Apec-Gipfel in Peking : China, Japan, USA & Co.: Schrecklich nette Nachbarn

Die Pazifik-Anrainer treffen sich zum Apec-Gipfel. Sie schwanken zwischen Kooperation und Konfrontation. Wer hat das Sagen in Asien?

Olympia? Nein, Peking feiert nicht schon wieder die Spiele. Stattdessen treffen sich die mächtigsten Wirtschaftsvertreter des Pazifik-Raums zur Apec-Konferenz.
Olympia? Nein, Peking feiert nicht schon wieder die Spiele. Stattdessen treffen sich die mächtigsten Wirtschaftsvertreter des...Foto: dpa

Ein Hauch von Geschichte lag in der Luft, als US-Präsident Barack Obama im November 2011 die Hinwendung seiner Nation nach Asien verkündete. „Ich habe eine strategische Entscheidung getroffen: Als Pazifiknation werden die USA eine größere und langfristigere Rolle in der Gestaltung dieser Region und ihrer Zukunft spielen“, erklärte Obama vor dem australischen Parlament in Canberra.

In der alten Welt fürchteten damals viele, der amerikanische „Pivot to Asia“ („Schwenk nach Asien“) werde zwangsläufig das Interesse der USA an Europa und seiner Nachbarschaft verringern – und auch die Bereitschaft Washingtons, sich für die Lösung von Problemen in dieser Region zu engagieren. Manche Beobachte kritisierten, die Präsenz Europas in der wirtschaftlichen Boom-Region des asiatisch-pazifischen Raumes entspreche deren wachsender Bedeutung in der globalisierten Welt in keiner Weise. Denn seine Bewohner erbringen heute 57 Prozent der Weltwirtschaftsleistung.

So beeindruckend die ökonomische Entwicklung der Region ist, so instabil scheint ihre politische Ordnung: In wichtigen Ländern ist der Nationalismus auf dem Vormarsch, der Streit um Inseln im ostasiatischen und Erdgas im südchinesischen Meer schürzt sich nach Ansicht von Beobachtern zu einem Konfliktpotenzial wie dem am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Manche Analytiker vergleichen die ökonomische Boomregion deshalb mit einem Pulverfass. Vor allem das Verhältnis zwischen Peking und Tokio ist durch die blutige Geschichte der japanischen Expansion nach China und die Instrumentalisierung der Geschichte durch die japanische Regierung belastet. Dass Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping am Rande des Gipfels erstmals Japans Regierungschef Schinzo Abe empfing, ist deshalb ein Signal der Entspannung.

China will Fernost seinen Stempel aufdrücken

Schon 2011 ging es Obama darum, das robuste Auftreten Chinas in seiner Nachbarschaft zu konterkarieren – unter anderem durch eine stärkere Militärpräsenz. Auch drei Jahre später sucht er nach Wegen, Pekings wachsenden Einfluss einzudämmen, vor allem in Wirtschafts- und Währungsfragen. Denn China will der Handelsordnung der Region seinen Stempel aufdrücken.

Fortschritte gab es in den Verhandlungen um das Freihandelsabkommen der USA mit zwölf asiatischen Staaten, darunter Japan, Australien und Singapur. Ein Zeitplan für das Projekt, das China explizit nicht einschließt, fehlt. Für den G- 20-Gipfel in Brisbane, an dem auch Kanzlerin Angela Merkel teilnimmt, hat Obama eine neue Grundsatzrede über Amerikas Rolle in Asien angekündigt.

Doch auch Europa hat Anlass, sich über sein Verhältnis zu den Staaten der Region Gedanken zu machen. So empfahl der Ökonom Danny Quah von der London School of Economics, die EU solle Asien anbieten, im Prozess der sozialen Reformen zu helfen. Europa stehe in den Augen vieler Asiaten „für Menschlichkeit und Gutherzigkeit gegenüber Menschen, gerade im Gegensatz zu den USA“, sagte der Volkswirt im Gespräch mit der „Internationalen Politik und Gesellschaft“.

