Bildungsaufsteiger in Deutschland : Akademiker wollen sie sein? Ha!

Deutschland hat offenbar immer noch nicht kapiert, dass es ausstirbt, meint unsere Autorin. Warum sonst würde es so vielen Kindern die Schule so schwer machen?

Hatice Akyün
Eine Schülerin in Baden-Württemberg meldet sich in einem Klassenzimmer während des Englischunterrichts.
Eine Schülerin in Baden-Württemberg meldet sich in einem Klassenzimmer während des Englischunterrichts.Foto: Marijan Murat/dpa

Im nächsten Jahr tritt das Fachkräfteeinwanderungsgesetz in Kraft. Da fiel mir doch glatt wieder der aktuelle Nationale Bildungsbericht der Bundesregierung von 2018 ein, in dem ich kürzlich gestöbert habe. Da steht zum Beispiel, dass 79 von 100 Akademikerkindern studieren, aber nur 24 von 100 Arbeiterkindern. Als ich das las, erinnerte ich mich an meinen Deutschlehrer in der 7. Klasse. Kurz vor den Sommerferien sagte er mir, welche Endnote ich auf dem Zeugnis bekommen würde. In allen Klassenarbeiten hatte ich eine Eins geschrieben, in der mündlichen Mitarbeit war ich auch sehr gut. Mein Deutschlehrer wollte mir aber nur eine Zwei geben. Nach der Stunde ging ich zu ihm und fragte ihn nach dem Grund: Er sagte: „Ich kann dir keine Eins geben. Deutsch ist nicht deine Muttersprache.“ Warum ich Ihnen diese Geschichte erzähle? Nun, sie hat mich gelehrt, dass ich mich als Migrantin und Tochter eines Arbeiters doppelt anstrengen musste, um gegen das Stigma Arbeiterkind und Türkenmädchen zu bestehen.

In Deutschland entscheidet noch immer die soziale und kulturelle Herkunft darüber, was aus einem Kind einmal wird

Es ist schon erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit und einer fast schon resistenten Überzeugung in Deutschland immer noch die soziale und kulturelle Herkunft darüber entscheidet, was aus einem Kind einmal wird. Fähigkeiten und Talente zählen nur, wenn auch der Stammbaum stimmt.

Nun könnten Sie sagen: Mir doch egal, wir haben genug deutsche Akademikerkinder, die meine Rente schon sichern werden. Da muss ich Sie leider enttäuschen und Ihnen Ihren Lebensabend mit ein paar düsteren Zahlen vermiesen: Das Institut für Wirtschaftsforschung hat herausgefunden, dass die Erwerbsbevölkerung in Deutschland, also jene, die das Geld für die Rente reinholt, in den nächsten 40 Jahren von 50 Millionen auf 33 Millionen schrumpfen wird. Um den Arbeitsmarkt nur stabil zu halten, sind jedes Jahr laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung 260 000 zusätzliche Erwerbstätige nötig. Schaut man sich diese Zahlen mal nüchtern an, bekommt man große Lust, schnell noch ein paar Kinder zu zeugen oder sich vor Sorge hemmungslos zu betrinken.

Ich erkläre es jetzt noch mal, Deutschland: Wir sterben aus!

Manchmal verzweifele ich daran, wie sich dieses Land sehenden Auges in den Fatalismus stürzt, um ja nicht von seinem hohen Ross runterkommen zu müssen. Aber ich erkläre es gerne noch einmal: Wir sterben aus! Unsere Rente ist nicht sicher. Von der sozialen Bildungsdurchlässigkeit profitieren wir alle. Jedes Kind, das heute gefördert wird, gerechte Chancen bekommt und den beruflichen Aufstieg schafft, wird als Erwachsener mehr verdienen und somit auch mehr Steuern zahlen. Und das ist nicht nur gut für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, sondern lohnt sich für jeden von uns.

Vielleicht ist mein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn schuld daran, dass ich einfach nicht meinen Mund halten kann, wenn jemand ungerecht behandelt wird. Besonders, wenn es um Kinder geht. Jeden Tag höre ich von Migrantenfamilien, dass ihre Kinder trotz guter Noten keine Empfehlung für das Gymnasium bekommen. Ich fühle mich oft seltsam einsam in diesem Kampf um Chancengleichheit und Gerechtigkeit. Und genau genommen gibt es die eine Gerechtigkeit ja auch gar nicht. Oft liegt sie irgendwo zwischen dem, was als gerecht empfunden wird, und dem, was man an Gerechtigkeit erkämpfen kann. Jedes Land braucht Menschen, die sich einbringen, Missstände anprangern, Teilhabe einfordern, und das nicht nur für sich, sondern auch für andere. Dazu gibt es ein schönes deutsches Wort, das viele für angestaubt halten, das aber heute nötiger ist denn je: Solidarität.
„Schuster, bleib bei deinem Leisten“, heißt es in einem deutschen Sprichwort. Dem würde ich gerne ein türkisches entgegensetzen: „Kind, deine Hand soll einen Stift halten.“

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