Bertelsmann-Studie : Wann Dr. Google helfen kann

Wenn Patienten bei Gesundheitsproblemen im Internet recherchieren, gefällt das vielen Ärzten gar nicht. Dabei könnte die Behandlung davon auch profitieren.

Was sagt Dr. Google? Bei Gesundheitsfragen konsultieren viele das Internet.
Was sagt Dr. Google? Bei Gesundheitsfragen konsultieren viele das Internet.Foto: Andrea Enderlein/epd

Bei Medizinern ist der Kollege alles andere als beliebt. Deshalb verschweigen auch 30 Prozent der Patienten beim Arztbesuch, dass sie ihn vorher zu Rate gezogen haben. Doch unter Kranken und denen, die sich dafür halten, hat „Dr. Google“ mächtig Zulauf. Die Hälfte aller deutschen Internetnutzer klickt dort mindestens einmal im Monat nach Gesundheitsthemen. Jeder Sechste tut es sogar mindestens einmal pro Woche. Und das, obwohl jeder Zweite von ihnen der Ansicht ist, dass die Informationsfülle dort eher verunsichert und verwirrt als einem bei gesundheitlichen Beschwerden wirklich zu helfen.

Die Bertelsmann-Stiftung hat sich mit der Frage beschäftigt, warum Patienten und ihre Angehörigen so emsig im Internet nach Gesundheitsinformationen fahnden, wie genau sie „Dr. Google“ nutzen, ob ihnen das hilft und wie es sich auf ihr Verhältnis zu echten Medizinern auswirkt. Eines der Ergebnisse: Das Internet ist keineswegs bloß was für Hypochonder, die sich dort ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigen lassen, dann hysterisch in Arztpraxen auflaufen und dort alles besser wissen. Gut die Hälfte der Befragten sucht im Netz auch nach Tipps für eine gesündere Lebensweise oder um sich bei akuten Problemen selber helfen zu können. Und oft geht es den Nutzern schlicht darum, die Empfehlungen ihres Arztes besser zu verstehen.

Patienten freuen sich, dem Arzt Paroli bieten zu können

Allerdings spielt auch Misstrauen eine Rolle. Ein Drittel der Befragten glaubt, dass die Online-Suche ihre Position gegenüber den Medizinern stärkt und dazu beiträgt, ihnen weniger ausgeliefert zu sein. „Die Interviews zeigen, dass Patienten sich insgeheim freuen, Ärzten Paroli bieten zu können“, schreiben die Studienautoren Claudia Haschke, Marion Grote Westrick und Uwe Schwenk. Das mag wichtig sein, wenn es beispielsweise darum geht, den Nutzen von oft fragwürdigen Selbstzahler-Leistungen zu beurteilen. Es verweist aber auch auf darauf, dass viele Mediziner ihre Patienten von oben herab abfertigen, ihnen zu viel Fachchinesisch zumuten und sie auch emotional nicht Ernst genug nehmen.

Fakt ist, dass Patienten, die sich im Netz über Gesundheitsthemen informieren, dies zu 58 Prozent vor ihrem Arztbesuch und zu 62 Prozent danach tun. Angeblich freuen sich vier von fünf Ärzten über derartige Eigeninitiative. Allerdings berichtet nur jeder zweite Patient, dass auf die Ergebnisse seiner Internetsuche wirklich eingegangen wird. Bei der Medizinerbefragung kam heraus, dass sich knapp jeder dritte Arzt darüber ärgert, was ihm seine Patienten so als „Fachwissen“ aus dem Web präsentieren.

Nur im Ausnahmeausfall wird die Information hinterfragt

Zu Recht, wie die Bertelsmann-Studie belegt. Zwar sehen es 65 Prozent als Problem, dass vertrauenswürdige Information im Internet nur schwer erkennbar sei. Jedoch schwinden solche Bedenken offenbar in Windeseile, wenn es um die eigene Fähigkeit geht, Seriöses von Unseriösem zu unterscheiden. Tatsächlich ist es bei den meisten Online-Rechercheuren mit der Medienkompetenz nicht weit her. Die Befragung zeige, „dass Patienten den Suchergebnissen und dem Ranking quasi bedingungslos vertrauen“, heißt es in der Studie. Nur in Ausnahmefällen werde das Gefundene hinterfragt. Und schon das zweimalige Auffinden einer Information genüge, um deren Glaubwürdigkeit deutlich zu erhöhen. „Viele Interviewte blenden aus, dass auch falsche Informationen schnell über verschiedene Kanäle gestreut und verbreitet werden.“

Viele Patienten suchten aber auch gar kein reines Faktenwissen, sondern „eine emotional andere Ansprache im Sinne von mehr Fürsorge und Geborgenheit“, schreiben die Wissenschaftler. Beides zusammen habe zur Folge, dass nicht groß zwischen öffentlich finanzierten Websites und kommerziellen Internetauftritten unterschieden werde. Der Krebsinformationsdienst der Universität Heidelberger die von den Krankenkassen finanzierte Unabhängige Patientenberatung sei für die Nutzer nicht vertrauenswürdiger als etwa die Apothekenumschau oder das der Schulmedizin fernstehende „Zentrum der Gesundheit“.

Mediziner nutzen das Potenzial zu wenig

Allerdings ist die Aversion vieler Ärzte gegen solche oft wahllose Internetrecherche kontraproduktiv. Bei der Vor- oder Nachbereitung von Praxisbesuchen und Klinikaufenthalten könne „Dr. Google“ durchaus hilfreich sein, so Studienautorin Grote-Westrick. Um dessen Potenzial zu nutzen, sei aber zweierlei nötig. Patienten sollten offen über selbst gefundene Information sprechen können. Und die Ärzte sollten willens und in der Lage sein, ihnen verlässliche Websites oder Apps zu empfehlen.

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