Atomenergie in Europa : Das große Nachdenken

Einen „Einschnitt für die Welt“ hat die Kanzlerin die dramatischen Vorgänge in Japan genannt. Man könne nun nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Das sieht man in anderen Teilen der Welt anders – noch.

Auch Atomkraftgegner haben Humor - schwarzen auf jeden Fall, wie hier bei einer Mahnwache vor dem Kanzleramt in Berlin.
Auch Atomkraftgegner haben Humor - schwarzen auf jeden Fall, wie hier bei einer Mahnwache vor dem Kanzleramt in Berlin.Foto: dapd

Entscheiden diese Tage über die seit Jahren behauptete globale Renaissance der Atomkraft oder ihren Niedergang? Das ist trotz der schrecklichen Unfälle in Japan noch nicht klar. Zwar beteuern etliche Regierungen weltweit, man werde genau analysieren, was in den drei havarierten Reaktoren in Fukushima geschehen ist und entsprechende Schlüsse daraus ziehen. Doch gerade Staaten, die für die Zukunft vor allem auf die vermeintlich sichere, saubere und grenzenlos verfügbare Energie aus Atomkernen gesetzt haben – Russland oder China zum Beispiel – lassen deutlich durchblicken, dass sie ihre ehrgeizigen Pläne nicht aufgeben werden. Nennenswerten gesellschaftlichen Widerstand gegen Atomkraft gibt es in vielen dieser Länder ohnehin nicht. Selbst in Russland nicht, wo die Erinnerung an die Tschernobyl-Katastrophe vor 25 Jahren, in den letzten Jahren der Sowjetunion, noch lebendig ist.

Dabei vermittelt ein Blick auf die Weltkarte ein geradezu paradoxes Bild: Ausgerechnet in den dichtestbesiedelten Zonen der Erde, den japanischen Inseln oder West- und Mitteleuropa, findet sich auch die höchste Dichte an Atommeilern. Ähnlich dicht ist der Kraftwerksbestand in der östlichen Hälfte der Vereinigten Staaten, massiv am östlichen Küstenstreifen. In diesen Gegenden konzentrieren sich etwa drei Viertel der weltweit insgesamt 436 Atomkraftwerke. Die Länder mit den massivsten Ausbauplänen sind die großen Flächenstaaten der Erde, Russland, China, Indien, deren Meilerdichte derzeit noch große Abstände aufweist. Sie alle wollen in nur wenigen Jahren aufholen. Noch.

Ob die Debatte, die in Deutschland sehr schnell zu Veränderungen in der Atompolitik geführt hat, auch anderswo in Europa wieder losbrechen wird, ist derzeit noch nicht genau abzusehen. Aber sie ist zu erwarten. Andrea Dernbach/Dagmar Dehmer

DIE EINSTEIGER

Die polnischen Pläne zum Bau von zwei Atomkraftwerken bis 2030, darunter eines bei Danzig, beunruhigen in Deutschland. „Kernkraft ist keine Lösung“, sagte Berlins Regierungssprecher Richard Meng. Zwar seien die Pläne für einen Standort direkt an der deutschen Grenze vom Tisch, aber das reiche nicht: „Man kann nur hoffen, dass die atomare Katastrophe in Japan zum Umdenken führt. Und das heißt: Aussteigen in Deutschland und nicht einsteigen in Polen.“ Brandenburgs Regierungschef Matthias Platzeck (SPD), der Atomenergie schon immer als unverantwortlich und als gefährliche Risikotechnologie bezeichnete, sagte dem Tagesspiegel: „Ich hoffe, dass unsere polnischen Nachbarn jetzt zu Erkenntnissen kommen, die zeitgemäß sind.“ Sandra Dassler

Die Regierung in Polen hat zunächst das Wochenende abgewartet. Und als befürchtete Demonstrationen gegen die Atomkraft ausblieben, bekräftigte sie am Montag ihre Akw-Pläne. Polen will ganz neu in die Technologie einsteigen und bis 2020 das erste Kraftwerk in Betrieb nehmen. „Weil wir uns so spät um einen Akw-Bau kümmern, können wir das sicherste Technikpaket übernehmen“, warb Regierungssprecher Pawel Gras. Den provisorischen Standortwettbewerb hatte vor Jahresfrist Zarnowiec in der Nähe von Danzig gewonnen. Dort hatten die kommunistischen Machthaber 1982 mit dem Bau eines Akw sowjetischer Bauart begonnen. Nach der Wende und Protesten wurde 1990 ein Baustopp beschlossen. Die beiden betroffenen Gemeinden unterstützen jedoch heute das Akw-Projekt. „Im Moment kämpfen die möglichen Standortgemeinden um den Akw-Bau“, sagte Gras. In der Tat, bekommt Zarnowiec keinen Zuschlag, so stehen eine ganze Reihe weiterer Gemeinden vor allem in Pommern und an der Oder Schlange. Die Standorte an der deutschen Grenze schneiden in den Machbarkeitsstudien allesamt schlecht ab. Mit dem Akw-Bau soll frühestens 2013 begonnen werden. Paul Flückiger

