Bilanz 2017 : Organspenderzahlen sinken auf niedrigsten Stand seit 20 Jahren

Die Bereitschaft zur Organspende in Deutschland nimmt weiter ab. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz fordert daher, das gesamte System zu reformieren.

Die Zahl der Organspender hat 2017 weiter abgenommen, auf nur noch 797 Spender.
Die Zahl der Organspender hat 2017 weiter abgenommen, auf nur noch 797 Spender.Foto: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa

Die Zahl der Organspender in Deutschland hat 2017 einen neuen Tiefpunkt erreicht. Nach den Statistiken der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) gab es nur 797 Spender, 60 weniger als im Vorjahr. Das ist der niedrigste Stand seit 20 Jahren, teilte die Stiftung mit. Im Vergleich anderer Europäischer Länder steht Deutschland sehr schlecht da.

„Leider werden wir erstmals unter die Marke von zehn Spendern pro eine Million Einwohner rutschen. 2017 sind es 9,7“, sagte Axel Rahmel, Medizinischer Vorstand der DSO. In der Historie der Stiftung sei das, gerechnet ohne die Anfangsjahre der Organspende vor mehr als 30 Jahren, noch nie passiert. „Im internationalen Vergleich war Deutschland bisher im unteren Mittelfeld. Jetzt stehen wir im Vergleich fast hinter allen anderen westeuropäischen Ländern. Das ist eine dramatische Entwicklung“, ergänzte er. Die DSO-Zahlen beziehen sich auf die bis zum vergangenen Mittwoch registrierten Organe für 2017 ohne Lebendspenden.

Rahmel sieht die Gründe für den Rückgang der Spenderzahlen in Deutschland weniger in der mangelnden Bereitschaft der Bevölkerung. Eine Ursache sei die enorme Leistungsverdichtung in den Kliniken. Er wünscht sich zudem Verbesserungen in der Organisation der rund 1250 Kliniken in Deutschland, die zum Organspende-System gehören. So habe zum Beispiel Bayern 2017 Transplantationsbeauftragte erstmals für ihre Aufgabe freigestellt. Die Organspenderzahlen in Bayern seien 2017 um 18 Prozent gestiegen - der höchste Wert unter allen Bundesländern.

Organspenderzahlen sind regional sehr unterschiedlich

Die Entwicklung der Organspenderzahlen in Deutschland war 2017 regional insgesamt sehr unterschiedlich. Während neben Bayern auch Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland eine Zunahme der Spender verzeichneten, ging der Bundestrend generell zurück. Da einem Spender mehrere Organe entnommen werden können, meldete Deutschland 2017 laut DSO insgesamt 2594 Nieren, Lebern, Lungen oder Herzen an die internationale Vermittlungsstelle Eurotransplant. 2016 waren es noch 2867 Organe. Eine Altersgrenze für Organspender gibt es nicht.

Weltweit führend im Bereich Organspende ist nach eigenen Angaben Spanien mit 46,9 Spendern pro eine Million Einwohner im Jahr. Das bedeute eine Steigerung um acht Prozent seit 2016 und sei eine weitere neue Bestmarke, teilte das spanische Gesundheitsministerium vergangene Woche mit. Dort gilt die Widerspruchslösung: Menschen müssen es explizit dokumentieren, wenn sie gegen eine Organentnahme nach ihrem Tod sind. Dieses Vorgehen forderte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach im Gespräch mit der in Oldenburg erscheinenden „Nordwest-Zeitung“ (NWZ) auch für Deutschland. Nach Angaben der „Süddeutschen Zeitung“ stehen auch Belgien und Kroatien mit mehr als 30 Organspendern pro eine Million Einwohner weit vorne.

Deutsche Stiftung Patientenschutz: "Organspende liegt am Boden"

Deutschland steht über Eurotransplant beim Organaustausch im Verbund mit Belgien, Kroatien, Luxemburg, die Niederlande, Österreich, Ungarn und Slowenien. Laut Rahmel besteht keine Gefahr, dass Eurotransplant Deutschland wegen der niedrigen Spenderzahlen ausschließt. Durch die hohe Bevölkerungszahl sei Deutschland immer noch ein Land, das in absoluten Zahlen mehr Organe als andere Länder zum Verbund beisteuere.

„Obwohl im letzten Jahr für Werbung und Organisation mehr als 100 Millionen Euro ausgegeben wurden, liegt die Organspende am Boden“, kritisierte Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz. Dennoch werde das Thema in dem Sondierungspapier von Union und SPD mit keinem Wort erwähnt. Angesichts von 10.000 Schwerstkranken auf der Warteliste sei dringender Handlungsbedarf angezeigt. So gehöre das Transplantationssystem in staatliche Hände, forderte Brysch. Nur so könne das Vertrauen in der Bevölkerung und bei den Klinik-Medizinern wiederhergestellt werden. Lauterbach ergänzte: „Der Wert der Organspende ist den Menschen gar nicht konkret bewusst, sie wissen nicht, was es heißt, verzweifelt auf ein Organ zu warten.“ (dpa)

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