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Besser als das Grundeinkommen? Ökonomen wollen „Grunderbe“ für alle. 20.000 Euro ohne Bedingungen für alle 18-Jährigen: Für das Wirtschaftsforschungsinstitut DIW ein Weg, die Ungleichheit in Deutschland zu reduzieren.

© imago images/Marius Schwarz

Tagesspiegel Plus

Gerechter als das Grundeinkommen? : Ökonomen wollen 20.000 Euro „Grunderbe“ für alle – wie das funktionieren soll

20.000 Euro ohne Bedingungen für alle 18-Jährigen: Für das Wirtschaftsforschungsinstitut DIW ein Weg, die Ungleichheit in Deutschland zu reduzieren.

Zum 18. Geburtstag 20.000 Euro vom Staat für alle auf die Hand: Was klingt wie eine Schlaraffenlandfantasie, ist ein gut begründeter Vorschlag aus dem Berliner Wirtschaftsforschungsinstitut DIW.

22,6 Milliarden Euro im Jahr würden dieses „Grunderbe“ und weitere Hilfen zur Vermögensbildung der Unter- und Mittelschicht den Staat jährlich kosten, hat der DIW-Forscher Stefan Bach errechnet.

Aber der hätte auch etwas davon: Die Ungleichheit im Land, die sich von Generation zu Generation nicht nur vererbt, sondern auch immer weiter wächst, wäre gemildert oder sogar gebremst.

Ein Prozent der Bevölkerung besitzt ein Drittel aller Privatvermögen

Wenn auf diese Weise die Unter- und Mittelschichten ihre Vermögenssituation verbessern könnten, würde der Gini-Koeffizient – das ist das Maß, mit dem Ökonom:innen Einkommensungleichheit ausdrücken – um fünf bis sieben Prozent fallen.

Aktuell besitzt die untere Hälfte der Bevölkerung kaum Vermögen, die reichsten zehn Prozent dagegen 67 Prozent des gesamten deutschen Privatvermögens. Aufs reichste oberste Prozent konzentrieren sich 35 Prozent.

Das ist nicht unbedingt der Normalfall in reichen Ländern. Die Vermögen in Deutschland seien „im Vergleich zu anderen EU- oder OECD-Ländern mit einer ähnlichen Einkommensverteilung sehr stark konzentriert“, schreibt Forscher Bach. „Auffällig sind vor allem die relativ geringen Vermögen der Mittelschicht.“

 Die einen sind beim Weihnachtsshopping, die andern haben nur einen kalten Platz in der Einkaufsstraße. Das DIW hofft, die Ungleichheit durch ein „Grunderbe“ für alle zu verringern.
Die einen sind beim Weihnachtsshopping, die andern haben nur einen kalten Platz in der Einkaufsstraße. Das DIW hofft, die Ungleichheit durch ein „Grunderbe“ für alle zu verringern.

© imago images/Chris Emil Janßen

Die finanzieren aber ebenso wie die Unterschicht in meist abhängigen Beschäftigungsverhältnissen mit ihren Abgaben Deutschlands gutes Sozialsystem.

Demokratie braucht Gleichheit und den Glauben, dass Anstrengung lohnt

Weshalb es einerseits weniger dringlich für sie wird, fürs Alter mit Wohnungskauf oder Rücklagen für Krankheitszeiten vorzusorgen. Andererseits aber bleibt nach Abzug aller Sozialversicherungsbeiträge und Steuern auch nicht mehr viel Bares, um etwas Vermögen aufzubauen.

Wenn der Staat wolle, dass Menschen der Unter- und Mittelschicht teils selbst vorsorgten, müsste er ihnen dabei helfen, argumentiert Bach.

Die Vermögen in Deutschland sind sehr stark konzentriert.

Stefan Bach, Forscher am DIW

Die Milliardenbeträge, die dafür nötig wären – neben den 20.000 Euro schlägt Bach auch gezielte Hilfen zum Wohnungskauf für junge Leute und für Familien mit mittlerem Einkommen vor – sollten durch eine höhere Erbschaftssteuer hereinkommen und durch andere Steuern auf hohe Vermögen.

Dies entspräche einmal den demokratischen Versprechen auf Gleichheit und dass Steuern und Geld nach Leistung verteilt sein sollten – für ein Erbe braucht schließlich niemand etwas zu tun.

Zugleich hofft Forscher Bach darauf, dass der Widerstand gegen Erbschaftssteuern schwächer würde, den es in Deutschland bis in die obere Mittel- und untere Oberschicht hinein gibt, „obgleich dort nur wenige davon betroffen sind“.

Keine Chance auf Reichensteuern mit der Ampel

Schließlich würden Steuern auf sehr große Vermögen dazu dienen, dass die, die keines haben, wenigstens 20.000 Euro erhielten, sei es als Startkapital ins Erwachsenenleben oder in Form eines „Lebenschancenkontos“, mit dem sich Phasen der Arbeitslosigkeit abfedern ließen oder Zeiten, in denen Kinder und Alte zu betreuen sind und die Erwerbsarbeit deswegen reduziert werden muss.

Bach erinnert im DIW-Wochenbericht auch an den Niedergang der Besteuerung großer Vermögen in Deutschland seit den 1970-er Jahren.

Es begann mit deren mangelhafter Erfassung und den Privilegien für Unternehmensvermögen – auch für Erben, die die Firma nicht weiterführen – und endete vorläufig 1997 damit, dass die Vermögensteuer ausgesetzt wurde.

Aktuell machten Steuern auf große Vermögen nur noch 1,1 Prozent des gesamten deutschen Steueraufkommens aus.

Während die oberen Zehntausend so immer mehr an Kinder und Enkel verschenken und vererben könnten, seien weiter unten steigende Mieten kaum mehr bezahlbar und erst recht sei so kein Sparen aufs eigene Häuschen möglich.

Natürlich könne die neue Bundesregierung das Wohneigentum und Vorsorgesparen fürs Alter oder ähnliches fordern, schreibt Bach: „Schnell und effektiv“ gegen Ungleichheit wirke aber nur Umverteilung: „indem die besitzlose Hälfte ein Grunderbe zum Vermögensaufbau erhält, das über Steuern auf hohe Vermögen finanziert wird.“.

Die Aussichten, dass sein Vorschlag Wirklichkeit wird, dürften allerdings gering sein, wie DIW-Forscher Bach selbst andeutet. Trotz der im weltweiten Vergleich happigen Einkommenskonzentration „enthält der Koalitionsvertrag für die neue Ampel-Koalition keine Steuererhöhungen für Wohlhabende“, schreibt er.

Die FDP habe sich hier gegen die größeren Koalitionspartnerinnen SPD und Grüne durchgesetzt.

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