Zwar könne Europa anders als die USA Partnern keinen militärischen Schutz versprechen. Stattdessen sollten europäische „soft skills“ zum Einsatz kommen. So werde es in Asien bald eine halbe Milliarde Senioren geben, für die es keinerlei Vorkehrungen oder ausreichende Rentensysteme gebe. „In Europa kümmern wir uns seit Jahrzehnten um ältere Menschen“, sagte Quah: „Wir sollten der Welt beibringen, wie man das tut.“ Die sozialen und politischen Spannungen abzubauen, so argumentiert der Ökonom, sei auch im Interesse der asiatischen Länder: „Wenn Asiens Stabilität wackelt, wird es aufhören zu wachsen.“

Sie trafen und sie grüßten sich. Obama und Chinas Präsident Xi.
Sie trafen und sie grüßten sich. Obama und Chinas Präsident Xi.Foto: AFP

Xi Jinping und Barack Obama sind beim Gipfel in Peking ein wenig gleicher als ihre Kolleginnen und Kollegen aus anderen Apec-Staaten. Sie führen die zwei größten Volkswirtschaften der Erde. Von der „G 2“ sprechen Experten bisweilen, wenn es um China und die USA geht.

Noch liegen die USA vorn: ökonomisch, technisch, militärisch. China wird aber bald Nummer eins nach dem Bruttoinlandsprodukt. Für die USA lautet die wichtigste strategische Zukunftsfrage, wie sie mit der aufsteigenden Weltmacht umgehen sollen. „Containment“, ein Eindämmen wie gegenüber der Sowjetunion, empfiehlt kein führender US-Außenpolitiker. Die Präsidenten George W. Bush und Obama hofierten ihre chinesischen Kollegen bei deren Staatsbesuchen. Sie wollen Peking in eine Mitverantwortung für die Weltpolitik einbinden.

Aus der eigenen Geschichte kennen die USA Verlockungen und Risiken beim Aufstieg zur Supermacht. Zunächst ist es attraktiv, sich aus den Konflikten auf anderen Kontinenten herauszuhalten und die Energie auf die innere Entwicklung zu richten. Die USA taten dies bis 1917, China tut es heute. Irgendwann wird die Verflechtung aber so intensiv und haben Ereignisse anderswo so große Auswirkungen auf die eigenen Interessen, dass Mitmischen unumgänglich erscheint.

Das Chinabild in den USA schwankte in den letzten Jahren zwischen Furcht und Hoffnung. Vor der Finanzkrise ging die Angst um, China vernichte mit seinen billigen Konsumartikeln amerikanische Jobs, horte dank der Exporterlöse US- Dollar und könne die US-Wirtschaft sowie den Dollarkurs bei nächster Gelegenheit in den Abgrund stoßen. Dann kam die Gelegenheit, die Finanzkrise. China verhielt sich aber konstruktiv und half, den Einbruch der Weltwirtschaft zu überwinden. Seither bemühen sich die USA, China auf ein gemeinsames Regelwerk zu verpflichten, entweder durch direkte Gespräche oder indem sie mit Chinas Nachbarn Verträge wie das Pazifische Wirtschaftsabkommen TPP schließen und so den Druck auf Peking erhöhen, sich solchen internationalen Standards anzuschließen. Christoph von Marschall

Der japanische Premier Shinzo Abe und Xi.
Der japanische Premier Shinzo Abe und Xi.Foto: AFP

Dieser Handschlag vom Montag, zwischen Xi Jinping und Shinzo Abe, wirkte so, als wären zwei störrische Streithähne dazu verdonnert worden, endlich wieder lieb zu sein: Sie lächelten wenig und sahen sich kaum in die Augen. Aber Chinas Staatschef und Japans Premierminister hatten eben verabredet, sich beim Apec-Gipfel auch für bilaterale Gespräche Zeit zu nehmen. Eine halbe Stunde wurden dann Worte gewechselt und anschließend vorsichtig positiv bewertet.