Großbritannien wollte sich eigentlich von der Atomkraft verabschieden. Im Zuge der Klimadiskussion wird seit einigen Jahren jedoch wieder über den Bau neuer Reaktoren diskutiert. Nicht alle sind dabei so gelassen wie Sue Ions von der Royal Academy of Engineering, die glaubt, dass der japanische Tsunami den Glauben an die Kerntechnologie letztlich nicht unterminieren, sondern stärken wird. Energieminister Chris Huhne wies den Chef der Atomaufsicht an, die Folgen für die bestehenden und die geplante neue Generation von Atomkraftwerken zu überprüfen. Doch auch er warnte vor voreiligen Schlüssen. „Großbritannien liegt nicht in einer seismischen Zone.“

Deutlich ging der Londoner Bürgermeister Boris Johnson gegen „Panikmacher und Untergangspropheten“ in die Offensive: „Ich bezweifle, dass es eine schlüssige Parallele zwischen den Schwierigkeiten von Kernkraftwerken in einer bekannten Erdbebenzone und dem geplanten Atomprogramm in unserem Land gibt, das von Tag zu Tag dringend notwendiger wird“, schrieb er im „Daily Telegraph“.

Auch die meisten Atomwissenschaftler stimmten ihm in verschiedenen Kommentaren zu. Zwar liegen die meisten britischen Atomkraftwerke wie Fukushima in Japan direkt am Meer, aber mit Erdbeben und Tsunamis rechnen auf der Insel wenige.

Immer wieder wird betont, dass Fukushima ein 40 Jahre alter Meiler am Ende seiner Laufbahn ist, mit überalterter Technologie und möglicherweise auch überalterten, materialmüden Teilen. „Der Druckbehälter des Meilers Nummer eins stammt von 1971. Niemand weiß, in welchem Zustand der Stahl nach 40 Jahren Neutronenbombardement ist“, sagte der Nuklearexperte Walt Patterson, ein Atomkraftgegner. Andere heben die technologischen Fortschritte in der Kernkraftentwicklung hervor. Akw der neuen Generation haben keine „aktiven“ Kühlsysteme, die von Pumpen, Motoren und Ventilen abhängig sind, sondern „passive Sicherheitssysteme“, die mit Schwerkraft und Konvektion arbeiten. Matthias Thibaut

In Schweden hat die Katastrophe in Japan bislang keine Diskussion über die eigene Atompolitik ausgelöst. Das skandinavische Land hatte schon vor 30 Jahren den Ausstieg beschlossen, 2010 das Bauverbot für Atomreaktoren jedoch aufgehoben. Neben Wasserkraft werden heute rund 50 Prozent des Stroms aus Atomkraft gewonnen (circa 65 bis 70 Terawattstunden im Jahr). Es gibt zehn Reaktoren, die auf drei Standorte verteilt sind. Ein viertes Atomkraftwerk wurde – um der historischen Volksabstimmung gerecht zu werden – tatsächlich zwischen 1999 bis 2005 stillgelegt.

Die Akw sind zwar vom gleichen Bautyp wie die in Japan. Aber aus Sicht von Geologen gilt die Bodenstruktur Schwedens als besonders erdbebensicher. Für den Bau von atomaren Anlagen inklusive Endlagern sehen die Wissenschaftler keine Bedenken. Der schwedische Boden sei auch deutlich sicherer vor Erdbeben und Fluten als der deutsche, hieß es in Schweden bei der kürzlichen Diskussion um ein deutsches Endlager.

Hinzu kommt auch das noch immer große Vertrauen der Bürger in Ämter, Politiker und Privatunternehmen. Auch der im vergangenen Jahr beschlossene Bau eines Endlagers in der Atomkraftwerks- Kommune Östhammer, nur 130 Kilometer nördlich der Hauptstadt Stockholm, wurde kaum debattiert. Gemeinden wetteiferten vor der Ortsbestimmung um das Endlager – in der Hoffnung auf neue Arbeitsplätze.

