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Afghanistan : Taliban töten mindestens 40 afghanische Sicherheitskräfte

Zum Fest des Fastenbrechens hatten die Taliban einen Waffenstillstand angekündigt. Kurz bevor dieser begann, hat die Miliz mindestens 23 Polizisten und 17 Soldaten getötet.

Der afghanische Armee-Chef Sharif Yaftali bei der Verkündung der Waffenruhe.
Der afghanische Armee-Chef Sharif Yaftali bei der Verkündung der Waffenruhe.Foto: AFP/WAKIL KOHSAR

Bei einem Angriff der radikalislamischen Taliban im Norden Afghanistans sind am Samstag nach Angaben der Behörden mindestens 23 Polizisten getötet worden. Ein Dutzend weiterer Polizisten wurde bei dem Überfall in der Nacht zum Samstag verletzt, sagte Provinzratsmitglied Safiullah Amiri. Die Taliban griffen am frühen Morgen einen Stützpunkt in der Provinz Kundus an, wie ein Sprecher des Gouverneurs mitteilte. Bis 2013 war Deutschland für die Sicherheitslage in Kundus verantwortlich.

Etwa zeitgleich griffen die Taliban einen Stützpunkt des afghanischen Militärs in der Provinz Herat im Westen des Landes. Dabei seien 17 Soldaten getötet worden, sagte ein Sprecher der Provinzregierung am Samstag. Auch mehrere Taliban-Kämpfer starben demnach bei dem Angriff. Nach örtlichen Behördenangaben erbeuteten die Taliban bei dem Angriff auch Waffen. Die Miliz übernahm die Verantwortung für die Attacke in Herat. Sie gab die Zahl der getöteten Soldaten mit 18 an.

Die Angriffe erfolgten wenige Stunden, bevor die Taliban eine dreitägige Waffenruhe ausriefen. Ihre Kämpfer seien angewiesen worden, Angriffe gegen afghanische Sicherheitskräfte während der ersten drei Tage des Eid-al-Fitr-Fests des Fastenbrechens zu stoppen. Die Waffenruhe gelte jedoch nicht für internationale Truppen, hieß es. Zudem würde jeder Angriff des afghanischen Militärs mit Gewalt begegnet.

Bereits am Donnerstag hatte die Regierung in Kabul eine befristete Waffenruhe mit den Taliban vom 12. bis zum 20. Juni angekündigt. In den letzten Tagen des Fastenmonats Ramadan und über das Fest des Fastenbrechens würden die Sicherheitskräfte alle Angriffe auf die Islamisten einstellen, teilte Präsident Aschraf Ghani am Donnerstag auf Twitter mit. Als Grund für die Waffenruhe hatte Ghani eine Erklärung afghanischer Kleriker genannt. Die Geistlichen erklärten am Montag in einer Fatwa (islamisches Rechtsgutachten), die fortwährende Gewalt und die Selbstmordanschläge in dem südasiatischen Land verstießen gegen islamisches Recht.

UN-Sondergesandter äußert Hoffnung auf Friedensgespräche

Ein Sprecher des Kabuler Verteidigungsministeriums sagte am Samstag im Fernsehen, er hoffe auf eine längere Waffenruhe. Der UN-Sondergesandte Tadamichi Yamamoto erklärte, er hoffe, dass die Feuerpause als Ausgangspunkt für Friedensgespräche zwischen der afghanischen Regierung und der radikalislamischen Miliz dienen könne.

Nur Stunden vor der Taliban-Ankündigung zur Waffenruhe hatten Taliban-Kämpfer zwei Stützpunkte der afghanischen Sicherheitskräfte in Kundus im Norden des Landes sowie in der westlichen Provinz Herat angegriffen. Dabei wurden nach Behördenangaben mindestens 36 Soldaten und Polizisten getötet.

Viele Afghanen begrüßten die angekündigte Waffenruhe. "Drei Tage lang töten die Taliban uns nicht", schrieb ein Einwohner auf Facebook. "Wenn sie ein Friedensabkommen mit der Regierung treffen, werden die Afghanen sie auf Schultern tragen."

Die Frauenrechtsaktivistin Dewa Niazai aus der Provinz Nagarhar schrieb im Internet: "Lang leben die Taliban! Wir können an den Eid-Tagen einen tiefen Seufzer der Erleichterung ausstoßen. Ich hoffe, dass diese drei Tage Feuerpause zu einer dauerhaften Waffenruhe führen."

In Kabul sagte eine Passantin, sie könne sich über eine lediglich dreitägige Waffenruhe nicht wirklich freuen. "Das reicht nicht aus, und unser Präsident sollte nicht zufrieden sein. Wir müssen einen dauerhaften Frieden im ganzen Land erreichen."

Im Februar hatte Präsident Ghani einen Plan für Friedensgespräche mit den Taliban vorgestellt und deren Anerkennung als politische Partei in Aussicht gestellt. Die Taliban reagierten nicht offiziell auf den Vorschlag. Sie begannen kurz darauf jedoch ihre alljährliche "Frühjahrsoffensive" gegen die afghanische Regierung.

Bayern will wieder nach Afghanistan abschieben

Die Verkündung der Waffenruhe durch Regierung und Taliban geschieht vor dem Hintergrund einer sich immer weiter verschlechternden Sicherheitslage in Afghanistan. Die Taliban kontrollieren weite Teile des Landes. Allein in den vergangenen Monaten kamen bei mehreren Terroranschlägen in der Hauptstadt Kabul mehr als 200 Menschen ums Leben. Die Taliban weigern sich, an Friedensverhandlungen teilzunehmen, solange sich ausländische Truppen auf afghanischem Boden befinden.

Diesen Mittwoch hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) deutlich gemacht, aus ihrer Sicht gebe es keine Abschiebehindernisse nach Afghanistan mehr. Sie berief sich auf den als vertraulich eingestuften neuen Lagebericht des Auswärtigen Amts zu Afghanistan. Allerdings geht das Außenministerium darin nach eigenen Angaben weiterhin von einer volatilen Sicherheitslage in dem Land aus.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) kündigte am Samstag an, den von Merkel erklärten Kurswechsel bei Abschiebungen nach Afghanistan auf der Stelle umsetzen zu wollen. „Bayern wird die erweiterten Abschiebungsmöglichkeiten sofort nutzen und erwartet vom Bund, die Zahl der Abschiebungsflüge bedarfsgerecht zu erhöhen“, sagte Herrmann. „Darauf haben wir schon seit Monaten gewartet, jetzt herrscht endlich Klarheit.“ Bisher hatten die Behörden in aller Regel nur Straftäter, potenzielle islamistische Gewalttäter sowie Flüchtlinge mit unklarer Identität nach Afghanistan abgeschoben. (AFP, epd, dpa)

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