Big Data und Datenschutz : Es geht um die Privatheit der Umgebung

Früher nahm man die Natur für selbstverständlich. Dann musste man umdenken. Heute riskieren wir unsere Privatsphäre. Zeit zum Umdenken auch hier. Ein Essay.

Maciej Ceglowski
Hier werden Sie gesehen. Videoüberwachungskameras am Kölner Hauptbahnhof.
Hier werden Sie gesehen. Videoüberwachungskameras am Kölner Hauptbahnhof.Foto: imago/Future Image

Maciej Ceglowksi ist Web-Entwickler in San Francisco. Er bloggt unter idlewords.com und hat Tipps zusammengestellt, wie Gmail-, Twitter- und Facebookkonten sicherer gemacht werden können.

Die Notwendigkeit, Datenschutz im Internet zu regulieren, ist inzwischen derart unstrittig, dass sogar Google und Facebook im Chor derer mitsingen, die nach Veränderung rufen. Unlängst schrieb Google-CEO Sundar Pichai in der "New York Times", es sei wichtig, „dass Unternehmen den Menschen klare, individuelle Auswahlmöglichkeiten für die Verwendung ihrer Daten anbieten“. Der Text enthielt wie alle „New York Times“-Meinungsartikel mehrere Google-Tracking-Skripte, die ohne Wissen oder Zustimmung des Lesers bedient wurden. Durch sie hätte Sundar Pichai, hätte er gewollt, bis auf die Sekunde genau erfahren können, wann ein bestimmter Leser die Zusicherung gelesen hat, dass Google „sich auf die Produkte und Funktionen konzentriert, die den Datenschutz Realität werden lassen“.

Facebook-CEO Mark Zuckerberg hatte sich im März in der „Washington Post“ ähnlich geäußert und zudem jüngst den US-Kongress aufgefordert, Datenschutzgesetze nach dem Vorbild der europäischen Datenschutzverordnung (DSGVO) zu erlassen. Sein Text war ebenfalls mit einem ganzen Strauß von nicht zustimmungspflichtigen Tracking-Skripten bestückt, die sowohl gegen die Buchstaben als auch gegen den Geist des Gesetzes verstoßen, das Mark Zuckerberg vom Kongress verlangt.

Die Tracking-Skripte finden Sie auf fast jeder Webseite, die Sie besuchen

Google und Facebook richten mehr als alle anderen Unternehmen ein „algorithmisches Auge“ auf das Privatleben ihrer Nutzer. Gemeinsam betreiben sie die weltweit modernste Dragnet-Überwachungseinheit. Deren Tracking-Skripte finden Sie auf fast jeder Webseite, die Sie besuchen.

Warum also sind diese Totengräber des Datenschutzes plötzlich so besorgt um die Gesundheit des Patienten?

Ein Teil der Antwort findet sich in der Art, wie wir über Privatsphäre reden. Die ist inzwischen selbst ein Problem, denn für die neue Realität der allgegenwärtigen, mechanisierten Überwachung reicht sie nicht mehr aus.

Für die Regulierungsbehörden bedeutet Datenschutz immer noch, bestimmte Kategorien von personenbezogenen Daten oder die Kommunikation zwischen Einzelpersonen vor unbefugter Offenlegung zu schützen. Dritte, die zu unseren personenbezogenen Daten Zugang erhalten, werden verpflichtet, diese zu schützen – und damit respektieren dann auch sie unsere Privatsphäre. Bleibt man bei diesem Verständnis von Datenschutz, können die riesigen Technologieunternehmen in der Tat glaubwürdig den Anspruch erheben, die Verteidiger der Privatsphäre zu sein – so wie ein Drache wahrheitsgemäß damit prahlen kann, dass er seinen Goldschatz gut schützt. Schließlich gibt niemand mehr Geld für die Sicherung von Benutzerdaten aus als Facebook und Google.

Warum gibt es plötzlich so viel, das geschützt werden muss?

Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist aber weniger, ob unsere Daten sicher sind, sondern vielmehr, warum es plötzlich so viel gibt, was geschützt werden muss. Das Problem mit dem Drachen ist nicht die Verwaltung der Lagerbestände, das Problem ist sein Appetit.

Wir sollten also über eine andere Art von Privatsphäre sprechen, eine, die bisher keinen Namen hat. Ich nenne sie „Ambient Privacy“, „Umgebungsprivatsphäre“. Der Begriff soll den Wert beschreiben, der darin liegt, dass unsere täglichen zwischenmenschlichen Interaktionen außerhalb von Überwachungsreichweiten stattfinden, und davon, dass auch die kleinen Alltäglichkeiten passieren, ohne aufgezeichnet zu werden. Was wir zu Hause, bei der Arbeit, in der Kirche, in der Schule oder in der Freizeit tun, braucht nirgends gespeichert zu werden. Nicht jede Äußerung ist eine Aussage.

Bis vor Kurzem war Umgebungsprivatsphäre schlicht Fakt. Die Speicherung von irgendetwas für die Nachwelt erforderte besondere Vorkehrungen, und viele Begebenheiten wurden gnädigerweise einfach vergessen. Selbst Polizeistaaten wie Ostdeutschland, wo jeder siebte Bürger Informant war, konnten nicht die gesamte Bevölkerung im Auge behalten. Heute verleihen Computer uns genau diese Macht. Autoritäre Staaten wie China und Saudi-Arabien nutzen Computertechnologie als Instrumente zur sozialen Kontrolle. Wir hier in den Vereinigten Staaten nutzen sie, um Anzeigen zu schalten. Aber die Infrastruktur der totalen Überwachung ist überall gleich – und sie wird überall in großem Maßstab eingesetzt.

Sie können sich aus der Big-Data-Welt ebenso wenig ausklinken wie aus der Ölwirtschaft

Die Umgebungsprivatsphäre ist nicht Eigentum von Menschen oder ihrer Daten, sondern sie gehört der Welt um uns herum. Genauso wie Sie nicht aus der Ölwirtschaft aussteigen können, indem Sie sich weigern, Auto zu fahren, können Sie sich nicht aus der Überwachungsökonomie ausklinken, indem Sie auf die dazugehörige Technologie verzichten (und für viele Menschen wäre das auch gar keine Option). Zwar kann es für Sie gewichtige Gründe geben, Ihr Leben „vom Netz zu nehmen“, doch die Infrastruktur um Sie herum wird wachsen, ob Sie die nun nutzen oder nicht.

Unsere Gesetze sehen Datenschutz als individuelles Recht, darum ergibt sich aus ihnen kein Mechanismus, der uns zu entscheiden erlaubt, ob wir in einer Überwachungsgesellschaft leben wollen.

Die großen Technologieunternehmen nehmen die Tatsache, dass wir ihre Dienste bereitwillig nutzen, als Beweis dafür, dass wir uns nicht wirklich um Privatsphäre scheren. Das ist ebenso absurd, als würde man behaupten, Häftlinge wären gern im Gefängnis, und als Beweis anführen, dass viele von ihnen die Gefängnisbibliothek besuchen. Angesichts einer real existierenden Überwachungswelt treffen die Menschen die rationale Entscheidung, das Beste daraus zu machen. Eine Einverständniserklärung ist das nicht.

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