Dabei galt Schweden europäischen Atomkraftgegnern lange als Vorbild. Als erstes Land der Welt hatte es 1979 per Volksabstimmung über den schrittweisen Ausstieg entschieden. Vielleicht habe sich gerade deswegen später niemand mehr sonderlich dafür interessiert, heißt es bei den wenigen Gegnern. Große Protestbewegungen blieben aus. Auch eine Reihe von Störfällen hatten kaum Auswirkungen. Dass die Regierung in der damaligen Not die Internationale Atomenergiebehörde IAEO ins Land einlud, die dann unzureichende Sicherheitsroutinen bemängelte, löste ebenfalls keine nennenswerte Diskussion aus.

Die lange mithilfe der Grünen regierenden Sozialdemokraten sind zwar stets für den Ausstieg gewesen. Sie verwirklichten ihn letztlich aber nie. 2010 hat die seit 2006 regierende bürgerliche Koalition mit dem Ausstieg aus dem Ausstieg im Wahlprogramm ihre zweite Parlamentswahl gewonnen. Künftig werden in Schweden alte Reaktoren durch neue, leistungsfähigere Reaktoren ersetzt. Diese sollen die nukleare Stromversorgungskapazität Schwedens deutlich erhöhen. Bislang hält Stockholm offen, ob an ganz neuen Standorten neue Reaktoren gebaut werden sollen. André Anwar

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Brennstäbe im AKW Krümmel. Foto: ddp
Brennstäbe im AKW Krümmel. Foto: ddpFoto: ddp

DIE RISIKOKANDIDATEN

Die Bundesregierung setzt die Laufzeitverlängerung für Atommeiler nach den Vorgängen in Japan aus – aber besorgt ist nicht nur Berlin. Vor allem Österreich sieht sich durch gefährliche Nachbarschaft bedroht. Die Regierung in Wien hat ihre Forderung nach Stresstests für die europäischen Meiler am Montag bekräftigt. Sie müssten schnell stattfinden, sagte Umweltminister Nikolaus Berlakovich. Die Meiler seien ein „europäisches Problem“. Österreich lehnt Atomenergie strikt ab und schaut sorgenvoll vor allem auf die EU-Neulinge Bulgarien und Rumänien. Andrea Dernbach

In Bulgarien ist ein Atomkraftwerk mit mehreren Blöcken in Betrieb. Am Standort Kosloduj 200 Kilometer nördlich von Sofia an der Donau entstanden seit 1970 insgesamt sechs Druckwasserreaktoren sowjetischer Bauart. Die vier älteren wurden zwischen 2002 und 2006 stillgelegt. Die Reaktoren Nummer drei und vier laufen allerdings noch in einer Art Standby-Modus, sie könnten kurzfristig wieder ans Netz gehen. Bei den Blöcken fünf und sechs handelt es sich um größere Anlagen. Sie wurden nach dem EU-Beitritt Bulgariens unter anderem mit westlicher Sicherheitsleittechnik nachgerüstet.

Im Block fünf gab es im März 2006 einen schweren Störfall. Nach dem Ausfall einer Hauptkühlmittelpumpe blieben 22 der 60 Steuerstäbe in der Aufhängung stecken. Zwischenzeitlich bestand die Gefahr einer Kernschmelze, die Techniker konnten das durch Zuleitung von Borsäure so eben noch verhindern.

Ein zweites Atomkraftwerk ist in Bulgarien auf der Donauinsel Belene geplant. Der 1984 begonnene Bau wurde allerdings nach der Wende zunächst abgebrochen. 2008 setzte ein internationales Konsortium unter Beteiligung von RWE die Arbeiten fort. Ein starkes Erdbeben in der Region und Proteste in Deutschland erzwangen den Ausstieg von RWE und den neuerlichen Abbruch des Projekts. Obwohl Russland einen Kredit über zwei Milliarden Dollar angeboten hat, will die bulgarische Regierung das Atomkraftwerk erst zu Ende bauen, wenn sich auch ein westlicher Investor findet. Reimar Paul

In Rumänien sind am Standort Cernavoda an der Donau – dem einzigen Akw- Standort des Balkanstaates – zwei Kraftwerksblöcke am Netz. Die kanadischen 700-Megawatt-Reaktoren verwenden schweres Wasser als Moderator. Im März 2008 erteilte die nationale Atomenergiebehörde  einem internationalen Konsortium den Auftrag zum Bau von zwei weiteren Blöcken. Aus Deutschland ist wiederum RWE beteiligt. Zudem gibt es Pläne für ein weiteres Atomkraftwerk in Drobeta Turnu Severin an der Donau. Reimar Paul

