• Bischöfe in Jerusalem: Das erste Mal: Katholiken und Protestanten pilgern durchs Heilige Land

In Jerusalem holt die Delegation die Realität des Nahen Ostens ein

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Bischöfe in Jerusalem : Das erste Mal: Katholiken und Protestanten pilgern durchs Heilige Land

In Jerusalem feiern die Juden diese Woche das Laubhüttenfest. Es ist das jüdische Erntedankfest und erinnert zugleich an die biblische Wanderung der Israeliten durch die Wüste, nachdem Mose sie aus der ägyptischen Sklaverei herausgeführt hatte. Auf Plätzen und an Straßenecken stehen Zelte und Bretterbuden mit Palmzweigen und Laubdächern. Zehntausende orthodoxe Juden aus der ganzen Welt drängen sich in den Gassen der Altstadt und eilen zur Klagemauer. Viele Männer tragen traditionelle Pelzhüte über den Schläfenlocken, die Frauen Perücken und lange Röcke. Am Jaffator spielen abends Klezmer-Musiker, im jüdischen Viertel demonstrieren militante Siedler. Überall patrouillieren Soldaten mit Maschinengewehren. An Festtagen ist es schon oft zu Gewalt zwischen Palästinensern und Israelis gekommen.

Hier, zwischen Laubhüttenfest, jüdischer Klagemauer und islamischem Tempelberg, holt die Delegation die Realität des Nahen Ostens ein. Die Bischöfe sind auch im Heiligen Land nie nur Privatleute, trotz offener Hemdkragen. Am Donnerstagvormittag steht die Sonne schon hoch am Himmel, als die Kirchenleute die Altstadttreppen zum Tempelberg hinaufgehen. Kardinal Reinhard Marx schwitzt im Talar, Bischof Bedford-Strohm im Lutherrock. Am Eingang müssen sich die Frauen unförmige Röcke überziehen und Kopftücher umlegen. Weiter oben müssen die Bischöfe die Kreuze abnehmen.

Der Felsendom und die Al-Aqsa-Moschee gehören zu den wichtigsten Heiligtümern im Islam. Von hier aus soll der Prophet Mohammed mit seinem Pferd in den Himmel geritten sein. Vor dem Felsendom wartet ein Vertreter der jordanischen Stiftung, die das Areal mitsamt der Moscheen verwaltet und kontrolliert. Mit vielen Gesten und lauter Stimme stellt er als Erstes klar, dass der Begriff „Tempelberg“ eine unzulässige Instrumentalisierung der Religion seitens der Juden sei. „Es hat hier oben nie einen jüdischen Tempel gegeben“, sagt er. „Es gibt keinerlei archäologische Beweise.“

Für westliche Historiker und Archäologen steht außer Zweifel, dass auf dem Tempelberg zwei jüdische Tempel standen, den letzten zerstörten die Römer 70 nach Christus. Aus den Trümmern bauten die Muslime später die beiden Moscheen. „Man kann die Dinge auch anders sehen“, sagt Kardinal Reinhard Marx. Doch der Stiftungsvertreter ist nicht mehr richtig bei der Sache: Palästinensische Polizisten führen gerade einen jüdischen Jugendlichen mit Schläfenlocken ab, der Palmwedel provozierend in Richtung Muslime geschwenkt hatte.

Jerusalemer Juden ist der Zutritt zum Tempelberg verboten

Jerusalemer Juden ist der Zutritt zum Tempelberg verboten, ausländische Juden müssen eine Besuchserlaubnis beantragen. „Besuche von Christen und Juden auf dem Tempelberg sind gegen Gottes Wille. Und diese Juden da“, ruft der Vertreter der islamischen Stiftung und deutet auf den Jugendlichen, „die kommen nur, um Machtansprüche zu demonstrieren!“

Es geht nur wenige Meter vom Tempelberg zur Klagemauer hinunter. Vor den Sicherheitsschleusen bilden sich lange Schlangen, dahinter drängen sich tausende Juden, berühren die mächtigen hellen Steinquader aus der vorchristlichen Zeit mit Händen und Stirnen, beten und preisen Gott.

„Wir stehen hier als zwei Delegationen auf dem Weg zur Einheit. Nach 500 Jahren Missverständnissen sind wir ins Heilige Land gekommen, um auf Christus zu hören. Damit er uns zusammenbringt. Wir haben in dieser Woche gelernt, welch Glück es ist, die Welt mit den Augen der anderen zu sehen“, sagen Bischof Bedford-Strohm und Kardinal Marx nach einem langen Gespräch mit einem Rabbiner. Beim Mittagessen geben ihnen der katholische Bischof von Jerusalem und der Präsident des Lutherischen Weltbundes in Jerusalem zu verstehen, dass es gut und schön sei, dass sie jetzt solch beglückende Erfahrungen miteinander gemacht hätten. Doch sie sollten sich bitte mit klugen Ratschlägen zurückhalten. In Jerusalem sei die Lage unendlich kompliziert und „von Frieden und Versöhnung sind wir weit entfernt“.

Am Morgen treffen sich die Pilger in der Grabeskirche

Am Freitagmorgen um sieben Uhr treffen sich die Pilger in der Grabeskirche. Auf dem Felsen, über dem der verwinkelte Bau errichtet wurde, soll Jesus gekreuzigt und beerdigt worden sein. Die Deutschen gehen an Baugerüsten vorbei zu einem schmuck- und fensterlosen Gewölbe – der Kreuzfahrerkapelle. Die katholischen Bischöfe streifen sich die Messgewänder über und zelebrieren den Frühgottesdienst. Die evangelischen Reisegefährten verteilen sich in den Bänken. Robert Zollitsch, der frühere Freiburger Erzbischof, legt die Bibel aus. Er war es, der vor fünf Jahren die Idee zu dieser evangelisch-katholischen Pilgerreise hatte. „Jesu zentraler Auftrag ist die Versöhnung“, sagt Zollitsch. „Leider haben wir uns über seine Botschaft und deren Auslegung zerstritten und gespalten. Doch wenn wir Jesu Auftrag ernst nehmen, dann können wir, nach dem was wir in diesen Tagen miteinander erlebt haben, nur als Boten der Versöhnung von hier weggehen.“

Doch die Unterschiede verschwinden nicht so schnell. Bei der Eucharistiefeier, beim Abendmahl, bleiben die katholischen Bischöfe unter sich. Ihre Kirche verbietet es ihnen, Evangelischen das Abendmahl zu reichen. "Wir wussten ja auch schon vorher, dass das so ist", sagt Bischöfin Fehrs. „Aber nun, wo wir uns näher gekommen sind, tut das richtig weh.“

Nächste Woche sind alle zurück im Alltag. Gut möglich, dass das Reformationsjubiläum nicht nur weitere Versöhnung, sondern auch neue Differenzen bringt. Doch die Fotos auf den Handys der Bischöfe werden bleiben. Sie zeigen eine Schar lachender Frauen und Männer, die sich geöffnet haben füreinander, für ihre Gefühle und die Wunder ihres Herrn.

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