Schon das ist ein großer Schritt. Seit gut zwei Jahren hat zwischen China, der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt, und Japan, der drittgrößten, latente Kampfeslust geherrscht. Im September 2012 hatte Japan eine Inselgruppe von einem Investor gekauft und sie damit de facto verstaatlicht. Aber auf diese Senkaku-Inseln, die in China Diaoyu heißen, erhebt auch Peking Anspruch. In einem gemeinsamen Papier bestätigen die beiden Länder nun zumindest, dass dieser Streit existiert. Japan hatte dies zuerst nicht anerkennen wollen.

Im Zuge des Inseldisputs brachen die wirtschaftlichen Beziehungen ein. In China verbuchten Japans Autobauer herbe Einbußen. Chinesische Unternehmen litten auf dem japanischen Markt nicht im gleichen Maße. So entstand zunächst der Eindruck, nur Japan würde unter diesem Konflikt leiden und China, das während des Zweiten Weltkriegs teilweise durch Japan kolonisiert wurde, eher gestärkt daraus hervorgehen. In der Tat leidet jedoch auch China unter dem Fernbleiben von japanischem Geld und Knowhow. Beide Wirtschaftsmächte sind eng miteinander verzahnt.

Obwohl in Japans Industriekreisen zuletzt von einer Freihandelszone zwischen den USA, der EU und Japan als einer Art Bollwerk gegen China gesprochen wurde, führten auch China, Japan und Südkorea zuletzt ihrerseits Verhandlungen über eine gemeinsame Freihandelszone. So komplex die Beziehungen zwischen den Großmächten in Asien auch sein mögen, sind sie doch aufeinander angewiesen. Felix Lill

Der russische Präsident Wladimir Putin mit Xi Jinping.
Der russische Präsident Wladimir Putin mit Xi Jinping.Foto: Reuters

Es war ein zutiefst symbolträchtiges Gastgeschenk, das Kremlchef Wladimir Putin Sonntag in Peking aus der Hosentasche zog und Chinas Präsidenten Xi Jinping überreichte: Das jphone 2 – ein in Russland entwickeltes Smartphone. Hergestellt werden soll es, wie schon die erste Generation, vor allem im Reich der Mitte. Tschetschenen-Präsident und Putin-Gefolgsmann Ramzan Kadyrow hat auch schon eines und seinen Followern bei Twitter ausdrücklich empfohlen, ebenfalls zuzuschlagen.

Die Sanktionen, mit denen der Westen Russland wegen der Ukraine-Krise abstrafte, dürften den Kremlherrscher endgültig dazu bewogen haben, die Schwerpunkte von Außen- und Wirtschaftspolitik nach Osten zu verlagern. Allein aufgrund der geografischen Gegebenheiten stand Russland stets mit einem Bein in Asien, dessen Politikmodell – der Gegenentwurf zu westlicher Demokratie – habe auch Moskau geprägt, glauben kritische Beobachter. Druck der USA und Europas, fürchten sie, könnte nun für eine endgültige Hinwendung nach Asien sorgen. In der Tat: Bei dem Apec-Treffen warb Putin vor allem für eine vertiefte Zusammenarbeit im Energiebereich. Die Öl- und Gasfelder, aus denen Europa beliefert wird, sind endlich, die neuen Vorkommen liegen vor allem in Ostsibirien. Von dort sind es bis zur EU-Außengrenze mehr als 7 000 Kilometer, der Transport würde nicht rentabel sein. Russlands neue Pipelines werden daher Richtung Osten verlegt.

Finanziert werden sie mit chinesischer Hilfe. Seit der westliche Kapitalmarkt für russische Geldhäuser faktisch geschlossen ist, versorgen sich diese vor allem in China mit Darlehen. Das Amtsblatt der russischen Regierung, die „Rossijskaja Gaseta“, bewertet dies als den „Beginn eines Durchbruchs… , auf den wir alle gewartet hatten. Jetzt werden die Chinesen deutlich aktiver in die russische Wirtschaft investieren“. Davon würde nicht nur der chinesische Yuan, sondern auch der derzeit schwer unter Druck stehende Rubel international profitieren. Der Yuan könnte demnächst zur weltweiten Reservewährung aufsteigen. Elke Windisch


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