Billy Bragg : Wandsworth Prison Blues

Zu Besuch im Gefängnis mit Billy Bragg: Der Singer/Songwriter des Punkrock tritt vor Häftlingen auf und liefert gespendete Gitarren ab.

Immer wieder gern in Berlin: Billy Bragg, hier 1986 in der Lichtenberger Parkaue...
Immer wieder gern in Berlin: Billy Bragg, hier 1986 in der Lichtenberger Parkaue...Foto: Thomas Otto

Es muss jetzt schnell gehen. Wer einen Termin im Gefängnis hat, darf nicht zu spät kommen. Die Zeit dort ist genau eingeteilt. Mit dem Gitarrenkoffer unterm Arm läuft Billy Bragg vor dem geschäftigen Londoner Bahnhof Clapham Junction auf die Straße und springt in ein Taxi. „Wandsworth Prison, please“, sagt er dem Fahrer, der eigentlich nur kurz an einem Zebrastreifen halten wollte. In der Schlange dahinter beginnt das Gehupe. Billy Bragg verzieht das Gesicht und rollt mit den Augen, „Typisch England“, sagt er. Die Ungeduld der Leute! Das Auto direkt hinter dem Taxi schert aus und überholt links. Am offenen Seitenfenster erscheint eine Faust. Doch die Faust ist nicht verärgert, die Faust ist sozialistisch. Der Fahrer hat Bragg erkannt und richtet entsprechende Grüße aus. Er ruft „Hey Billy“ und grinst über das ganze Gesicht.

Billy Bragg ist ein household name in Großbritannien, eine Marke: als linke Ikone und Songschreiber, als „One Man Clash“, der den Geist der legendären Punkband The Clash allein mit seiner Gitarre verkörpert. Zuletzt auch als Buchautor und politischer Kommentator, der sich für einen neuen, „progressiven Patriotismus“ stark macht und dieses Terrain nicht den Rechtsextremen und ihren rassistischen Parolen überlassen will. Dann als Initiator der Aktion „Jail Guitar Doors“, die Gitarren für Häftlinge stiftet.

Und obendrein äußert sich Bragg gern zur Zukunft der Musik im digitalen Zeitalter. Dazu kommt er in dieser Woche nach Berlin. Auf der Popkomm, der Messe zur Popmusik, hält der britische Sänger an diesem Donnerstag eine Grundsatzrede, eine so genannte keynote speech. Bragg wird seinen Auftritt vor der versammelten Musikwirtschaft nutzen, um in Zeiten zurückgehender CD-Verkäufe und frei kopierbarer Downloads eine Art Musikabgabe vorzuschlagen. Nach dem Vorbild der deutschen oder britischen Rundfunkgebühren müsste jeder Internet- oder Mobilfunknutzer in der gesamten Europäischen Union diese Abgabe zahlen, die dann den Künstlern zugute käme.

Das wird nicht jeder gern hören. Aber Bragg ist noch viel kontroversere Auftritte gewohnt. Zum Beispiel damals, 1989, beim „Festival des politischen Liedes“ in Berlin, Hauptstadt der DDR. „Es gibt nur ein Land auf der Welt, aus dem ich je rausgeflogen bin“, sagt Bragg im Taxi. „Das ist die DDR.“ Die Partei, die immer Recht hatte, schmückte sich oft und gern mit dem linken Sänger aus Großbritannien, der sich zu Zeiten der konservativen Premierministerin Margaret Thatcher für streikende Bergarbeiter und die damals noch aufrecht linke Labourpartei eingesetzt hatte und der in seinen Konzerten die „Internationale“ sang – später nannte er auch eine seiner Platten so.

Doch der Mauer-Sozialismus war nichts für Bragg. Er gönnte sich eine kleine Provokation: „Ich hatte Kaninchen auf dem Todesstreifen gesehen“, erzählt der Sänger. „Dann habe ich im Konzert beim Festival gesagt, dass es doch schön wäre, wenn die Kaninchen künftig herumlaufen könnten, wo sie wollten.“ Nicht nur die Fans, auch die Kulturfunktionäre verstanden die Anspielung, zumal das Fernsehen Braggs Konzert live übertrug. Er werde nie wieder in der Deutschen Demokratischen Republik auftreten, eröffnete man ihm. Das stimmte – aber anders, als es sich die Musikfunktionäre damals vorstellten.

