Segenswünsche für Adolf Hitler

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Antisemitismus in der Türkei : Hass gegen Juden: „Allah soll Hitler segnen"
Cigdem Toprak

Heute finde der Antisemitismus nicht auf der Straße, also an Universitäten oder Behörden statt, sondern vor allem in den Zeitungen und Sozialen Medien.

„Wir wissen nicht, verstehen nicht, warum dieser Antisemitismus in den regierungsnahen Zeitungen existiert. Sie ernähren sich, indem sie sich Feinde schaffen und dieser Feind ist oft „der Jude“. Das muss aufhören, jeder Staatsanwalt in Europa würde diese antisemitischen Äußerungen ans Gericht bringen. Aber hier werden die Verfahren nicht einmal eröffnet, selbst wenn man als Betroffener Anzeige erstattet.“, so Molinas.

Popsängerin twitterte "Allah soll Hitler segnen"

Als die türkische Popsängerin Yildiz Tilbe im vergangenen Jahr als Reaktion auf die israelische Außenpolitik an ihre über 800.000 Follower twitterte „Allah soll Hitler segnen, er [Hitler] hat ihnen [den Juden] nicht genug angetan.“, rief es Tausende weitere antisemitische Reaktionen im Netz hervor. Strafrechtliche Folgen? Keine. Was die Lage aber besonders verschärft, ist die Tatsache, dass diesem Antisemitismus keine zivile Gegenbewegung entgegensteuert.

Die bekannte Hürriyet-Journalistin Ayse Arman, die keinerlei Ressentiments gegen ihre jüdischen Mitbürger pflegt, hat in ihrem jüngsten Interview mit der Popsängerin diese nicht auf ihre antisemitischen Äußerungen angesprochen. Wie einige ihrer anderen Kollegen ignorierte sie die feindliche Haltung der Musikerin gegenüber dem jüdischen Glauben.

In Zeiten von Pressezensur in türkischen Medien werden Journalisten, die sich schützend vor Minderheiten stellen, auch Zielscheibe von feindlichen Angriffen und eben gerne als „Judenknechte“ beschimpft.

„Wir wollen keine Sonderrechte, sondern als gleichwertige Bürger dieses Landes respektiert werden“, unterstreicht Molinas, der sich nicht davor scheut, sich als Türke zu bezeichnen. Seine jüdische Identität empfindet der Journalist als eine kulturelle, die natürlich durch das Judentum beeinflusst sei. Israel fühlt sich Molinas mit Herzen verbunden, aber er erwäge nicht nach Israel auszuwandern, wie dies jährlich etwa 150 jüdisch-türkische Staatsbürger tun. „Natürlich bin ich betrübt, wenn in der Türkei falsche und manipulierte Informationen über Israel in den Medien wiedergegeben werden.“

Jüdische Geschäftsleute im Visier der türkischen Justiz

Zu den üblichen antisemitischen Verschwörungstheorien heißt es auch in der Türkei, dass Juden im Geheimen „die Fäden ziehen“. Dabei ist die jüdische Community in der Türkei wirtschaftlich und politisch keineswegs einflussreich, sondern gehört einer intellektuellen Mittelschicht an, die bereits in den 50er Jahren durch die Türkisierungspolitik ein Großteil ihres Vermögen aufgrund von hohen Steuergaben abgeben mussten.

Dennoch geraten die wenigen, bedeutenden jüdisch-türkischen Geschäftsmänner wie Cem Hakko, dem die bekannte Textilmarke „Vakko“ gehört oder der Vorstandsvorsitzender Ishak Alaton der Alarko Unternehmensgruppe ins Visier der türkischen Justiz. Hakko wurde 2007 vorgeworfen mit Äußerungen auf einer Privatveranstaltung das Türkentum zu beleidigen. Hakko dementierte es.

Jüngst wurden die seit einem Jahr andauernden Ermittlungen der Staatsanwalt Ankara gegen den 88-jährigen Ishak Alaton bekannt, mit dem Vorwurf die Gülen-Bewegung in der Türkei finanziell zu unterstützen, die, so behauptet es die AKP, Putschversuche gegen die türkische Regierung unternommen und Parallelstrukturen im türkischen Staat etabliert habe. Der Journalist Yavuz Baydar bezeichnete in seiner Kolumne in der Tageszeitung „Birgün“ die Ermittlungen gegen Alaton als „absurd“ im Zusammenhang mit den besorgniserregenden Entwicklungen in der Türkei, bei denen Recht und Gesetz dafür missbraucht wird, die Opposition zum Schweigen zu bringen.

Ermittlungen gegen Vorstandsvorsitzenden

Die Ermittlungen basieren auf Inhalten einer Biografie über Alaton, in denen eben jene Vorwürfe laut werden. Die regierungsnahe Zeitung „Safak“ kritisierte Alaton bereits zu Beginn der Ermittlungen im August 2014 für seine Äußerungen in einem Interview mit der Tageszeitung „Zaman“, in denen er sich über die Kursänderung der AKP-Regierung nach 2007 von ihrer modernisierenden, demokratischen und europagewandten Politik beschwerte. Alaton habe sich nicht von der Gülen-Bewegung distanziert, die als Vaterlandsverräter gelten.

Dabei gilt der in der Türkei geborene und aufgewachsene nicht nur als eine der erfolgreichsten Unternehmer der Türkei, sondern ist ein überzeugter Verfechter der Demokratie und Menschenrechte in der Türkei. Alaton setzt sich für die Anerkennung des Armenien-Genozids sowie für Minderheitenrechte ein. Im selben Interview klagte Alaton: „Einer meiner größten Frustrationen ist, dass ich trotz meiner ganzen Bemühungen der Türkei nicht eine zivilisierte, liberale Sozialdemokratie erklären konnte.“

Alaton hätte wie viele der türkischen Juden die Türkei verlassen können, die um ihr Leben und ihre Existenz in der Türkei Angst haben. So wie es Alatons jüngerer Bruder tat, nach dem er Augenzeuge der schrecklichen Übergriffe auf nicht-muslimische Geschäfte in türkischen Großstädten wurde. Er wanderte 1955 nach Schweden aus und kam nie wieder in die Türkei. Alaton habe seit zwanzig Jahren nicht mehr mit seinem Bruder gesprochen, weil sich sein Bruder gegen und Alaton sich für das Leben als Türke entschieden habe.

 

 

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