Ungeachtet der Atomunfälle in Japan nach dem schweren Erdbeben dort und trotz der Erdbebengefahr in der Türkei hält die Regierung in Ankara an den Plänen für den Bau der ersten Atommeiler fest. Die betroffenen Kraftwerke in Japan seien veraltete Anlagen der ersten Generation, während die geplanten Atomkraftwerke der Türkei hochmoderne Kraftwerke der dritten Generation sein würden, sagte Energieminister Taner Yildiz. Auch gebe es in der Türkei keine Gefahr zerstörerischer Tsunamis. „Der Bau von Atomkraftwerken in der Türkei wird weiter vorangetrieben“, betonte der Politiker.

Derzeit plant Ankara zwei Kraftwerke, eines im südtürkischen Akkuyu bei Mersin am Mittelmeer und eines in Sinop am Schwarzen Meer. Weitere Meiler sind für die Zukunft geplant. Die türkische Regierung verweist auf den steigenden Energiebedarf der Türkei mit ihrer schnell wachsenden Volkswirtschaft. Derzeit bestreitet das Land einen Großteil dieses Bedarfs mithilfe von Erdgasimporten aus Russland und dem Iran. Gegner werfen der Regierung vor, die auf dem gesamten Staatsgebiet der Türkei gegebene Erdbebengefahr zu ignorieren. Ein Oppositionsabgeordneter will in einer parlamentarischen Anfrage wissen, woher Minister Yildiz denn die Sicherheit nehme, dass es in Mersin kein Erdbeben geben werde. Auch die Umweltschutzorganisation Greenpeace kritisierte den Minister. Während die ganze Welt über die Sicherheit der Atomkraft diskutiere, tue Yildiz so, als sei alles unter Kontrolle. Thomas Seibert

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Eine Frage der Kühlung. Die Brennelemente der meisten Kernkraftwerke (wie hier im schleswig-holsteinischen Krümmel) werden mit Wasser gekühlt, das ständig ausgetauscht werden muss. Foto: p-a/dpa
Eine Frage der Kühlung. Die Brennelemente der meisten Kernkraftwerke (wie hier im schleswig-holsteinischen Krümmel) werden mit...Foto: picture alliance / dpa

DIE BEFÜRWORTER

Frankreich und die Schweiz – die „Grande Nation“ und die Eidgenossen verbindet mehr als nur die gemeinsame Nachbarschaft zu Deutschland: Beide blicken mit Stolz auf ihre Geschichte, beide legen auf je eigene Weise Wert auf ihre Unabhängigkeit, und beide sehen diese unter anderem darin verwirklicht, dass sie, anders als Nachbar Deutschland, nach wie vor auf die Atomkraft setzen. Frankreich ist ein Atomstromgigant, liegt weltweit an zweiter Stelle hinter den Vereinigten Staaten und preist die Kernenergie als einzig wahre Energie der Zukunft. Drei Viertel seines Stroms bezieht das Land aus Atommeilern und verkauft seine Atomtechnik in alle Welt. Doch wie die Schweiz, deren Atomkraftwerke übrigens zum Teil in der Grenzregion am Hochrhein stehen, gerät auch Frankreich dieser Tage ins Grübeln. Michael Schmidt

Frankreichs Regierung gibt sich zwar besonnen. Man werde zu gegebener Zeit die „nützlichen Lehren“ aus der Atomkatastrophe in Japan ziehen, versicherte Premier François Fillon nach einer Krisensitzung. Doch in der Öffentlichkeit wird die Frage nach der Sicherheit der 19 französischen Atomanlagen mit ihren 58 Reaktoren bereits mit großer Dringlichkeit gestellt. Anhänger der nuklearkritischen Organisation Sortir du Nucléaire (Aus dem Atom aussteigen) demonstrierten bei einer Kundgebung am Trocadéro in Paris für das Ende von Frankreichs Atomwirtschaft.

Politiker der Grünen erneuerten ihre Forderung, jetzt die längst fällige Debatte über die Atomenergie zu führen, die es in Frankreich nie gab. An deren Ende müsse dann ein Referendum über den Ausstieg stehen, sagte die frühere Umweltministerin Corinne Lepage. Dem setzen die Atombefürworter in Regierung und Opposition die vorgebliche Unverzichtbarkeit der Kernkraft für Frankreich sowie deren Sicherheit entgegen. Man könne Frankreichs Elektrizitätsversorgung nicht allein aus erneuerbaren Energiequellen speisen, sagte Umweltministerin Nathalie Kosciusko-Morizet. Präsident Nicolas Sarkozys Sonderberater Henri Guaino erblickte in dem japanischen Drama sogar einen Vorteil für Frankreichs Atomindustrie, deren „Markenzeichen“ die Sicherheit sei.

