräch mit der Schulleitung ein Anxiolytikum schluckt, ist das Produkt des politischen Drucks von allen möglichen Seiten. Die perfide Idee eines Denunziantenportals, das Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann zu Recht einen „Baustein ins Totalitäre“ nennt, kommt noch hinzu. Dabei fehlt es schon jetzt an Respekt und Unterstützung für Lehrer: aus den Ministerien und Ämtern, von Personalräten und Eltern. Sie werden alleingelassen mit gesellschaftlichen und politischen Fragen, die anderswo zu lösen sind. Und: Sie werden immer weniger.

Es ist deshalb höchste Zeit für ein Lob des unangepassten, mutigen, meinungsstarken Lehrers, der seinen Schülern so weltoffen und neugierig gegenübertritt wie seinem Direktorium, der Widerspruch fordert und die eigene Widersprüchlichkeit selbstbewusst thematisiert. Eines Lehrers also, der niemals in den engen geistigen Grenzen von 1933 (oder auch 1963ff.) agiert, sondern das Feld unserer Verfassung bespielt. Alle Erregung, die sich daran entzündet, ist besser für die Erhaltung der freien Gesellschaft als die Sterilität eines pädagogischen Angstraums.

Mittel und Wege finden

Leicht gesagt, wenn morgens die halbe Klasse den Hitlergruß zeigt; wenn Eltern Pegida-Parolen zitieren; wenn nicht klar ist, ob Schüler sich Notizen zum Fach machen oder ein Lehrerprotokoll für die AfD-Plattform schreiben; wenn der Staat zwar „Neutralität“ fordert, aber selbst nicht weiß, was das ist; wenn das Amt jede Abweichung von der pädagogischen Norm sanktioniert, aber fordert: „Der Schüler muss in die Lage versetzt werden, eine politische Situation und seine eigenen Interessen zu analysieren sowie nach Mitteln und Wegen zu suchen, die vorgefundene politische Lage im Sinne seiner Interessen zu beeinflussen.“

Mittel und Wege finden – was heißt das mit Blick auf AfD-Chef Gauland, der zu einer „friedlichen Revolution“ aufruft, seine Gegner „vertreiben“ und „das politische System ändern“ will? Wie soll das ein Lehrer behandeln, ohne als „versiffter Linksgrüner“ auf einem Denunziationsportal zu landen oder von der Schulleitung zur Zurückhaltung aufgefordert zu werden? Eher nicht mit noch mehr Vorgaben zu vermeintlicher „Neutralität“, sondern mit mehr Vertrauen und Rückendeckung. Die meisten Schüler sind weniger doof, als Bildungspolitiker glauben – sie lassen sich nicht so leicht indoktrinieren, auch ohne „Überwältigungsverbot“.

Leerstellen statt Lehrstellen

Das Gebot der „Neutralität“ ist eine Schimäre, eine gefährliche dazu. Es ist die Einladung zur subkutanen Manipulation, also dem Gegenteil des erwünschten offenen demokratischen Ringens. Denunziationsportale fördern das noch. Wer in ständiger Sorge lehrt, dass jedes Wort den geschützten Raum einer Klasse verlässt, verlegt sich leicht auf Chiffren und spricht schließlich in Rätseln.

Welche Lehrer bleiben uns in Erinnerung? Welche haben uns vielleicht auch „geprägt“? Nicht die gesichtslosen Glatten ohne erkennbare Haltung. Es sind die mit Leidenschaft, Meinung, Kante und Klasse (was für ein schönes Wort in diesem Kontext), die ihre Schüler in Gedanken noch lange begleiten, sei es als Vorbild, sei es als innere Regulierungsinstanz, sei es als Reibeisen für die eigene heranwachsende Häutung. Und ja, manche auch als politisches Feindbild. Aber immer erkennbar: als Mensch.

Der AfD passt das alles nicht. Sie behauptet, zu ihrem Schutz Grenzen ziehen zu müssen mit einem Denunziationsportal, das (so geht Dialektik heute) die Parteipolitik erst reinbringt in die Schulen – aber das Gegenteil zu tun behauptet. Tatsächlich will die AfD Grenzen verwischen und Leerstellen schaffen, dort, wo Lehrstellen waren – weil es ihr nutzt als Partei, deren rechter Flügel immer extremistischer schlägt.

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