• Antisemitismus und Islamfeindlichkeit in Deutschland: Wir machen Juden und Muslime zu Nicht-Deutschen

Der Christ gilt automatisch als guter Bürger

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Antisemitismus und Islamfeindlichkeit in Deutschland : Wir machen Juden und Muslime zu Nicht-Deutschen
Sabine Schiffer

Auch die Verbände kooperieren mehr. Dieter Graumann (l.) und Ayman Mazyek repräsentieren die Zentralräte ihrer Religionen in Deutschland.
Auch die Verbände kooperieren mehr. Dieter Graumann (l.) und Ayman Mazyek repräsentieren die Zentralräte ihrer Religionen in...Foto: DPA

Nach dem „verlorenen“ Kampf gegen den Synagogenbau wurden Juden als „Staat im Staate“ verdächtigt, die diesem gegenüber nicht loyal seien, obwohl sie sich vielleicht „geschickt verstellten“. Das Misstrauen den Juden gegenüber ging so weit, dass ihre Schriften und Predigten auf Deutsch verfasst werden sollten, damit sie kontrollierbar waren – analog dazu gab es in der Neuzeit Forderungen deutscher Politiker, in den Moscheen solle deutsch gesprochen werden. Bei den historischen Debatten, ob jüdische Lehrer denn loyale Staatsdiener sein könnten, wurde die Prämisse deutlich, dass Christen automatisch als gute Bürger galten. Dies schwingt auch heute noch in Formulierungen mit, die auch von Betroffenen übernommen werden.

Wenn etwa davon die Rede ist, dass die „Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen“ gut voran geschritten sei, oder auch, dass „das Verhältnis von Deutschen und Muslimen“ schwierig sei, dann gilt in beiden Fällen: Juden und Muslime sind keine Deutschen. Der prototypische Deutsche ist Christ, auch wenn gegenüber Muslimen gerne das „jüdisch-christliche Erbe“ betont wird. Von „christlich-deutschen“ Autoren oder Randalierern ist nie die Rede. Sprachlich markiert werden nur die Anderen, sogar im wohlmeinenden Diskurs.

Juden und Muslime werden anders gemacht

Qualitativ gibt es durchaus Unterschiede zwischen der These von der „Judaisierung“ und der von der „Islamisierung“ der Welt, letzteres hat nicht den Welterklärungsanspruch wie ersteres. Und ein weiterer wichtiger Unterschied ist: Während man sich Muslimen und „deren Rückständigkeit“ gegenüber eher überlegen fühlt, ist das Unterlegenheitsgefühl Juden gegenüber bis heute geblieben. Dies äußert sich unter anderem in Schriften rechtspopulistischer Autoren ohne genealogische Studien, die osteuropäischen Juden eine „15 Prozent höhere Intelligenz“ zusprechen.

Insofern gibt es weiterhin genug zu tun in der Bekämpfung von Antisemitismus – aber auch von Islamophobie. Statt Opferkonkurrenz zu befördern gilt es, den Reflex der fehlenden Empathie für vergleichbar Diskriminierte abzubauen. Als Ressentimentträger kommen dabei immer alle in Frage, die Mitglieder von Minderheiten und Mehrheiten – wir alle also.

Islamexpertin Sabine Schiffer
Islamexpertin Sabine SchifferFoto: IMV

Sabine Schiffer promovierte zur Islamdarstellung in den Medien und hat 2009 mit Constantin Wagner das Buch „Antisemitismus und Islamophobie – ein Vergleich“ veröffentlicht. 2005 gründete sie das unabhängige Institut für Medienverantwortung.

Lesen Sie hier alle Beiträge unserer Debatte zu den Themen Juden und Muslime in Deutschland:

Armin Langer: Muslime sind die neuen Juden.

Jascha Nemtsov: Muslime sind nicht die neuen Juden.

Lamya Kaddor: Reden wir über Antisemitismus und Islamfeindlichkeit.

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