... und hier 2008 in der Passionskirche.
... und hier 2008 in der Passionskirche.Foto: Davids

Die DDR ist seit 17 Jahren Geschichte, doch Bragg kommt immer noch in den Berliner Osten. Am Mittwochabend steht er in der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg auf der Bühne. Auf der Popkomm soll er schließlich nicht nur reden, sondern auch spielen. Doch zuvor spricht und singt Bragg im Wandsworth-Gefängnis im Süden Londons. Oscar Wilde hat hier einmal gesessen, als Homosexualität noch ein Vergehen war. Das finster-verschachtelte Backsteingemäuer wirkt, als ob sich seit viktorianischen Zeiten hier nicht allzu viel getan hätte.

Die Taten der Insassen, die sich heute um Bragg in der ranzigen Gefängniskapelle versammeln, reichen von Verkehrsdelikten bis zur Drogendealerei, eher Knackis der leichteren Kategorie. Die schwereren Fälle, die Gewalttäter, sind heute nicht vertreten. Das liegt am Fotografen und am Reporter, die diesmal dabei sind. „Insassen mit Gewaltdelikten dürfen nicht aufs Foto“, erklärt eine der Wärterinnen. Mitmachen sollen sie dann aber schon, wenn das beginnt, was der Mann auf der Bühne gerade ankündigt.

„Hallo, mein Name ist Billy Bragg. Ich bin ein Sänger und Songschreiber, der vom Punkrock inspiriert wurde.“ Der Sänger trägt eines dieser Jacketts ohne Revers, aber mit Kragen – ein vergrößertes Hemd aus schwerem Stoff. Bert-Brecht-Stil, Arbeiter-Chic. Dunkelblau das Jackett, ein bisschen heller die Hose. Dazu Chelsea-Boots, aber nicht die spitzen, eleganten Modelle der Beatles. Braggs Schuhwerk ist derb: festes, braunes Leder, die Sohle aus Gummi. Die Kanzel – ein Pult mit Kreuz – wurde für den Sänger beiseite gerückt, rechts steht die Orgel, es ist eine Szenerie wie in einem amerikanischen Gefängnisfilm.

Hinter Bragg auf der kleinen Bühne lehnen mehrere Pakete aneinander, deren Form ihren Inhalt verrät. Unten bauchig, oben schmal. Ein knappes Dutzend Gitarren hat Bragg mitgebracht, die „Jail Guitar Doors“. Bragg sammelt seit einigen Monaten Spenden, kauft davon Gitarren für Häftlinge und organisiert Gitarrenkurse hinter Gittern. „Ihr könnt damit lernen, euch auszudrücken“, sagt Bragg. „Das ist eine echte Herausforderung.“

Der erste Prominente, der Geld für „Jail Guitar Doors“ gab, sei Mick Jones gewesen, erzählt Bragg. Mick Jones und Joe Strummer von The Clash, das waren die Helden seiner Jugend, als der junge Mann aus Barking im Osten Londons begann, selbst Musik zu machen. Dieses Erbe pflegt er noch heute. Seine neue Single heißt nicht nur „Old Clash Fan Fight Song“. Das nur auf Vinyl erscheinende Lied, dessen Erlös dem Gefängnisprojekt zugute kommt, hat Bragg auch noch unter dem Pseudonym „Johnny Clash“ aufgenommen. Damit setzt er gleich zwei verstorbenen Helden ein Denkmal: Joe Strummer und Johnny Cash. Auch dem amerikanischen Countrysänger waren Auftritte in Gefängnissen immer wichtig.

„Ich bin in der glücklichen Lage, mit dem was ich gern mache, meinen Lebensunterhalt zu verdienen“, sagt Bragg den Häftlingen in der Gefängniskapelle. Es klingt wie eine Aufforderung, die nicht jedem der hier Versammelten sehr realistisch vorkommen mag. Die Haare des Sängers sind grau, doch sein Gesicht und seine Stimme haben immer noch etwas Jungenhaftes. Wie damals in den frühen 80ern, als er „A New England“ sang, die ironische Hymne, die Weltverbesserer und Punks miteinander versöhnte.

