Simon Vaut: Endlich digitale Kommunikation lernen

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"Arbeitsplan" für die große Koalition : Worüber die SPD mal dringend nachdenken sollte

10. Simon Vaut: Raus aus der Echokammer

Dass es mit der Digitalisierung eine epochale Veränderung in der politischen Kommunikation gab, hat sich inzwischen selbst bis zur SPD herumgesprochen. Sigmar Gabriel empfiehlt nun, nachdem er über sieben Jahre Parteivorsitzender war, die SPD solle „hundert junge Influencer einstellen, die Tag und Nacht die Sozialen Medien bedienen“. Mit Generalsekretär Lars Klingbeil hat nun jemand im Willy-Brandt–Haus die Fäden in der Hand, der „digital native“ ist und authentisch sowie effektiv über facebook und Co. kommuniziert. Und selbst die Parteivorsitzende Andrea Nahles überlegt offenbar, sich einen Twitter-Account zuzulegen.

Aber auch, wenn die SPD die Zeichen der Zeit erkennt und entsprechend handelt, wird es harte Arbeit werden, kommunikativ die Oberhand zurückzugewinnen, solange Angst Konjunktur hat. Trump in den USA, Bolsonaro in Brasilien und die AfD in Deutschland: die Wutpolitiker mit ihren emotionalen, eingängigen Nachrichten schüren Furcht und wiegeln auf. Die SPD dringt derweil kaum aus ihrer eigenen Echokammer in die Breite der Bevölkerung. Das liegt sicher auch an ihren wohlgemeinten, aber spröden Themen: „Musterfeststellungsklage“, „Brückenteilzeit“ oder „Wiederherstellung der Parität“ sind kleine, konkrete Verbesserung im Alltag vieler Menschen, aber sicher nicht der Stoff, der sich leicht viral verbreitet lässt.

Um aus ihrer digitalen Filterblase ausbrechen und die Herzen und Köpfe im Internet zu gewinnen, muss die SPD drei Dinge schaffen. Erstens muss sie endlich das sogenannte „Framing“ von Debatten lernen und Begriffe so besetzen, dass sie ihre Politik auch mit einem Tweet oder kurzem Webvideo emotional und eingängig verbreiten kann. Zweitens muss die SPD Optimismus und Tatkraft ausstrahlen, um den Hasspredigern eine attraktive Alternative entgegen zu setzen. Denn die deutsche Gesellschaft ist keine verzagte Gesellschaft und die SPD ist  keine verzagte Partei – das muss sie aber auch selbstbewusst vertreten. Und drittens: die SPD muss den größten Schatz heben, den sie hat. Und das sind ihre 457.700 Mitglieder. Die meisten von ihnen kommunizieren online gar nicht, zaghaft oder verwenden viel Energie auf interne Debatten, wie z.B. das Für und Wider der Großen Koalition. Aber mit einer Handvoll Mandatsträgern und Hauptamtlichen ist in den Sozialen Medien kein Blumentopf zu gewinnen. Wenn jedoch eine große Schar von SPD-Mitglieder und Sympathisanten eine klare Botschaft von Fortschritt und Optimismus verbreitet, in einer Sprache, die verstanden wird, dann kann die Sozialdemokratie auch im Zeitalter der digitalen Kommunikation wieder in die Offensive kommen.

- Simon Vaut ist Mitbegründer des Thinktanks "Progressives Zentrum" und Kandidat der Brandenburger SPD für die Europawahl 2019.

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