• Berliner SPD-Fraktionschef Raed Saleh: Die Islamhasser von heute sind die Antisemiten von morgen

Wer für unsere Moralvorstellungen aufnahmefähig ist

Seite 2 von 3
Berliner SPD-Fraktionschef Raed Saleh : Die Islamhasser von heute sind die Antisemiten von morgen
Raed Saleh

Momentan wabert der Verdacht durch deutsche Schreibstuben und über deutsche Stammtische, dass unter den geflüchteten Neuankömmlingen anteilig noch mehr Antisemiten sind, als es sie in der bereits ansässigen deutschen Bevölkerung gibt. In meinen Augen ist das jedoch nicht die entscheidende Frage. Die entscheidende Frage ist: Wie können wir den Antisemiten unter den Neuankömmlingen begegnen und wie können wir diesen unsere Werte so nahebringen, dass sie diese annehmen und eines Tages vielleicht sogar verteidigen.

Hoffnung macht mir dafür der Alltag. Projekte wie etwa KIgA, die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, arbeiten seit Langem mit Flüchtlingen aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan zusammen und sie beobachten eine spannende Entwicklung: Bei vielen der in unserem Land Ankommenden sind die Weltbilder zusammengebrochen. Diese Menschen sind gerade dabei, sich selbst neu zu verorten.

In Kreuzberg haben sie die Erfahrung gemacht, dass diese Menschen in ihrer aktuellen Situation besonders aufnahmefähig sind für unsere Moralvorstellungen, für ungewohnte, neue Wertmaßstäbe. Diese Erkenntnis zeigt nur noch eindringlicher, wie wichtig es ist, dass wir uns die Zeit nehmen und uns die Mühe machen, diese Werte und Moralvorstellungen auch zu vermitteln. „Selbst wenn es unter den Geflüchteten 50 Prozent Antisemiten geben würde, dann könnten wir bei denen weit mehr bewegen als bei den hier sozialisierten festgefahrenen Antisemiten“, sagte mir kürzlich Dervis Hizarci. Der Vorstand der Kreuzberger Antisemitismus-Initiative arbeitet aktuell mit einem guten Dutzend von Flüchtlingen zusammen und beobachtet immer wieder, dass bei den Ankommenden oft vieles verwischt. Da werde der Staat Israel mit „den Juden“ gleichgestellt, die Politik der israelischen Regierung werde als „jüdisch“ bezeichnet. „Da schaffen wir es in relativ kurzer Zeit, ganze Weltbilder zu verändern“, beschrieb Hizarci seine Erfahrung.

Wo Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit wuchert

Auch wenn das Phänomen des Judenhasses in unserer Gesellschaft leider altbekannt ist – neu ist auf jeden Fall die Offenheit, die Ungeniertheit, ja, die Brutalität, mit der sich dieser Antisemitismus heute Bahn bricht. Legt man die einzelnen Vorfälle der vergangenen Wochen und Monate nebeneinander, dann erinnern sie an die dunkelsten Zeiten unserer deutschen Geschichte. Allerdings gehört zur Wahrheit auch dazu, dass die Zeiten zum Glück völlig andere sind. Heute leben wir in einer aufgeklärten, toleranten, starken, überzeugten und wehrhaften Demokratie. Trotzdem heißt das nicht, dass es heute in Deutschland keine rückwärtsgewandten, demokratie- und menschenverachtenden Einstellungen mehr geben würde. Beides muss immer zusammen gedacht werden. Unsere Demokratie ist stark, liberal und weltoffen, und dennoch gibt es in der Bevölkerung nicht unerheblich große Gruppen von Menschen, die diese demokratischen, liberalen, toleranten und weltoffenen Werte mit Füßen treten.

Vor wenigen Wochen war ich für eine politische Veranstaltung in Anklam. Ich war schockiert, als mir die dortigen Sozialdemokraten berichteten, wie in ihrer Region die Rechtsextremen völlig offen und ungeniert immer größere Gebiete für sich eroberten. In manchen Ecken, im äußersten nordwestlichen Zipfel Mecklenburg-Vorpommerns, dominieren die Neonazis inzwischen die ländliche Gesellschaft und von den demokratischen Parteien ist weit und breit nichts zu sehen. Wenig verwunderlich, dass da dann auch der Antisemitismus, der Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Intoleranz und Islamfeindlichkeit wuchern.

Wer gegen Menschen hetzt, ihnen droht oder gar gewalttätig wird, ganz egal welchen Glaubens, welcher Herkunft, welcher sexuellen Orientierung, welcher politischen Einstellung, der muss mit der vollen Härte des Gesetzes verfolgt werden. Und da ist mir völlig egal, ob das ein frisch zugewanderter oder ein alteingesessener Hetzer ist. Den Antisemiten in Armani-Anzügen müssen wir genauso den Kampf ansagen wie den Antisemiten in den Flüchtlingsunterkünften, und zwar dringend!

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

254 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben