„Atlas der Migration“ : Eine Weltkarte der Wanderung

Der soeben erschienene „Atlas der Migration“ soll etwas Grund ins Chaos der Zahlen und Ängste bringen. Herausgegeben hat ihn die Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Zwischen 1500 und 1914 schickte Europa mehr Menschen in die Welt als alle anderen Regionen.
Zwischen 1500 und 1914 schickte Europa mehr Menschen in die Welt als alle anderen Regionen.Grafik: Atlas der Migration/BPB. Bearbeitung: Fabian Bartel/Tsp

Menschen sind immer schon gewandert, nur deshalb haben wir in Europa afrikanische Vorfahren. Immerhin hundert Millionen Menschen setzten sich trotz wesentlich beschränkterer Verkehrsmittel in den 400 Jahren zwischen dem Beginn europäischer Kolonialherrschaft in Übersee über Kontinente hinweg in Bewegung, freiwillig oder mit Gewalt etwa in die Sklaverei gezwungen. 70 Millionen Personen sind zurzeit weltweit auf der Flucht und noch viel mehr verlassen die Orte ihrer Herkunft, weil sie schlicht anderswo bessere Möglichkeiten für sich vermuten oder auch aus Freiheitsdrang und Abenteuerlust.

Die Zahl der Migrantinnen und Migranten über Ländergrenzen hinweg schätzt die UN auf weltweit 258 Millionen Menschen. Ein Bruchteil von ihnen schafft es nach Europa - und dennoch meinen etliche Deutsche und Italienerinnen, Französinnen oder Ungarn, über dem Kontinent schlage eine "Flüchtlingswelle" zusammen.

Migrationsskepsis kommt auch von links

Solchen und anderen Mythen über Migration will der am Dienstag erschienene "Atlas der Migration" verlässliche Zahlen und Fakten entgegensetzen. Herausgegeben hat ihn die Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS). Auf lesefreundlich wenigen Seiten mit vielen Grafiken beantworten Migrationsfachleute Fragen zum Thema, das spätestens seit der Massenflucht aus Syrien zwischen 2014 und 2016 die europäischen Köpfe beschäftigt und ängstigt wie kein anderes: Zum Beispiel, wie das Visasystem in Deutschland funktioniert, ob Migration teuer ist oder eher Reichtum schafft, ob es die Ärmsten sind, die wandern (nein, denn Migranten brauchen ein Mindestmaß an Geld oder kulturellem Kapital). Oder die Frage aller Fragen: Wer die meisten Flüchtlinge aufnimmt. Antwort: die Türkei. Gemessen an der Bevölkerung ist dies allerdings Libanon: Auf sechs Libanesinnen und Libanesen kommt dort inzwischen eine Person, die geflüchtet ist, in Deutschland ist das Verhältnis 58:1. Überhaupt landen 85 Prozent aller Geflüchteten in Ländern des Weltsüdens .

Auch um den Braindrain geht es, um die Frage, ob die Abwanderung von Fachleuten oder begabten Menschen gefährlich für die Herkunftsländer ist oder ob er ihnen hilft, weil die Ausgewanderten Geld zurücküberweisen. Hier lautet die Antwort: beides stimmt. Und wer nun vermutet, damit habe die Luxemburg-Stiftung, die der Linkspartei nahesteht, auch einen Beitrag zur innerparteilichen Debatte leisten wollen, irrt nicht ganz. Man wolle auch im Punkt "Abwanderung der Hirne" - mit ihr hatte die scheidende Fraktionschefin Sahra Wagenknecht ihre Migrationsskepsis unter anderem begründet - einfach "gut argumentieren", sagte Stiftungsgeschäftsführer Florian Weis.

Man sei aber zwar "eine parteinahe, aber keine Parteistiftung". Was eben diese Partei aus den Informationen mache, sei deren Sache. Die traditionell zwiespältige Haltung der Gewerkschaften zur Migration ist ebenfalls Thema im Atlas - zwischen Bekenntnissen zu internationaler Solidarität und dem exklusiven Einsatz für die nationalen Mitglieder.

Atlas soll in mehrere Sprachen übersetzt werden

Das eigentlich erhoffte Publikum sind nach den Worten der RLS-Europachefin Johanna Bussemer "alle, die sich interessieren", nicht nur in Deutschland. Eine englische Übersetzung des "Atlas der Migration" gibt es bereits, eine französische soll es geben, die dann auch im frankophonen Afrika verbreitet werde. Und man denkt an eine spanische Ausgabe. Die würde aber "arbeitsintensiv", so Bussemer, nicht nur weil alle Fakten bei insgesamt "komplizierter Datenlage" mehrfach geprüft würden, sondern auch weil viel neuer Stoff nötig werde für Lateinamerika, dessen Migration vor allem Richtung Nordamerika geht.

Ein Erfolg wäre es, sagte Weis, wenn die Broschüre vor allem außerhalb der Metropolen, also in Orten abseits von Berlin, Frankfurt am Main oder Hamburg, in Volkshochschulen Verwendung fände oder Flüchtlingsinitiativen mit dem nötigen Wissen versorgen könnte. Der Konzern-Atlas vor einigen Jahren, den die RLS zusammen mit der Grün-nahen Heinrich-Böll-Stiftung herausgab, sei gut in der Fläche verbreitet worden. Der Atlas wird demnächst den Abonnement-Ausgaben der Tageszeitungen taz und Neues Deutschland beiliegen.

Optimistischer Blick ins Jetzt

Er endet im übrigen bewusst optimistisch. Am Anfang stand, so sagt Bussemer, bereits "im Sommer der Migration" 2015 der Gedanke, dem herrschenden Reden über Migration solide Fakten und, so Weis, an den Menschenrechten anzusetzen.

Inzwischen ist dieser Akzent durch die Realität stärker geworden: Die letzten beiden Kapitel sind den Willkommensinitiativen in Europa gewidmet und wie sie die Haltung vieler engagierter Staatsbürgerinnen und -bürger zur Migrationspolitik ihrer Regierungen verändert hat. Außerdem geht es um kommunale Initiativen - die "sanctuary cities" in den USA und die neue Bewegung deutscher Städte, die sich zu sicheren Häfen für Geflüchtete erklären.

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