Anschlag in der Kölner Keupstraße : NSU-Opfer kritisieren Ex-Innenminister Schily

Die Sicherheitsbehörden vermuteten die Täter des Kölner Anschlags 2004 im "kriminellen Milieu". Dadurch sei ein "Klima der Angst" entstanden, sagt ein Anwalt im NSU-Prozess.

Der ehemalige Bundesinnenminister Otto Schily (SPD).
Der ehemalige Bundesinnenminister Otto Schily (SPD).Foto: IMAGO

Bei den Plädoyers der Nebenkläger im NSU-Prozess haben am Dienstag zwei Opfer des Bombenanschlags in der Kölner Keupstraße Vorwürfe gegen die Polizei und Ex-Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) erhoben. „Die Worte des Innenministers enttäuschten uns alle in der Straße“, sagte der Einzelhändler S., der in den Medien nicht mit vollem Namen genannte werden möchte, bei der Verhandlung im Oberlandesgericht München.

Schily hatte am 10. Juni 2004, einen Tag nach der Explosion der Nagelbombe, öffentlich geäußert, die Erkenntnisse der Sicherheitsbehörden deuteten nicht auf einen terroristischen Hintergrund hin, „sondern auf ein kriminelles Milieu“. Da sei klar gewesen, „was wir zu erwarten haben“, sagte der Café-Betreiber A., der ebenfalls nicht mit vollem Namen in der Presse erscheinen will. Die Polizei ermittelte jahrelang, ob der Anschlag Teil eines Machtkampfs von Kriminellen in der Keupstraße gewesen sei.

Nachdem der NSU 2011 aufgeflogen war gab Schily einen „schwerwiegenden Irrtum“ zu. Bei dem Angriff der NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos wurden mehr als 20 Menschen verletzt. Die Keupstraße war in Teilen verwüstet. Der Einzelhändler S. erlitt einen schweren Hörschaden und wird noch heute von psychischen Beschwerden geplagt. Er hält es für „unfassbar“, dass die Polizei damals die Bewohner verdächtigten, in den Anschlag verstrickt zu sein. Bei einer Vernehmung habe er dem Beamten gesagt, die Tat hätten Neonazis begangen. „Der Gesichtsausdruck des Polizisten veränderte sich, er sagte ,psscht’“, erinnerte sich S.

Aus Angst nicht an die Behörden gewandt

Cafébetreiber A. sagte, die Polizei habe ihn nicht als Geschädigten vernommen. Aus Angst, als Täter verdächtigt zu werden, habe er sich auch nicht an die Behörde gewandt. Und er traute sich nicht, zum Arzt zu gehen, weil er vermutete, dann der Polizei gemeldet zu werden. Bei dem Anschlag war im linken Ohr von A. das Trommelfell geplatzt. Erst als 2011 bekannt wurde, dass der NSU den Angriff verübt hatte, sei er zu einem Hals-Nasen-Ohren-Arzt gegangen, sagte A. „Da war es natürlich zu spät.“

Der Anwalt von A., Berthold Fresenius, hielt Schily vor, seine Äußerung habe „die an rassistischen Vorstellungen und Mythen orientierte Vorgehensweise“ der Ermittler legitimiert. Die Bewohner der Keupstraße hätten sehr schnell erfahren müssen, dass die Polizei die Täter bei ihnen suchte und nicht in neonazistischen Kreisen. Dazu seien verdeckte Ermittler und türkische V-Leute eingesetzt worden. Die Menschen in der Keupstraße hätten begonnen, „einander zu misstrauen“. Das vom Staat geschaffene „Klima der Angst“ habe die Bewohner „massiv getroffen“, sagte der Anwalt.

Der neue Morgenlage-Newsletter: Jetzt gratis anmelden!