Atomwaffenstrategie der USA : Das Gleichgewicht im Kleinteiligen

Die Neuausrichtung der Nukleardoktrin der USA ist auf der Münchner Sicherheitskonferenz kritisiert worden. Die Amerikaner beharren auf ihrer Logik.

Ein Aktivist vor dem Trump International Hotel in Washington mit einem Banner, das vor Donald Trumps Atomplänen warnt.
Ein Aktivist vor dem Trump International Hotel in Washington mit einem Banner, das vor Donald Trumps Atomplänen warnt.Foto: Andrew Caballero-Reynolds/AFP

Die Ankündigung der US-Regierung, ihr Atomwaffenarsenal zu modernisieren und kleinere Atomwaffen zu entwickeln, hat Kontroversen bei der Sicherheitskonferenz ausgelöst. Insbesondere deutsche Abgeordnete der Linken und der Grünen äußerten die Sorge, die Hemmschwelle, Atomwaffen einzusetzen, sinke, je kleiner sie werden. Große Atomraketen können einerseits ganze Städte auslöschen, dienen aber andererseits der Abschreckung. Weil alle wissen, dass der Gegner sie auch hat, zieht niemand ihren Einsatz in Betracht aus Furcht, beim Gegenschlag Opfer einer katastrophalen Zerstörung zu werden.

Raymond Herbert McMaster, der Sicherheitsberater des US-Präsidenten Donald Trump, widersprach. Die Deutschen sollten die neue Nukleardoktrin bitte genau lesen. Durch die Entwicklung kleinerer Atomwaffen sinke die Hemmschwelle nicht. Sie steige vielmehr.

Die Logik dahinter: Russland hat atomare Gefechtsfeldwaffen und übt den Einsatz bei Manövern. Solange die Nato kein vergleichbares Arsenal kleiner Atomwaffen in Europa hat, ist Russland versucht, sie bei einem Konflikt einzusetzen, um einen schnellen Durchbruch zu erreichen. Die Nato kann nicht mit den selben Mitteln reagieren. Das wirkt wie eine moralische Erpressung. Die Nato hat nur die Wahl, klein beizugeben oder eine weit größere Atomwaffe einzusetzen mit weit mehr Zerstörungspotenzial.

Um das zu verhindern, hat die Nato in dieser Logik zwei Optionen: Entweder beschafft sie ebenfalls kleinere Atomwaffen in ausreichender Zahl. Dann funktioniert die gegenseitige Abschreckung auch bei kleinen Waffen. Die Hemmschwelle, sie einzusetzen, steigt. Oder die Nato muss Moskau bewegen, seine atomaren Gefechtsfeldwaffen abzurüsten. Russland hat aber keinen Anreiz, das zu tun, solange es bei diesen Waffen überlegen ist. Erst die Nachrüstung eröffnet die Chance auf Abrüstung. Schon Präsident Obama hatte diesen Schritt geplant.

Es ist eine Parallele zum Nachrüstungsstreit in den 1980er Jahren – mit einem Unterschied: Damals verlangte die von Kanzler Helmut Schmidt (SPD) geführte Bundesregierung von den USA die Nachrüstung mit Mittelstreckenraketen. Die Sowjetunion hatte „SS 20“ aufgestellt, der Nato fehlte ein Pendant. Schmidt fürchtete, die USA würden Europa eher aufgeben, als bei einem sowjetischen Angriff Interkontinentalraketen einzusetzen und einen vernichtenden Gegenschlag auf die USA zu riskieren. Unter dem Protest der Friedensbewegung stürzte Kanzler Schmidt. Die Nachrüstung kam dennoch. Bei den folgenden Abrüstungsgesprächen gaben beide Seiten den Großteil ihrer Mittelstreckenraketen auf.

Heute wissen deutsche Sicherheitspolitiker zumeist, dass die Entwicklung kleiner Atomwaffen eigentlich im deutschen Interesse liegt. Russlands Hemmschwelle steigt. Zugleich eröffnet sich die Chance, die Abrüstung russischer Gefechtsfeldwaffen zu erreichen. Kaum einer traut sich jedoch, wie Schmidt öffentlich dafür einzutreten.

Christoph von Marschall ist erster Helmut-Schmidt-Fellow der ZEIT-Stiftung und des German Marshall Fund of the United States (GMFUS) und arbeitet derzeit in Washington an einer Studie über die Zukunft der Transatlantischen Beziehungen.

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