Amokfahrt Bottrop : „Die Menschen brauchen Klarheit“

Der Kriminologe Christian Pfeiffer im Gespräch über den Amokfahrer von Bottrop und die Bedeutung einer möglichen psychischen Erkrankung.

Absperrband der Polizei sperrt den Berliner Platz ab. Ein Autofahrer hatte hier in der Silvesternacht seinen Wagen gezielt in eine Fußgängergruppe gesteuert und mindestens vier Menschen zum Teil schwer verletzt.
Absperrband der Polizei sperrt den Berliner Platz ab. Ein Autofahrer hatte hier in der Silvesternacht seinen Wagen gezielt in eine...Foto: Marcel Kusch/dpa

Herr Pfeiffer, wenige Minuten nach dem Jahreswechsel fährt ein Autofahrer in Bottrop in eine Menschenmenge. Schnell werden Hinweise bekanntgegeben, dass Andreas N. wegen Schizophrenie in psychiatrischer Behandlung war. Ist es verantwortungsbewusst derart schnell auf eine psychische Erkrankung hinzuweisen?

Diese Art von Transparenz zum Hintergrund einer Tat, die Besonderheiten deutlich macht, finde ich korrekt. Die Menschen brauchen Klarheit, warum bedrohliche Geschichten passieren. Wenn erkennbar wird, dass dahinter eine massive psychische Störung steht, vermeidet das generelle Panik. Natürlich gibt es dann die andere Sorge, dass vielleicht viele Schizophrene durch die Gegend laufen, die einen umbringen könnten. Aber trotz aller fachlichen Debatten in der Psychiatrie dürfte eine Aussage gelten: Die große Mehrheit der psychisch Kranken wird nicht als gefährlich eingestuft. Es gibt unter ihnen immer wieder Einzelne, die aus ihren Wahnvorstellungen heraus solche Dinge tun oder Grenzgänger sind, zwischen psychischen Störungen und politischer Radikalisierung stehen.

Es gab Zeiten, da wurde die Nationalität der Täter nicht genannt. Hier hat eine Veränderung stattgefunden. Wie steht es bei psychischen Erkrankungen?

Früher waren die Regeln strenger. Doch dann hat man unter dem Eindruck des öffentlichen Interesses daran, ob jemand einen Migrationshintergrund hat oder nicht, die Bedingungen erleichtert. Mir erscheint es problematisch, dass heute das öffentliche Interesse der entscheidende Aspekt ist und nicht die Motivationslage des Täters: Bei dem Ehrenmord an einem türkischen Mädchen, die gegen den Widerstand der Familie mit dem falschen Mann liiert ist, muss die Öffentlichkeit erfahren, von wem und warum sie umgebracht wurde. Aber wenn zum Beispiel ein Ausländer ein Delikt begeht, das überhaupt nichts mit seiner Nationalität zu tun hat, sondern mit seiner Armut, dann finde ich es falsch, dass die Ausländereigenschaft genannt wird.

Wie beurteilen Sie den konkreten Fall?

Wenn, wie in diesem Fall, die Polizei gesicherte Informationen hat, dass der Täter psychisch behandelt wurde, finde ich es richtig, dass wir das erfahren. Würde das nicht genannt werden, würde zwischenzeitlich das falsche Bild entstehen, dass jemand allein aus Ausländerhass so eine Tat begeht. Vor allem in den neunziger Jahren hat es das oft gegeben. Aber offenkundig unterscheidet sich der jetzige Fall von diesen rechtsradikalen Mordtaten eben dadurch, dass hier möglicherweise die psychische Störung des Täters eine gewichtige Rolle spielt.

Auch in Tokio rammte ein Autofahrer in der Silvesternacht Fußgänger. Jetzt muss geprüft werden, ob er schuldfähig ist. Nehmen derartige Fälle zu?

Es gibt keine verlässlichen Statistiken hierüber. Mein Eindruck ist dennoch, dass die mediale Verbreitung dieser Tötungsform Nachahmungseffekte auslöst. Es kommt vor, dass Menschen in eine Amokstimmung geraten: Sie haben schwere Demütigungen, ihre persönliche Ohnmacht, ihr Scheitern im Leben zu verkraften, sie sind schwer psychisch verletzt worden, sie würden – wenn sie könnten – eine Schusswaffe nehmen und viele in den Tod reißen. Sie berauschen sich an der Vorstellung, nach allen ihren Ohnmachtserfahrungen plötzlich die größte Macht zu besitzen, nämlich Herr über Leben und Tod zu werden, die Panik in den Augen der Opfer zu sehen.

Dann greifen sie zur Schusswaffen - oder eben zum Auto...