Bragg schaffte es, gleichzeitig engagiert und entspannt zu sein. Er war keiner dieser krampfig klampfenden Liedermacher, wie sie damals vor allem in Deutschland massiert auftraten. „Ich will die Welt nicht ändern, ich suche nicht nach einem neuen England, ich suche nur wieder ein Mädchen“, sang Bragg, und jeder durfte sich seins dabei denken. Er predigte nicht, er erzählte Geschichten und griff dazu ein paar krachende Akkorde auf seiner E-Gitarre. Kein Bass, kein Schlagzeug, nur die rohe, schlichte Schönheit der verstärkten sechs Saiten.

Seine Wurzeln im Punk, dem linken, antirassistischen Punk, waren Bragg immer wichtig. Die Protagonisten der musikalischen Revolte der späten 70er Jahre sind ein bisschen die 68er Großbritanniens, ohne dass es dabei je allzu ideologisch zuging. Das wäre bei den eher pragmatisch liberalen Briten auch nicht gut angekommen. Und wer sich nicht ideologisch verrennt, der muss auch hinterher nicht von einem Extrem ins andere fallen, im festen Willen, nun alles besser zu machen. Bragg bezeichnet sich zwar als Patriot, doch den Schwenk nach rechts hat er im Gegensatz zu so vielen gewendeten Alt-68ern nie vollzogen. Sein Patriotismusbuch kommt ganz ohne angestrengte Leitkulturdebatten aus. Es zeichnet eine Geschichte des „Dissenses“ nach, der Streiks, Kampagnen und erkämpften Rechte, und schlägt diese Erzählung als Alternative zu den gängigen imperialen Heldengeschichten vor.

„Ich habe eine Zeitlang gebraucht, um zu erkennen, dass nicht Kapitalismus oder Konservatismus die Gegner sind, sondern der Zynismus“, sagt Bragg. Klingt shocking für orthodoxe Linke, die gerade in Deutschland wieder im Kommen sind. Er habe „nur noch dieses zivilgesellschaftliche Gedöns von sich gegeben“, schrieb ein Rezensent und enttäuschter Fan vor einiger Zeit im DKP-Blatt „Unsere Zeit“ über einen Billy-Bragg-Auftritt. Dem britischen Sänger ist das alltägliche Engagement wichtiger als die große politische Geste. „This machine kills time“, steht auf einer der Gitarren, die Bragg mit ins Gefängnis gebracht hat, eine Abwandlung des Spruchs „This machine kills fascists“, den der amerikanische Protestsänger Woody Guthrie einst auf seine Gitarre geschrieben hat.

Bei „Jail Guitar Doors“ geht es nicht um irgendwelche Knast-Utopien, es geht um den Alltag im Gefängnis, um Aufmunterung, um Neuanfang, um Perspektiven. „Ich bin für Bestrafung“, sagt Bragg, und er betont in seiner kleinen Ansprache auch ganz pragmatisch den Beitrag für die öffentliche Sicherheit, den er mit seiner Aktion leistet. „Aber ich bin für Erlösung, nicht für Vergeltung.“ Er klemmt sich eine Gitarre unter den Arm – die mit dem aufgedruckten Zeittotschlägersatz – und singt das Erlösungslied des Reggae, den „Redemption Song“.

Bob Marley geht immer. „Es sind eher die Wärter, die mich und meine Musik kennen, seltener die Insassen“, hat Bragg vorhin im Taxi erzählt. „Und auch von The Clash hat längst nicht jeder gehört.“ Deshalb hat er ein Lied des großen Jamaikaners ausgewählt. Denn Bob Marley kennen auch die Knackis aus Polen und Tschechien oder die mit den arabisch klingenden Namen, die heute in der Gefängniskapelle Platz genommen haben. Beim „Redemption Song“ nicken die Köpfe und wippen die Füße im Takt. Dann summen und murmeln die Häftlinge leise mit. Schließlich stimmen sie ein in den Gesang, den Wärter und Sozialarbeiter schon mit Verve hören lassen. Als es im Text um die „Songs of Freedom“ geht, die Lieder der Freiheit, werfen sich die Häftlinge Blicke zu.

Nach dem letzten Akkord tritt der Gefängnisdirektor vor. Er bedankt sich von offizieller Seite, „als Vertreter der Regierung, der ich ja wohl bin“. Dann sagt er: „Ich möchte aber noch eine persönliche Anmerkung machen. Ich bin auch ein Fan von Billy Bragg.“ Ein Land, in dem die Gefängnisdirektoren Billy Bragg hören – was für ein Land.

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