Angela Merkel verzichtet auf Parteivorsitz : Lieber pragmatisch als ideologisch

Angela Merkel hat die CDU nach ihrem Bild geformt. Und als Kanzlerin hat sie jeden ihrer Regierungspartner niederkoaliert. Ein Kommentar.

Kanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel
Kanzlerin und CDU-Chefin Angela MerkelFoto: AFP/Tobias Schwarz

Sic transit gloria mundi, so vergeht der Ruhm der Welt, nicht wahr? Ihr Ruhm auch, der von Angela Merkel, zumindest heute und dieser Tage. Es bleibt kaum Raum, ihre Jahre zu würdigen, diese enorme Anstrengung, die bald zwei Jahrzehnte im CDU-Vorsitz und 13 Jahre im Kanzleramt. Wer wird das noch einmal schaffen können?

Die Christdemokraten befreien sich jedenfalls gerade atemberaubend schnell. Merkels Nachfolge: als hätten sie nur auf diese Möglichkeit gewartet, diesen Tag nach dem schlechten Ausgang der Hessenwahl. Aber hatte nicht auch Merkel als die noch Amtierende den internen Nachfolgewettbewerb längst freigegeben, ja geradewegs dazu aufgefordert?

Sie folgte ihrer Erfahrung, dass einen Nachfolger selbst zu benennen nicht gelingen würde. Womit wir im Übrigen bei einem nicht zu vernachlässigenden Teil ihres Erbes sind, wenn Merkel denn abgetreten sein wird: diese Nüchternheit, dieses Unprätentiöse. Das hat sie stets umgeben wie ein Schutz, und es hat die Altmännerpartei CDU nicht nur mit der ersten Frau an der Spitze versöhnt – es hat die Partei verändert. Grundlegend.

Die CDU "merkelte"

Selbst die größten Machos haben lernen müssen, was ihnen geschieht, wenn sie bleiben wollten, wie sie sind: Merkel hat sich dann nicht aufgespielt – sie hat sie gegeneinander ausgespielt. Mochten die Herren herrisch sein, die CDU merkelte längst. Merkeln, ein Tätigkeitswort, das passt: Merkel hat die CDU nach ihrem Bilde geformt, mehr als alle Männer es hätten tun können, ihre Konkurrenten, über die heute keiner mehr spricht. Oder, halt, gerade über einen, von dem aber längst nicht alle in den höchsten Tönen reden: Friedrich Merz.

Die Merkel-CDU ist, weiß Gott, eine andere als die Kohl-CDU. Nicht im Hinblick auf den Machtwillen. Nein, der ist der CDU wie genetisch eingegeben. Sie war immer die Partei, die zu ihrem jeweiligen Kanzler und Parteichef stand. Aber weil das so ist, weil die CDU eine Kanzler(innen)wahlpartei ist, erschien es ja auch immer naheliegend, beides miteinander zu vereinen, den Vorsitz und die Kanzlerschaft. Da wird es nun umso fordernder, eine Lösung zu finden, die den Anspruch aufs Kanzleramt nicht gefährdet. Das will keiner, auch keiner von denen, die zuletzt den Abschied von Merkel herbeizwingen wollten, vor allem den in der CDU.

Dann, wenn es ans tatsächliche Abschiednehmen geht, auf dem Parteitag Anfang Dezember, wird der Blick aber auch noch einmal freier auf das, was von Merkel bleibt. Außer Gestus und Habitus, außer der Raute, die sie zeigen wird. Was bleibt, ist die Erfahrung mit einer Politik, die im Wesentlichen jetzt keine Parteien mehr kennt, sondern vor allem, über allem Anforderungen, Themen, Projekte, Tatbestände. Die Methode Merkel: Sie übernimmt, was ihr sinnvoll erscheint, macht es dabei zu ihrem, so dass die Menschen glauben, es stamme von ihr. Keine größere Reform ihrer Jahre wird mit denen verbunden, die sie ins Werk gesetzt haben – sondern alle mit der Kanzlerin. Auch nicht mit ihrer Partei, der CDU.

Ersatz für das Ideologische


Merkel hat in diesem Sinne noch jeden niederkoaliert, der sich auf eine Regierung mit ihr eingelassen hat. Die Freidemokraten zuerst, jetzt die Sozialdemokraten. Sie hat das CDU-Mantra – konservativ, liberal, sozial zu sein – in einer Weise instrumentalisiert, dass kein politischer Gegner damit umgehen kann. Das Liberale oder das Sozialdemokratische wurden jeweils betont, doch immer als Mittel zum Zweck. Das ist das Postulat ihres Pragmatismus: Sagen die Umfragen, dass Lösungen der anderen gut beim (Wahl-)Volk ankommen, werden sie gemacht. Nicht zum Schlechten des Volkes.

Auf diese Weise hat in ihren Jahren das Pragmatische das Ideologische ersetzt. Was in Zeiten, in denen Nationalisten es in der Welt wieder mit Ideologien versuchen, kontrafaktisch wirkt. Aber am Ende kann Angela Merkel genau dafür gerühmt werden. Und das soll ihr erst einmal einer nachmachen.

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