{Wie es der alten Dame auf der Ofenbank heute geht - und warum Krankheit relativ ist}

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Alt werden : Jenseits der Ofenbank

Ich denke wieder an die alte Dame. Stimmt das Bild vom zufriedenen Leben auf der Ofenbank? Ich rufe in Wallgau an. Ihre Schwiegertochter Annette Neuner geht ans Telefon. Bis heute ist das Hotel-Restaurant „Zur Post“ ein Familienbetrieb. Die alte Dame, erfahre ich, ist 98 Jahre alt und heißt Elli Neuner. Gemeinsam mit ihrem Mann Hans hat sie den Gasthof zu dem gemacht, was er heute ist. Sie war aktiv bis in die 1980er Jahre, also bis in ihre späten 60er. Dann zog sie sich aus dem Tagesgeschäft zurück, blieb aber natürlich, wie alle in der Familie, einfach da. „Ihr Leben war und ist dieses Haus“, sagt Annette Neuner.

Ob ich sie einmal sprechen kann, frage ich? Das sei schwierig, sagt die Schwiegertochter. Seit dem letzten Sommer sei es doch „rapide abwärtsgegangen“. Elli Neuner ist gestürzt, Oberschenkelhalsbruch. Seitdem hat die Verwirrung zugenommen, sie braucht jetzt Pflege. Jeden Morgen kommt eine Hilfe zum Anziehen und Duschen. Den Rest erledigt die Familie. Ob sie zufrieden ist? Annette Neuner überlegt. „Alt werden ist ja nicht immer schön“, sagt sie. „Man muss viel Abschied nehmen, da fließt schon mal eine Träne. Aber, doch, ich würde schon sagen, dass sie zufrieden ist.“

Die Phase der Gebrechlichkeit vor dem Tod bleibt von den Verbesserungen im Leben der Älteren abgeschnitten, sagen viele Altersforscher. Wir verschieben sie lediglich immer weiter nach hinten. Selbst für Ärzte, die sich auf das Altern spezialisiert haben, ist von außen oft lang nicht erkennbar, wie „gebrechlich“ jemand schon ist. Noch ist auch viel zu wenig über die Mikrobiologie des Alterns und ihr Zusammenspiel mit der Umwelt bekannt. Rudi Westendorp vergleicht es mit einem alten Glas, das schneller zerspringt als ein neues. Selbst, wenn es von außen noch intakt aussieht: In die Materialstruktur hat sich eine Vielzahl Fehler eingeschlichen. Ein Ereignis wie ein Sturz kann dann eine Kettenreaktion auslösen.

Auf die alten Bilder vom Altern folgen neue Klischees

Folgt man Westendorp, ist dieser zunächst versteckte und dann plötzlich offensichtliche Prozess des Alterns aus medizinischer Sicht nicht „normal“, sondern wie eine Krankheit, die man bekämpfen kann. Im Verlauf der letzten Jahrzehnte hat sich die Sichtweise auf viele vermeintlich „normale“ Alterungserscheinungen geändert. Osteoporose zum Beispiel galt einmal als „Materialverschleiß“. Heute ist Knochenschwund eine Krankheit, die man möglichst früh aufspüren und behandeln sollte.

Das Kranksein ist gerade im Alter relativ. Tatsächlich sind nämlich die heutigen Alten, obwohl sie sich deutlich wohler fühlen, nicht weniger „krank“. Im Gegenteil. Chronische Krankheiten nehmen zu, ebenso die „Multimorbidität“, das Zusammenfallen mehrerer Krankheiten. Medizin und Technik aber steigern dennoch das Befinden. Wer sein eigenes Knie nicht mehr beugen kann, bekommt eben ein neues.

Im „Erlebnisraum“ der Ausstellung im Museum für Kommunikation schnallen wir uns schwere Gewichte an die Füße und steigen eine Treppe, um nachzuempfinden, wie Altsein sich anfühlen kann. Muskelschwund, steht auf einer Erklärtafel, begleitet fast immer das Älterwerden. Bewegung kostet mehr Mühe – oder mehr Training. Man soll sich deshalb viel bewegen, steht dort.

