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Angst vor Lieferengpässen : Mehrheit wünscht Arzneiproduktion in Europa

92 Prozent der Bürger wünschen, dass Medikamente stärker in Deutschland oder Europa produziert werden. Und zwar auch, wenn dadurch die Preise steigen.

Alles lieferbar? Mehr als 90 Prozent der Deutschen wünschen sich eine Rückverlagerung der Arzneiproduktion nach Europa.
Alles lieferbar? Mehr als 90 Prozent der Deutschen wünschen sich eine Rückverlagerung der Arzneiproduktion nach Europa.Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa

Eine überwältigende Mehrheit der Bundesbürger würde Mehrkosten für Medikamente und Schutzmaterialien akzeptieren, wenn diese verstärkt in Deutschland oder Europa hergestellt werden. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Forsa-Umfrage im Auftrag der Robert Bosch Stiftung, die dem Tagesspiegel Background Gesundheit & E-Health vorliegt. 

Aus Gründen der Versorgungssicherheit wünschen sich demnach 92 Prozent eine solche Rückverlagerung von Teilen der Produktion und nähmen dafür auch höhere Preise in Kauf. Für unnötig halten eine solche Konsequenz aus der Coronakrise lediglich fünf Prozent.

Das grundsätzliche Vertrauen ins deutsche Gesundheitssystem scheint durch die Angst vor Lieferengpässen aber wenig erschüttert. So äußerten mehr als zwei Drittel der Deutschen großes (55 Prozent) oder sogar sehr großes Vertrauen (14 Prozent) darin, dass die Politik auch in Zukunft eine qualitativ hochwertige und bezahlbare medizinische Versorgung für alle Bürger sicherstellt.

89 Prozent für Gesundheitserziehung in Kitas und Schulen

Ähnlich eindeutig äußerten sich die Befragten zu der Idee, in Kitas und Schulen künftig auch Grundkenntnisse zu Gesundheit, Hygiene und anderweitigem Schutz vor Krankheiten zu vermitteln. 89 Prozent unterstützen diese Forderung, nur neun Prozent sind dagegen. Und 65 Prozent halten es für nötig, die in der Coronakrise an ihre Grenzen geratenen Gesundheitsämter mit mehr Personal und Ausrüstung auszustatten.

Der Ansicht, dass es die Möglichkeit einer telefonischen Krankschreibung bei leichteren Fällen wie Erkältungen auch künftig geben sollte, ist allerdings nur etwas mehr als ein Drittel der Befragten. 60 Prozent plädieren dagegen für die vor der Coronakrise geltende Praxis, wonach es für alle Krankschreibungen zwingend einer Untersuchung beim Arzt bedarf. Gegen die liberalere Lösung sind vor allem Ältere, bei den unter 45-Jährigen halten sich Befürworter und Gegner einer Krankschreibemöglichkeit per Telefon die Waage. Die Sonderregelung für telefonische Krankschreibungen wegen der Coronakrise ist zum 31. Mai ausgelaufen. Sie war mehrmals verlängert worden, um Ansteckungsmöglichkeiten zu verringern und Arztpraxen zu entlasten.  

Über die Ergebnisse der Studie und die gewünschten Veränderungen will Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am kommenden Montag mit Bürgern diskutieren. Auf den Tisch kommen sollen dabei dann auch noch anderweitige Reformvorschläge für das Gesundheitssystem, an denen die Robert Bosch Stiftung gemeinsam mit Bürgern und Experten seit über einem Jahr gearbeitet hat. Die aktuelle Studie vor dem Hintergrund der Coronakrise, für die zwischen dem 22. und dem 28. Mai 1.011 Bürger befragt wurden, war dafür jetzt sozusagen noch das Tüpfelchen auf dem I.

Bezahlbarkeit der Versorgung ist für die meisten am wichtigsten

Der Umfrage zufolge meint zwar nur eine Minderheit von 16 Prozent, dass das deutsche Gesundheitssystem von Grund auf verändert werden müsse. 69 Prozent sehen allerdings in etlichen Bereichen Änderungsbedarf. Bei den Prioritäten für die Zukunft rangiert dabei an erster Stelle die Bezahlbarkeit der Gesundheitsversorgung. 76 Prozent finden das „sehr wichtig“. Ganz oben in der Skala der vordringlichen Wünsche stehen zudem bessere Arbeitsbedingungen für das Pflegepersonal (75 Prozent) und der gleiche Zugang aller Bürger zu hochwertiger medizinischer Versorgung (72 Prozent).

68 Prozent der Befragten wiederum ist es ein besonderes Anliegen, dass das Gesundheitssystem langfristig solide finanziert ist – und zwar auch mit Blick darauf, dass die Zahl der alten Menschen weiter steigt. 62 Prozent wünschen sich zuvorderst, dass mehr in die Ausbildung von medizinischem Personal und Pflegekräften investiert wird. 59 Prozent finden es sehr wichtig, dass sich Ärzte und Pflegekräfte für ihre Patienten mehr Zeit nehmen.

Es folgt die Forderung, dass Kranke schneller Termine und Behandlung erhalten (54 Prozent), dass die Kosten für die Systemsicherung gerechter verteilt werden (49 Prozent) und dass die bisherige Trennung zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung zugunsten einer einheitlichen Krankenversicherung für alle aufgegeben wird (43 Prozent). Als „wichtig“ empfinden eine solche Beseitigung des europaweit einmaligen Doppelsystems – Stichwort Bürgerversicherung – übrigens zwei Drittel der Befragten.

Vor allem Frauen wollen, dass sich Ärzte und Pflegekräfte mehr Zeit nehmen 

Auf den weiteren Plätzen der Wunschliste: mehr Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung vor Pandemien (33 Prozent), Gesundheitszentren für eine Versorgung „aus einer Hand“ (32 Prozent), mehr Informationen für gesundheitsbewusstes Verhalten (30 Prozent), eine stärkere Nutzung digitaler Möglichkeiten in der Versorgung (29 Prozent), mehr Patienteneinblick in Behandlungskosten (24 Prozent), mehr Verantwortung für Pflegekräfte (23 Prozent) und mehr Video- oder Telefonsprechstunden (16 Prozent).

Bei alldem gibt es deutliche Unterschiede mit Blick auf Geschlecht und Alter. So finden es Frauen wichtiger als Männer, dass sich Ärzte und Pflegekräfte mehr Zeit nehmen können. Befragten unter 30 sind höhere Investitionen in die Ausbildung von medizinischem Personal und Pflegekräften wichtiger als dem Durchschnitt. Über 60-Jährige dagegen wünschen sich häufiger als Jüngere einen besseren Schutz vor Pandemien.

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