Andrea Nahles ist neue SPD-Chefin : Kann diese Frau die Sozialdemokratie retten?

Andrea Nahles hält eine der besten Reden ihrer Karriere – mit nur 66,4 Prozent der Stimmen ist die neue SPD-Vorsitzende trotzdem lädiert. Dabei beginnt die Arbeit jetzt erst.

Die neue SPD-Chefin Andrea Nahles
Die neue SPD-Chefin Andrea NahlesFoto: dpa/Bernd von Jutrczenka

Simone Lange gibt sich kämpferisch. "Wenn wir jetzt nicht mutig sind, weiß ich nicht, ob wir es in Zukunft noch sein können", ruft die 41-jährige Flensburgerin. Sie steht im knallroten Kleid vor den Delegierten des SPD-Parteitages in Wiesbaden, sie wirkt zierlich. "Ich kandidiere, weil Demokratie nichts mit Alternativlosigkeit zu tun hat", sagt sie. Doch sie kann nur schwer punkten.

Lange wirft mit Worthülsen um sich - Frieden, Freiheit, innere Sicherheit – ohne zu erklären, was sie konkret fordert. Der Applaus ist bestenfalls höflich – er kommt vor allem von ihren Unterstützern, die als Besucher angereist sind und ganz hinten im Saal sitzen. Sie haben Schilder mitgebracht. "Liebe Delegierte, schreibt Geschichte! Wählt Simone", steht darauf.

Dass die Flensburger Bürgermeisterin bei der Wahl zur SPD-Parteivorsitzenden am Ende trotzdem 27 Prozent bekommt, sagt viel über die Stimmung in der SPD aus. Simone Lange war vor allem angetreten, um eine Alternative anzubieten zur Kandidatur von Andrea Nahles. Sie präsentierte sich als Anti-Establishment Kandidatin, als Underdog.

Eine Kampfkandidatur hatte es zuletzt 1995 gegeben – als Oskar Lafontaine den amtierenden Vorsitzenden Rudolf Scharping herausforderte. In Wiesbaden bekommt Nahles den Unmut der Delegierten zu spüren. Sie wird mit 66,35 Prozent gewählt – und ist zu Beginn gleich schwer beschädigt.

Wer die Rede von Nahles hört, kann erstaunt sein über das schlechte Ergebnis. Nahles hält eine der besten Reden ihrer Karriere. Sie beherrscht in Wiesbaden die leisen Töne ebenso wie die lauten, sie will Aufbruch verkörpern – obwohl sie schon länger Parteifunktionärin ist, als manche der Delegierten im Saal alt sind.

"Heute wird die gläserne Decke durchbrochen"

In ihrer Rede zeigt sich Nahles begeistert von dem historischen Moment, das erste Mal soll eine Frau SPD-Chefin werden – Nahles ruft "Vorsitzendeeeee", um die Endung deutlich zu machen. "Heute hier auf diesem Bundesparteitag wird die gläserne Decke durchbrochen. Und sie bleibt offen!", donnert sie.

Nahles spricht über Solidarität und Rechtspopulisten. Sie sagt, die SPD müsse die Kraft haben Probleme mit Integration und Zuwanderung klar zu benennen – ohne Angst, "in irgendeine Ecke gestellt zu werden". Sie nennt das "Realismus ohne Ressentiments" -  das sei der Kompass für Integration und Zusammenleben der Kulturen. "Und weil wir diesen Kompass haben, können wir auf den Unsinn mit der Leitkultur locker verzichten."

Nahles nutzt es natürlich aus, dass sie in den Koalitionsverhandlungen dabei war. "Einen öffentlich geförderten Arbeitsmarkt für Langzeitarbeitslose", habe man erreicht. "Darauf bin ich persönlich stolz." Wenn man nur die Agenda 2010 oder Hartz IV abwickle, habe man "noch keine einzige Frage beantwortet". Nahles verspricht, die Partei zu erneuern, auch wenn sie selbst nicht neu sei. "Man kann eine Partei in der Regierung erneuern, diesen Beweis will ich ab morgen antreten." Am Ende wird sie ihre 30 Minuten Redezeit ausgenutzt haben – während Lange nur 17 Minuten redete.

Nahles, die von Anfang an beschädigte Parteivorsitzende, hat jetzt eine schwere Aufgabe vor sich. Die SPD steht derzeit noch bei 17 Prozent. Der Status als Volkspartei ist bedroht – wenn Nahles es nicht schafft, die SPD zu erneuern, könnte sie das gleiche Schicksal ereilen wie viele andere sozialdemokratische Parteien in Europa. Doch nur jeder Dritte traut ihr laut einer Umfrage vor dem Parteitag von infratest dimap zu, die Sozialdemokratie wieder zu stärken.

Simone Lange beklagte im Vorfeld, sie sei unfair behandelt worden

Auch in der eigenen Partei gibt es skeptische Stimmen: Nahles ist zwar nicht Teil des Kabinetts, aber als Fraktionschefin muss sie trotzdem die Koalition mit der Union zusammenhalten. „Vormittags mit der Union gemeinsame Politik machen und sich nachmittags gegen CDU und CSU profilieren“ – auch Herausforderin Lange fragte: „Wie soll das gehen?“ Damit dürfte sie einigen im Saal aus dem Herzen gesprochen haben. Nahles hatte auch mit ihrem Engagement für die Groko viele in der Partei gegen sich aufgebracht.

Für Unmut hatte im Vorfeld außerdem der Umgang der Parteispitze mit der Herausforderin Lange gesorgt. Die hatte sich beschwert, sie fühle sich unfair behandelt. Im "Deutschlandfunk Kultur" sagte sie, es wurme sie, dass die SPD nicht souveräner damit umgehen könne, dass es nun mehrere Kandidaturen gibt. In einem Interview mit der „Welt“ monierte sie außerdem, SPD-Fraktionschefin Andrea Nahles habe ihr eine SMS geschrieben und ihr angeboten, zusammen Kaffee trinken zu gehen, dann aber keine Zeit gehabt.

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Lange gibt sich am Schluss als faire Verliererin, sie wünscht Nahles alles Gute und verspricht, sie werde im „Sinne der Einheit der Partei“ ihren Beitrag leisten. Für Nahles hat Langes Kandidatur ein Gutes: Sie kann zumindest versuchen, ihr schlechtes Ergebnis auf die Gegenkandidatin zu schieben.

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