Politik : Börse auf der Kippe

Von Ursula Weidenfeld

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Deutschland geht es wieder prächtig. Die Arbeitslosenzahlen sinken im Rekordtempo, die Unternehmen legen beste Zahlen vor, die Wirtschaft wächst mit erstaunlichen Raten, die Staatsverschuldung steigt langsamer als selbst vom Finanzminister erwartet. Und doch sind die Anleger an der Börse nervös wie seit zwei Jahren nicht. Die Kurse fallen an einem Tag schnell, und erholen sich am anderen nur noch langsam. War’s das schon mit dem schönen Aufschwung? Ist das Wachstum schon wieder vorbei? Sind die rasanten Kurszuwächse Vergangenheit?

Es gibt keinen Zweifel: Die Risiken für die Konjunktur sind gestiegen. In Asien fragen sich die Investoren neuerdings wieder, ob die Firmen das Geld wert sind, das man auf sie setzt. In den USA wachsen die Zweifel, ob die Häuser und Grundstücke tatsächlich den Wert haben, zu dem sie in den letzten Jahren gekauft wurden – und ob die darauf liegenden Immobilienkredite gesund oder krank sind. Das Geschäftsmodell der privaten Kapitalgeber, die in den vergangenen Jahren weltweit Firmen aufgekauft haben, droht zu versiegen: Mit den gestiegenen Zinsen in den USA und in Europa lässt sich weniger und nur schwierigeres Geschäft machen als in den vergangenen Jahren. Noch haben die Zentralbanken kein klares Zeichen gegeben, dass sie eine Zinswende einleiten, im Gegenteil: Die Europäische Zentralbank wird voraussichtlich in der kommenden Woche die Zinsen noch einmal anheben. Dazu kommt: In vielen Großunternehmen Deutschlands plant man zurzeit eher Sanierungsprogramme und neue Kostensenkungsrunden als Expansion.

Diese Risiken haben in den letzten Tagen dafür gesorgt, dass die Aktienkurse weltweit gefallen sind. Ob das Ende des Aufschwungs vor der Tür steht, ist damit aber noch lange nicht entschieden. Allein die Tatsache, dass die Fragezeichen jetzt wieder wahrgenommen werden, ist vielleicht schon der Beginn einer vernünftigen Entwicklung. Die Realität ist, dass wir bereits in der Spätphase unseres Aufschwungs sind. Dass die Nachrichten in diesen Tagen irritieren – hier werden noch Arbeitsplätze geschaffen, Urlaubsreisen geplant und Lohnforderungen formuliert, dort werden schon Stellen ausgelagert, Kosten gedrückt und Unternehmensteile verkauft – das ist ein typisches Zeichen für eine solche Spätphase. Außerdem: Normalerweise gehen die Aktienkurse der Wirtschaftsentwicklung ein paar Monate voraus. Wenn man die jetzigen Kursschwankungen ernst nimmt, und wenn sie sich fortsetzen, dürfte die Wirtschaft spätestens im Herbst in gefährliches Fahrwasser geraten.

Es gibt viele gute Gründe anzunehmen, dass die Zeit der Euphorie zu Ende geht. Es gibt aber genauso viele gute Gründe zu hoffen, dass es keinen Absturz in die Rezession gibt. Der Aufschwung könnte weitergehen, wenn auch mit niedrigeren Raten. Schließlich hat nicht einmal die Mehrwertsteuererhöhung Anfang Januar den Trend brechen können. Das Potenzial ist gut, und es gibt derzeit niemanden, der ein Interesse daran hätte, die Ungleichgewichte in einem chaotischen Verfahren auszugleichen. Wenn es also gelingt, die Erwartungen anzupassen, ohne dass die großen und kleinen Spieler die Nerven verlieren, stehen die Chancen gut. Allerdings: Die Börse ist für Kleinanleger in der nächsten Zeit nicht mehr der beste Platz. Es sei denn, sie haben ohnehin einen ausgeprägten Hang zum Spielen – und das Geld dafür übrig.

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