Afghanistan : Sprechchöre gegen "Besatzer"

Die Operationen der Koalitionstruppen in Afghanistan dürften in den vergangenen Tagen mehr Zivilisten als Taliban-Kämpfern das Leben gekostet haben. In der Bevölkerung wächst die Wut.

Kabul - Als Kampfflugzeuge nördlich von Kabul versehentlich ein Wohnhaus bombardierten und neun Unschuldige töteten - darunter drei Kinder -, war der Volkszorn vom Vortag noch nicht verraucht. Die Wut war hochgekocht, nachdem Koalitionstruppen am Sonntag jüngsten Angaben der Regierung in Kabul zufolge mindestens zehn Zivilisten erschossen hatten. Experten warnen, die wachsende Zahl ziviler Opfer mache den Kampf um die "Herzen und Köpfe" der Afghanen zur Farce.

"So verliert man die letzten gutwilligen Menschen in der Zivilbevölkerung", sagt ein entsetzter westlicher Entwicklungshelfer. Nach dem Blutbad vom Sonntag, als US-Soldaten nach einem Selbstmordanschlag nahe Dschalalabad im Osten des Landes um sich feuerten, blockierten wütende Afghanen stundenlang die Schnellstraße zur pakistanischen Grenze. Die aufgebrachte Menge skandierte Parolen gegen die ausländischen Truppen am Hindukusch. Die Sprechchöre der Demonstranten dürften Musik in den Ohren der radikal-islamischen Taliban gewesen sein, die sich vor der von ihnen angekündigten Frühjahrsoffensive immer selbstbewusster geben.

Brutalität der Amerikaner stärkt Einfluss der Taliban

Die wachsende Zahl ziviler Opfer treibe die Afghanen regelrecht in die Arme der Taliban, sagt der Entwicklungshelfer. Besonders die US- Streitkräfte legten ein "unglaublich aggressives Auftreten" an den Tag. "Die bauen damit Hass in der Bevölkerung auf und machen sich richtig Feinde." Die amerikanischen Soldaten wirkten wie Besatzer und nicht wie Befreier - "und gegen Besatzer wehren sich die Afghanen". Dass es auch anders geht, beweise etwa die Bundeswehr in Nordafghanistan. Kein einziger afghanischer Zivilist ist bislang durch die Kugel eines deutschen Soldaten gestorben.

Um die verheerenden Auswirkungen der zivilen Opfer in einer Gesellschaft, deren Ehrenkodex Rache verlangt, weiß auch die Nato- geführte internationale Schutztruppe Isaf. Nach Ansicht von Nato- Brigadegeneral Richard Nugee war der Schutztruppe im vergangenen Jahr in Afghanistan nur ein einziger Fehler vorzuwerfen: das versehentliche Töten von Zivilisten. Anfang Januar versprach Nugee daher, die Isaf werde in diesem Jahr hart daran arbeiten, unschuldige Opfer zu vermeiden. Mehrere Zivilisten wurden seitdem erschossen, die Soldaten fälschlicherweise für Selbstmordattentäter hielten. Die Soldaten sind nervös: Im vergangenen Jahr kam es zu fast 140 Selbstmordanschlägen in Afghanistan, mehr als je zuvor.

Bis zu 3000 zivile Opfer

Besonders viele zivile Opfer fordern nach Ansicht des Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses des afghanischen Parlaments, Noorulhaq Olomi, die Luftangriffe der Nato und der Koalition. Schätzungen, wonach unter den 4000 Gewaltopfern im vergangenen Jahr 1000 Zivilisten waren - von denen auch etliche bei Anschlägen der Taliban starben -, hält Olomi für falsch. Eher seien 3000 Zivilisten ums Leben gekommen, sagt der Abgeordnete, viele davon durch die Bombardements. "Wegen ein paar Feinden auf dem Boden töteten sie hunderte unschuldige Menschen", kritisiert der Abgeordnete aus dem südafghanischen Kandahar. Zumindest im umkämpften Süden des Landes glaube daher kaum ein Afghane noch den Versprechen der internationalen Truppen - die antraten, Frieden zu bringen. (Von Can Merey, dpa)

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