Atomkonflikt mit Nordkorea : Diese Chance sollte man Trump geben

Das geplante erste Treffen eines US-Präsidenten mit Nordkoreas Staatschef ist das Ergebnis unkonventioneller Methoden. Den Versuch ist es wert - ein Kommentar.

Bericht im südkoreanischen Fernsehen über das geplante Treffen von Trump und Kim Jong Un.
Bericht im südkoreanischen Fernsehen über das geplante Treffen von Trump und Kim Jong Un.Foto: Jung Yeon-je/AFP

Wenn traditionelle Politikansätze über lange Zeit nicht die erhofften Erfolge produzieren, lohnt es, unkonventionelle Methoden auszuprobieren. Die USA und ihre Verbündeten in Asien haben seit drei Jahrzehnten vergeblich versucht, Nordkorea an der Entwicklung von Atomraketen zu hindern.

Dann kam Donald Trump. Er ignorierte die etablierten Strategien für den Umgang mit dem Regime. Er hielt sich nicht an den Rat, Provokationen tunlichst zu vermeiden. Er drohte offen mit Krieg - zum Entsetzen der meisten westlichen Beobachter sowie der Südkoreaner, die die ersten Opfer eines bewaffneten Konflikts wären. Und er übte Druck auf China aus, damit Peking seinen beträchtlichen ökonomischen Einfluss auf Nordkorea in die Waagschale wirft.  

Die überraschende Folge in der vergangenen Nacht: Kim lädt Trump zu einem Gipfel ein, bei dem angeblich über die Begrenzung des nordkoreanischen Atomprogramms gesprochen werden soll.

Die südkoreanischen Boten des Angebots versichern, Kim wolle bis dahin alle Raketen- und Atomtests unterlassen. Die Szene im Presseraum des Weißen Hauses hatte etwas Surreales: Südkoreanische Diplomaten - und nicht etwa Trumps Sprecherin - erklären den US-Medien, was der US-Präsident demnächst vorhabe. Trump-Fans verbuchen die Entwicklung gleichwohl als Erfolg der unkonventionellen Politikmethoden des ihres Präsidenten.

Naiver Anfängerfehler

Traditionalisten sehen es umgekehrt. Trump begehe naive Anfängerfehler. Er tue, was die Präsidenten vor ihm vermieden haben: Er gebe Kim den propagandistischen Erfolg eines Treffens mit einem US-Präsidenten auf Augenhöhe - ohne jede Garantie, dass die USA im Gegenzug ihrem Ziel näher kommen, dem Ende des nordkoreanischen Atomprogramms. Trumps Vorgänger stellten Bedingungen für einen solchen Gipfel. Weil Nordkorea sie nicht erfüllen wollte, kam es nie zu einem solchen Treffen. 

Die Skeptiker verweisen zudem auf die Erfahrung, dass Nordkorea bisherige Absprachen gebrochen habe. Es nahm die ökonomische und humanitäre Hilfe, die die USA im Austausch für die Zusicherung gaben, dass Pjöngjang das Atomprogramm beendet, führte das Waffenprogramm aber doch weiter.

Es stimmt: Trumps unkonventioneller Ansatz bietet per se noch keine Erfolgsgarantie. Trump hat vielmehr den Druck auf sich selbst enorm erhöht, dass er nun Fortschritte erreichen muss, die den Prestigegewinn, den ein Gipfeltreffen für Nordkorea bedeutet, rechtfertigen. Es ist gut möglich, dass sein Selbstvertrauen in seine Verhandlungskünste als "Dealmaker" mit einer peinlichen Enttäuschung endet.

Besser als ein Krieg

Präsident Barack Obamas Chefverhandlerin für die Atomgespräche mit Iran und Nordkorea, Wendy Sherman, fasste das Dilemma beim Brussels Forum des German Marshall Fund am Freitagmorgen in diese Worte: "Wäre ich dafür, Präsident Trump unvorbereitet in ein Gespräch mit Kim gehen zu lassen? Nein. Aber diese Entwicklung ist immer noch besser, als einen Krieg anzufangen."

Der traditionelle Ansatz hat keine messbaren Erfolge gezeigt. Was auch immer man von Trump hält - man sollte ihm Erfolg mit seiner unkonventionellen Methode wünschen. Die Chance, Nordkorea Atomraketenprogramm friedlich zu beenden, ist den Versuch wert. Wenn sich herausstellt, dass dieser ungewöhnliche US-Präsident Kim auf den Leim gegangen ist und er mit leeren Händen zurückkehrt, wäre das zwar keine Überraschung. Aber bis dahin darf die Kritik warten.

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Christoph von Marschall ist erster Helmut-Schmidt-Fellow der ZEIT-Stiftung und des German Marshall Fund of the United States (GMFUS) und arbeitet derzeit in Washington an einer Studie über die Zukunft der Transatlantischen Beziehungen.

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