Aggressive TV-Debatte der Demokraten : Die USA, ihre Milliardäre und die Arroganz

Der neue Alte steht im Zentrum der Demokraten-Debatte: Michael Bloomberg sieht sich heftigen Angriffen ausgesetzt. Seine Botschaft: Nur er könne Trump schlagen.

Sein Auftritt: Michael Bloomberg steigt mit der TV-Debatte richtig in den Wahlkampf ein.
Sein Auftritt: Michael Bloomberg steigt mit der TV-Debatte richtig in den Wahlkampf ein.Foto: Bridget BENNETT / AFP

Keiner schont keinen. Die Auseinandersetzung ist hart, aggressiv, persönlich, hysterisch, verletzend. Am Ende muss sogar das Schlusswort des ehemaligen US-Vizepräsidenten Joe Biden unterbrochen werden, weil im Zuschauerraum lautes Gebrüll einsetzt. Waren das wirklich sechs Politiker, die derselben Partei angehören und vereint sein sollten in dem obersten Ziel, den amtierenden Präsidenten Donald Trump abzulösen? Daran kamen am Mittwochabend (Ortszeit) bei der TV-Debatte der US-Demokraten in Las Vegas nicht nur einmal Zweifel auf.

Elizabeth Warren, Senatorin aus Massachusetts, warnte davor, „einen arroganten Milliardär durch einen anderen arroganten Milliardär zu ersetzen“. Gemeint waren New Yorks ehemaliger Bürgermeister Michael Bloomberg und Donald Trump. Pete Buttigieg, der Überraschungssieger von Iowa und Überraschungszweite von New Hampshire, verdächtigte Bloomberg und Bernie Sanders, den Senator aus Vermont, keine wirklichen Demokraten zu sein. Bloomberg bezichtigte Sanders, den Kommunismus in Amerika einführen zu wollen. Der wiederum konterte mit dem Verweis auf Dänemark, wo die Menschen in einem demokratisch-sozialistischen System sehr glücklich seien.

Es fiel schwer, in dieser an- und aufgeheizten Atmosphäre stichhaltige Argumente von einstudierten Seitenhieben zu trennen. Bloomberg stand zweifellos im Zentrum des Geschehens, wobei es der Multimilliardär geschickt verstand, Vorhaltungen nicht etwa mühsam zu entkräften, sondern einfach an sich abprallen zu lassen. Themenwechsel ist oft wirksamer als Defensive.

Bloombergs zentraler Punkt, auf den er immer wieder zurückkam: Nur er könne Trump schlagen. Sanders sei ein irgendwie unamerikanischer Sozialist, Warren eine Sozialistin light, Buttigieg zu unerfahren, Amy Klobuchar, Senatorin aus Minnesota, ebenfalls, Biden habe abgewirtschaftet. Er selbst dagegen, Bloomberg, sei zwölf Jahre lang Bürgermeister von New York gewesen, der multikulturellen Stadt par excellence, habe aus eigenem Vermögen heraus an der Wall Street ein Vermögen verdient, er nehme keine Spenden an, sei daher unabhängig.

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Die Fernsehdebatte war der bislang härteste Test für diesen Mann, der erst Ende November seine Kandidatur angekündigt hatte und deshalb Anfang März, am „Super Tuesday“, wenn in 14 Bundesstaaten gewählt wird, ins Rennen einsteigt. Bloomberg konzentriert sich auf große Staaten wie Kalifornien und Texas, er hat bereits zig Millionen Dollar für Werbung ausgegeben. Das zahlt sich aus. In einer US-weiten Umfrage lag er vor der Fernsehdebatte hinter Sanders auf Platz zwei im demokratischen Bewerberfeld.

Inhaltlich so nahe, dass sie aggressiv auf Distanz gehen müssen

Die Dynamik dieser Debatte verlief auf mehreren Ebenen. Sanders und Warren konkurrieren um den ersten Platz unter den linken Bewerbern. Bloomberg, Buttigieg, Klobuchar und Biden wetteifern um die Führungsrolle bei den moderaten Wählern. Das erklärt die Vehemenz, mit der etwa Buttigieg gegen Klobuchar ins Feld zog. Inhaltlich sind sie sich so nahe, dass sie sich aggressiv voneinander absetzen müssen, um ein eigenständiges Profil entwickeln zu können.

Nur ein Teil des großen Feldes der Demokraten: Michael Bloomberg, Elizabeth Warren, Bernie Sanders und Joe Biden (von links).
Nur ein Teil des großen Feldes der Demokraten: Michael Bloomberg, Elizabeth Warren, Bernie Sanders und Joe Biden (von links).Foto: AFP

Im Duell Sanders gegen Bloomberg wiederum, auf das die Vorwahlen hinauslaufen könnten, geht es vor allem darum, wer gegen Trump die besseren Chancen hat. Sanders ist verwundbar. Sein Programm ist radikal, das schreckt viele ab. Doch auch Bloomberg ist angreifbar. Als Bürgermeister von New York verantwortete er die rassistische „Stop-and-frisk“-Taktik der Polizei, die auf Schwarze und Latinos zielte. Außerdem wird ihm Sexismus vorgeworfen.

Bloomberg führt bereits bei den Moderaten – was wird aus Biden?

Auf die Debatte hatte Bloomberg sich wochenlang mit Coaches vorbereitet. Die hatten ihm offenbar empfohlen, möglichst präsidial zu wirken, um das Argument seiner Wählbarkeit zu untermauern. Die etwas paradoxe Wirkung der diversen Angriffe auf ihn bestand darin, dass sie den Eindruck verstärkten, Bloomberg sei bereits die Nummer eins unter den Moderaten.

Die jüngsten Zahlen bestätigen den Trend. Bloomberg führt bei moderaten Demokraten, und älteren Wählern, er liegt hinter Sanders auf Platz zwei bei Kleinstädtern und nicht akademischen Weißen. Nur innerhalb der schwarzen Wählerschaft führt Biden, Barack Obamas langjähriger Vize, mit großem Vorsprung. Seine letzte Hoffnung ist ein Comeback bei den Vorwahlen in South Carolina in gut einer Woche.

Schafft Sanders den Wechsel vom Angreifer zum Verteidiger?

Sanders wiederum könnte am kommenden Samstag, beim Caucus in Nevada, die Position des Spitzenreiters ausbauen. Der Rollenwechsel, vom Angreifer zum Verteidiger der Führung, ist für ihn allerdings ungewohnt. Je kleiner das Feld der Mitbewerber, desto greller werden seine Positionen ausgeleuchtet.

Amerika ist gespalten. Spalten sich jetzt auch die Demokraten? Trump genießt ein Umfragehoch, die Republikaner stehen geschlossen hinter ihm. Die große Aufgabe der Demokraten besteht darin, am Ende dieser oft quälenden Vorwahlen all jene Risse zu kitten, die sich zwischen ihnen aufgetan haben.

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