Afrika : Jung, dynamisch, afrikanisch sucht...

Afrikas Jugend wächst - und der Slogan ihrer Bewegungen lautet oft: Ignoriert uns auf eigene Gefahr. Angst braucht deshalb keiner zu bekommen, aber die Welt muss die Augen aufmachen. Ein Essay

Horst Köhler
Ein Platz im Tor - zur Welt? Die überwiegende Zahl der Afrikaner ist heute jung. Das muss den Umgang mit den Ländern des Kontinents verändern.
Ein Platz im Tor - zur Welt? Die überwiegende Zahl der Afrikaner ist heute jung. Das muss den Umgang mit den Ländern des...Foto: AFP

Der Jugend Afrikas Perspektiven zu geben, das ist eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Allein die Größe der afrikanischen Jugendpopulation müsste uns zu dem Schluss bringen, dass hier eine Macht heranwächst, mit der zu rechnen ist, im Guten wie im Schlechten. Ich glaube „Macht“ ist genau die richtige strategische Kategorie, mit der wir auf diese globale Herausforderung blicken sollten, genauso, wie wir auch den Aufstieg Chinas oder die Digitalisierung als Machtfaktor in der Weltpolitik begreifen.

In Afrika leben schon heute über 1,2 Milliarden Menschen. Innerhalb der nächsten 30 Jahre wird sich diese Zahl verdoppeln. Dann wird der Anteil der Afrikaner an der Weltbevölkerung bei über 20 Prozent liegen. Wir Europäer werden nur noch etwa fünf Prozent der Menschheit stellen. Auf unserem Nachbarkontinent sind schon heute die Hälfte aller Menschen jünger als 18 Jahre. In Deutschland liegt das Median-Alter bei etwa 47.

Die gegenwärtige Zeit der Unruhe und der Konflikte in der Weltpolitik, die Debatten um Migration, Terrorismus, Demokratie usw., sie geben uns eine Vorahnung dessen, was diese gigantischen demographischen Umbrüche für das globale Zusammenleben bedeuten – kulturell, ökonomisch, politisch.

Nun wäre es ein leichtes, den Teufel an die Wand zu malen: Afrikas Jugend als tickende Zeitbombe, die entschärft werden muss. Es wäre ein leichtes, Afrikas Jugend darüber zu definieren, wie sie im Verhältnis zu uns, den Europäern steht, und damit in erster Linie die Gefahr einer nie dagewesenen Massenwanderung zu beschwören. Natürlich müssen wir mit großer Ernsthaftigkeit von den Risiken sprechen, die eine perspektivlose afrikanische Jugend für die Zukunft Afrikas, für die Zukunft Europas, und, ja, für den Weltfrieden darstellt. Vor allem aber sollten wir lernen, die afrikanische Jugend aus sich selbst heraus zu verstehen, mit ihren berechtigten Sorgen und Frustrationen, aber auch mit ihren Träumen und Potenzialen.

Die Fragen afrikanischer Identität sind universeller, als wir ahnen


Wo immer ich kann, treffe ich junge Menschen aus Afrika, um ihnen zuzuhören. Ich habe zum Beispiel vergangenes Jahr am Rande der Berlinale einen Rapper getroffen, so einen echten, mit weiten Hosen, Pudelmütze und Kette. Er heißt Thiat. Auf der Berlinale hatte ein Dokumentarfilm über ihn und seine Hip-Hop-Gruppe Premiere. Die Rapper hatten mit ihrer Protestbewegung 2011/2012 im Senegal dazu beigetragen, dass Präsident Wade, der entgegen der Verfassung für eine dritte Amtszeit gewählt werden wollte, vom Volk abgewählt wurde. Der wichtigste Slogan der Protestbewegung war „Meine Wählerkarte ist meine Waffe.“ Wer sich mit Thiat unterhält, der trifft auf einen klugen, zornigen, kreativen jungen Mann, der nicht einfach hohle Forderungen an die Politik stellt, sondern der eine klare politische Philosophie des bürgerschaftlichen Engagements hat; der deutlich macht, dass ohne Eigenverantwortung und ohne Gemeinsinn der Menschen kein neuer Senegal, kein neues Afrika zu bauen ist.

Thiats Geschichte steht für Ungeduld und Furchtlosigkeit, wie sie seit jeher Schatz der Jugend überall auf der Erde sind. Sie verdeutlicht aber auch die ambivalente Realität der afrikanischen Jugend: die Auseinandersetzung mit Identitätsfragen über Kunst und Kultur, die Frustration über mangelnde wirtschaftliche Perspektiven, der Kampf darum, als gesellschaftliche Kraft wahrgenommen zu werden. Lassen Sie mich auf diese drei Dinge etwas näher eingehen.

Es herrscht eine seltsame Asymmetrie


Jugend braucht Identität; und der Suchprozess, der sich in Afrika beobachten lässt, in seinen Filmen und Büchern und Liedern und Kunstwerken, er gehört zum Spannendsten, was die Kultur in diesem Jahrzehnt hervorbringt. Vielleicht liegt das auch daran, dass die Fragen afrikanischer Identität, die darin verhandelt werden, sehr viel universeller sind, als wir ahnen; vielleicht liegt das daran, dass das fragile Verhältnis zwischen lokaler Verwurzelung und globaler Konsumkultur, dass die Spannung zwischen Selbstverwirklichung und gesellschaftlicher Realität, wie sie junge Afrikaner erleben, etwas Grundsätzliches aussagen über unsere Gegenwart, in der die Ambivalenz der Globalisierung uns alle verwirrt.
Mich beschleicht dabei das Gefühl, dass in diesen kulturellen Fragen eine seltsame Asymmetrie herrscht: Zwar dominiert der Westen mit seiner Popkultur und seinen Konsummustern den Weltmarkt, und Afrika tut sich noch schwer damit, dem auf globaler Ebene etwas entgegenzusetzen. Andererseits wird genau diese Asymmetrie von den Afrikanern viel besser durchschaut als von uns. So arbeiten junge afrikanische Künstler oft mit einer viel größeren kosmopolitischen Beweglichkeit als so mancher Europäer, der verunsichert darüber ist, dass sein Eurozentrismus nicht mehr die Welt erklärt.

Warum ist das wichtig? Erstens wissen wir längst, dass Afrikas Transformation nur aus sich selbst heraus kommen wird, nicht aus unserem Sendungsbewusstsein oder unseren Belehrungen, und deshalb ist der Suchprozess besonders der afrikanischen Jugend unverzichtbar. Zweitens sollten wir Europäer das auch deshalb mit Neugier verfolgen, weil unsere eigene Kultur und unser eigener Suchprozess, was eigentlich europäische Identität ausmacht - was Heimat ist! - von dem afrikanischen Blick auf uns nur profitieren kann. Und drittens müssen wir die neue globale Realität verstehen: dass nämlich in Afrika eine Generation heranwächst, die ihre eigene Situation nicht mehr mit der ihrer Eltern vergleicht, sondern deren Ambitionen sich an jenem Wohlstand in den Industrieländern orientieren, der zum globalen Maßstab geworden ist. Diese Wahrnehmung hat ganz reale Auswirkungen auf Migrationsmuster, auf Konsumverhalten, auf Lebensentscheidungen der wachsenden afrikanischen Jugendbevölkerung.

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