Beginn der Olympia-Woche : Strategie der blutigen Nasen

Die Winterspiele in Korea enthüllen Trumps Dilemma im Umgang mit Kims Atomprogramm. Die USA und Seoul haben unterschiedliche Prioritäten. Ein Kommentar.

Olympische Ringe am Strand der gastgebenden Stadt Gangneung.
Olympische Ringe am Strand der gastgebenden Stadt Gangneung.Foto: Ed Jones / AFP

In dieser Woche beginnen die Olympischen Winterspiele in Südkorea. Nach der antiken Tradition ruhen die Waffen, während die Athleten ihre Kräfte messen. Zwar erwartet niemand, dass die Krieger in Afghanistan, in Syrien oder der Ukraine die Friedenspflicht einhalten. Aber Südkorea versucht die 16 Tage als Chance zur Entspannung auf der geteilten Halbinsel zu nutzen.

Nordkoreas Olympia-Team: Mehr Spitzel als Sportler

Seoul hat den Norden eingeladen, mit einer gemeinsamen Olympiamannschaft anzutreten. Das belächeln viele; der Norden hat kaum wettbewerbsfähige Sportler und schickt zum Großteil „Cheerleader“ und Funktionäre, unter denen auch Spitzel sein werden. Die Gefahr einer Eskalation des Atomkonflikts schien aber vorerst gebannt. Nordkoreas Diktator Kim Jong Un und US-Präsident Donald Trump haben seit Wochen keine Kriegsdrohungen ausgetauscht.

Das Misstrauen bleibt freilich groß: gegenüber dem Norden aber auch zwischen den USA und Südkorea. Das zeigt eine Personalentscheidung im Weißen Haus: Victor Cha, ein geschätzter Korea-Experte, soll doch nicht US-Botschafter in Seoul werden.

Cha wird nicht US-Botschafter. Er ist gegen "Bloody Nose"

Dahinter steckt ein Streit um die „Bloody Nose“-Strategie. Der Begriff steht für die Idee, Kims nächsten illegalen Schritt bei der Entwicklung des Raketen- und Atomwaffenprogramms, das die UN verboten haben, mit einem symbolischen Angriff zu beantworten. Das Ziel soll so gewählt werden, dass er nicht als Kriegsbeginn missverstanden wird. Kim solle sich nur „eine blutige Nase“ holen, damit er die USA ernst nehme. Sie würden alle Mittel nutzen, um zu verhindern, dass Kim sich Atomraketen verschafft, die die USA erreichen. Unter diesem Druck werde er an den Verhandlungstisch zurückkehren.

Cha hat sich gegen die „Bloody Nose“-Option ausgesprochen, zuletzt in der „Washington Post“ am Dienstag. Das Risiko einer unbeabsichtigten Eskalation sei zu groß. Danach sickerte durch, dass er nicht Botschafter werde. Eine ungewöhnliche Entwicklung. Die USA hatten Südkorea seine Entsendung bereits per „Agrément“ angekündigt. Cha gilt nicht als Weichling. Unter George W. Bush leitete er die Asienabteilung im Nationalen Sicherheitsrat. In den Sechs-Nationen-Gesprächen zur Beilegung des Atomkonflikts war er Vize-Delegationschef der USA; Nordkorea brach sie 2009 ab.

Wer ist die größere Gefahr: Trump oder Kim?

Auf den ersten Blick bestätigt der Vorgang jene, die Trump für die größere Gefahr als Kim halten. Doch die „Bloody Nose“-Fraktion im Weißen Haus, der angeblich selbst der umsichtige Nationale Sicherheitsberater McMaster angehört, hat auch Argumente für sich. Und die Empirie. Die USA haben es viele Male mit Diplomatie versucht. Nordkorea nimmt, was es bekommen kann, macht aber keine Zusagen oder hält sie nicht ein.

Generell wird in Deutschland gern übersehen: Der Ursprung des Konflikts liegt in Nordkorea, nicht in den USA. Kim verstößt gegen einstimmige Beschlüsse der Vereinten Nationen, nicht Trump.

Koreas gemeinsame Olympiamannschaft trifft auf Vorbehalte der USA

In Sachen Olympia und der angeblich friedensstiftenden gemeinsamen Nationalmannschaft sind die USA und Südkorea unterschiedlicher Meinung. Washington kritisiert, der Süden gewähre dem Norden einen Prestigegewinn ohne Gegenleistung. Womöglich nutzt Kim die Spiele als Deckung für den nächsten Waffentest in der Erwartung, dass er nichts zu befürchten habe. Selbst wenn nicht, wird die Kriegsgefahr nach 16 Tagen Olympia die gleiche sein wie zuvor. Spiele allein schaffen noch keinen Frieden.

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Christoph von Marschall ist erster Helmut-Schmidt-Fellow der ZEIT-Stiftung und des German Marshall Fund of the United States (GMFUS) und arbeitet derzeit in Washington an einer Studie über die Zukunft der Transatlantischen Beziehungen.

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