Man ist so alt, wie man sich fühlt, das trifft immer stärker zu, und es ist einerseits ein Fortschritt. Die Subjektivierung des Alterns nimmt ihm das Stigma. Andererseits droht die Gefahr, die medizinisch-technische Machbarkeit als grenzenlos anzusehen und die Verantwortung für Gebrechen auf den Einzelnen zu übertragen. Die Grenze zwischen Nicht-Können und Nicht-Wollen verschwimmt scheinbar. Nicht mehr der Alte an sich wird stigmatisiert, aber der, der sich weigert durch lebenslanges Lernen, durch Gehirnjogging, mit Pillen, Ersatzteilen alterslos zu bleiben. Das Wort vom „Ruhestand“ habe ausgedient, sagte Joachim Gauck. Das ist emanzipatorisch gemeint. Und es ist die zentrale Handlungsanleitung der Alterswissenschaftler. Doch wenn der Unruhestand zum Imperativ wird, verlieren wir die Freiheit, einfach auf der Ofenbank zu sitzen und die Zeit vorbeiziehen zu lassen. Wir verlieren das Recht auf eine Existenz ohne Ziel und Zweck.

Die Politik will den Ruhestand abschaffen

Die „neuen Altersbilder“, die auch Gauck gefordert hat, müssen daher vor allem eines sein: vielfältig. Denn das ist noch so ein Alten-Klischee, das die Wissenschaft derzeit widerlegt. Ältere werden nicht gleicher, im Gegenteil. Jule Specht, eine Juniorprofessorin an der Freien Universität, konnte zeigen, dass auch über 70-Jährige noch einmal stark ihre Persönlichkeit verändern können. Das hohe Alter sei deutlich weniger homogen, als man bisher dachte. Das Bild vom braun-beige gekleideten, leicht verschrobenen Einheitssenior stimmt nicht. Zu diesem Schluss kam auch der sechste Altenbericht der Bundesregierung, der 2010 veröffentlich wurde. Der Individualität des Alterns würde die Politik bislang nicht gerecht, so die Wissenschaftler. „Einseitig ausgerichtete Altersbilder“ erschwerten „die gesellschaftliche und individuelle Nutzung von Potenzialen im Alter und eine selbstverantwortliche und mitverantwortliche Lebensführung älterer Menschen“, heißt es. Sie stünden einem angemessenen Umgang „mit der Verletzlichkeit des Alters“ entgegen.

Die gesellschaftliche und politische Antwort auf das Phänomen des alterslosen Alterns kann nur eine möglichst große Freiheit sein, die Förderung möglichst vieler unterschiedlicher Lebensmodelle: vom Heim über die Alters-WG bis zur Pflege in der Familie. Von der Frühverrentung bis zum Arbeiten bis zur letzten Minute.

Horst Morawietz lässt seine Gruppe einen Stapel Schwarz-Weiß-Bilder anschauen, die Ältere Menschen in Alltagssituationen zeigen. Eine ältere Besucherin wählt eine Großmutter beim Backen mit der Enkelin. Eine junge Frau sucht sich einen drahtigen Typen aus, der angeseilt eine steile Bergwand hinaufklettert. Ein Herr im Anzug in den 50ern wählt einen Mann, der im wuchernden Gras unter einem sommerlichen Obstbaum liegt, „weil er die Stadt verlassen hat und Zeitung liest, was auch meine Lieblingsbeschäftigung ist“. „Gut“, sagt Morawietz. „Aber kann das wirklich alles sein?“ „Zum Altern gehört ja auch fit bleiben und ein bisschen Bewegung“, beeilt sich die ältere Dame zu sagen. „Oooch“, sagt der Herr im Anzug, „kann für mich gern auch ein Dauerzustand sein.“

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