Am schnellsten gelingt das mit der Schusswaffe – da kann man relativ dicht an die Opfer herankommen und die Panik noch viel stärker wahrnehmen als im Auto sitzend. Aber das Auto ist die zweitbeste Lösung, für jemanden, der in Amokstimmung ist. Das hat sich über die Medien weltweit sehr stark verbreitet und Terroristen, aber auch Amokläufer, die kein politisches Motiv haben, die setzen das Auto entsprechend ein.

Das Auto als probates Mittel für einen Menschen in Amokstimmung hat also in den letzten Jahren zugenommen?

Das hat leider dank der weltweiten Verbreitung solcher Bilder zugenommen. Vorher war das nicht so präsent. Manchmal richtet sich die Tat gegen eine bestimmte Gruppe, gegen die man speziellen Hass hat, die man verantwortlich macht für das eigene Scheitern oder die man als das Urübel ansieht. Es gibt diese Terrormotivation – z.B. ferngesteuert durch den IS – und es gibt die halb politischen und dann aber auch die ganz privaten Motive, seinem Leben ein Ende zu setzen und vorher noch aus seinem Ohnmachtsgefühl heraus diese Machtposition, Herr über Leben und Tod zu sein, zu genießen.

Kriminologe Professor Christian Pfeiffer
Kriminologe Professor Christian PfeifferFoto: Wendt/ Pfeiffer

Die mediale Verbreitung kann also als Beschleuniger für derartige Taten gesehen werden?

Es ist keineswegs sicher, dass die Kombination von Amoklauf unter Einsatz des Autos und dem Verstärkungsfaktor der psychischen Erkrankung häufiger geworden ist. Die Digitalisierung hat aber dazu geführt, dass wir mehr wissen, dass die Polizei schneller an Informationen herankommt, wie eine bestimmte Tat zu erklären ist. Dadurch entsteht der Eindruck, dass die Zahl solcher Fälle zunimmt, obwohl sie gar nicht real ansteigt, sondern nur das schnelle Wissen über die Hintergründe.

Die Zahl derartiger Fälle ist also nicht angestiegen?

Ich gehe davon aus, dass wir früher den Fakt der psychischen Störung nicht so schnell wahrgenommen haben. Dadurch ist zunächst der Eindruck entstanden, dass es eine reine Terrortat sei, obwohl auch da eigentlich eine psychische Störung eine gewichtige Rolle gespielt hat. Die Informationsdichte ist heute höher und dadurch drängt sich der möglicherweise falsche Eindruck auf, die psychische Störungen sei ein neues Phänomen im Bereich des Terrors. Genaue Untersuchungen darüber gibt es wenige, weil die Täter oft die Tat nicht überleben – wegen Suizids, oder weil die Polizei sie getötet hat. Doch je häufiger wir Terroristen vor Gericht bringen, umso häufiger werden auch die Psychiater ihre Rolle spielen und aufzuklären haben, ob psychische Störungen einen Beitrag zur Tat geleistet haben.

Im vergangenen Jahr raste ein psychisch labiler Deutscher in Münster auf einen belebten Platz. Nun Bottrop. Wie kann die Polizei - wie wir als Gesellschaft, derartigen Anschlägen vorbeugen?

Indem sie auf Kurs bleibt und in unserem Land gesellschaftlich die Gerechtigkeit und den sozialen Zusammenhalt fördert. Das hat sich bewährt. Man sieht es auch an den Zahlen. Das Risiko eines gewaltsamen Todes zu sterben, nimmt ab. Seit dem Jahr 2000 ist beispielsweise die Zahl der vorsätzlichen Tötungen, dass man also Opfer eines vollendeten Totschlages oder Mordes wird, um 31% gesunken. Taten mit besonderem Bedrohungspotenzial haben noch stärker abgenommen: Sexualmorde seit Mitte der achtziger Jahre um 90 %, Schusswaffentötungen seit Mitte der Neunziger Jahre um 70 %. Es ist nicht so, dass alles immer schlimmer wird.

...sondern?

Die mediale Welt – die digitale Vernetzung - sorgen dafür, dass der falsche Eindruck entsteht, die Welt sei gefährlicher geworden. Die gefühlte Kriminalitätstemperatur ist umso stärker von der Wirklichkeit entfernt, je mehr die Leute fernsehen, weil die Wucht der Bilder noch viel stärker ist als die der Schlagzeilen. Das Gegenteil ist jedoch richtig. Die Gewalt geht umso stärker zurück, je schwerer die Tat ist.

Christian Pfeiffer ist Kriminologe und ehemaliger Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen e.V. (KFN).

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