Die Wirklichkeit sieht etwas anders aus. Von den etwa tausend technischen Problemen, die das Institut für Strahlenschutz und Nuklearsicherheit jährlich verzeichnet, rangieren die meisten zwar auf der untersten Stufe der von eins bis sieben (Tschernobyl) reichenden Ines-Meldeskala. Doch 2009 kam es im Kraftwerk Cruas in Südfrankreich zu einem schwereren Zwischenfall, als Algen das Kühlsystem verstopften. 1999 schrammte das Kraftwerk Blayais bei Bordeaux knapp an einer Kernschmelze vorbei. Infolge von Hochwasser hatte das Kühlsystem an drei von vier Reaktoren versagt. Der Atlantik hatte Teile der Anlage überspült.

Die mutmaßlichen Risiken werden von den Verantwortlichen gern heruntergespielt. So deckte „Sortir du Nucléaire“ 2003 auf, dass der staatliche Elektrizitätskonzern EdF die Risikodaten von sechs in potenziellen Erdbebenzonen gelegenen Atommeilern manipuliert hatte, um sich teure Nachrüstungen zu ersparen. Die Daten wurden nach einer Kontroverse mit der Aufsichtsbehörde inzwischen korrigiert. Von den erforderlichen Investitionen in Höhe von 1,9 Milliarden Euro wurden bisher aber nur 200 Millionen getätigt. Hans-Hagen Bremer

Nach der Atomkatastrophe in Japan handelt die Schweiz. Die Regierung entschied am Montag, die Bewilligungsverfahren für drei neue Atomkraftwerke auszusetzen. Die Sicherheitsstandards der bestehenden Anlagen sollten zunächst überprüft und wenn nötig verbessert werden. Erst danach könne man die Baugesuche für neue Atomkraftwerke weiteranalysieren, erklärte Umwelt- und Energieministerin Doris Leuthard (CVP) am Montag in Bern.

Die Schweizer sind besonders beunruhigt über die Risiken von Erdbeben und die Gefahren bei der Kühlung der Atomkraftwerke. Für die Regierung habe „Sicherheit und das Wohlergehen der Bevölkerung oberste Priorität“, sagte Leuthard, die zugab, dass das Vertrauen der Schweizer in die Nukleartechnologie durch die Ereignisse in Japan sicher angeschlagen sei. Leuthard, die aus ihrer Pro-Atom-Haltung nie einen Hehl gemacht hat, kündigte an, die in den Medien als ungenügend gerügten Informationen zu intensivieren. Täglich werde ein Lagebericht des Eidgenössischen Nuklear-Sicherheits-Inspektorats Ensi im Internet veröffentlicht.

Die Ministerin beauftragte das Ensi, die Ursachen des Unfalls in Japan zu analysieren und daraus gegebenenfalls neue oder schärfere Sicherheitsstandards abzuleiten. Die fünf Atomkraftwerke in der Schweiz wurden in den 70er Jahren gebaut und sollen zum Teil ersetzt werden. Die endgültige Entscheidung soll bei einer Volksabstimmung voraussichtlich 2013 getroffen werden.

Wie die Umweltschützer vom BUND, Regionalverband Südlicher Oberrhein, schreiben, suche die Schweizer „Nationale Genossenschaft zur Lagerung radioaktiver Abfälle, Nagra, nach einem Endlager für hochradioaktiven Müll im Grenzgebiet zwischen Bodensee und Basel. Die Probebohrungen in Benken bei Schaffhausen am Rheinfall, fast direkt an der Grenze, seien abgeschlossen. Ein „Schweizer Gorleben“, so die Umweltschützer, könnte am Hochrhein bei Schaffhausen liegen. Dass in der Schweiz Atomunfälle nicht auszuschließen sind, weiß man schon lange: 1969 schlitterten die Eidgenossen knapp an einer atomaren Katastrophe vorbei. Im Versuchsreaktor von Lucens kam es zu einer partiellen Kernschmelze. Nur weil der Reaktor in einem Felsen betrieben wurde, war der Unfall kontrollierbar. Dennoch: Lucens gilt bis heute als einer der schwersten Nuklearunfälle weltweit. Jan Dirk Herbermann

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