Börsen und Geschäftsklima : Die deutsche Angst vor dem Crash

Börsen brechen ein, die Stimmung in Firmen sinkt, aber die Steuerschätzung bleibt stabil. Wie gefährdet ist der Aufschwung? Fragen und Antworten zum Thema.

In Sorge: Trader an der New York Exchange.
In Sorge: Trader an der New York Exchange.Foto: Brendan McDermid/REUTERS

Wenigstens Finanzminister Olaf Scholz (SPD) hatte beruhigende Nachrichten zu vermelden, als er am Donnerstag die Steuerschätzung vorstellte: Die Steuereinnahmen bleiben stabil. Außerhalb des Bundesfinanzministeriums mehren sich jedoch die Anzeichen, dass eine Abschwächung des Wachstums bevorsteht. Es gibt diverse Risiken, die die deutsche Konjunktur gefährden könnten.

Wie ist die Stimmung in Unternehmen?

In den deutschen Chefetagen blickt man skeptischer in die Zukunft als noch vor einem Monat. Der Ifo-Geschäftsklimaindex, der als Stimmungsbarometer der deutschen Wirtschaft gilt, hat sich im Oktober auf 102,8 Zähler von 103,7 Punkten im Vormonat verschlechtert. „Die weltweiten Unsicherheiten bremsen die deutsche Wirtschaft aus“, sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest. Die Führungskräfte beurteilten dabei ihre Geschäftslage schlechter. Auch die Aussichten für die kommenden sechs Monate wurden pessimistischer eingeschätzt. „Die konjunkturellen Warnlampen leuchten nach den heutigen Daten noch einmal heller“, sagte etwa BayernLB-Volkswirt Stefan Kipar.

Eskalieren die Handelskonflikte?

Über 6000 Produkte aus der Volksrepublik mit einem Wert von mehr als 200 Milliarden US-Dollar hat US-Präsident Donald Trump bereits mit Zöllen versehen. China konterte mit einer Liste von 5200 Produkten. Zuletzt kündigte Trump sogar an, den 144 Jahre alten Weltpostvertrag kündigen zu wollen, um so Chinas Paket-Porto in die USA teurer zu machen. Auch mit der EU sind die Streitpunkte noch nicht gelöst. Inzwischen haben sich sowohl die USA als auch Europa und Japan an die Welthandelsorganisation gewandt, um die Rechtmäßigkeit der Zölle der jeweiligen Gegenseite prüfen zu lassen. Eine rasche Lösung ist nicht in Sicht. Die Sorge, Lieferketten könnten verlangsamt und Kosten für Unternehmen durch Zölle in die Höhe gehen, bleibt weiterhin bestehen.

Droht eine Rezession in den USA?

Die Prognosen in den USA reichen von einer Fortsetzung des aktuell durch die Steuerpolitik von Trump befeuerten Wachstumskurses bis hin zu einer baldigen Rezession. Am Donnerstag veröffentlichte Zahlen der US-Industrie deuten allerdings auf eine negative Entwicklung hin. Die Aufträge für langlebige Güter stiegen im September zwar um 0,8 Prozent. Werden aber die stark schwankenden Flugzeug- und Rüstungsaufträge herausgerechnet, ergibt sich ein Rückgang um 0,1 Prozent – das zweite Minus in Folge.

Was sagen die Börsenturbulenzen aus?

Der Oktober ist gefürchtet, berüchtigte Crashs fielen in diesen Monat. Auch in diesem Jahr gingen die Börsen auf Talfahrt. Der Dax verlor zwischenzeitlich fast zehn Prozent, der breite US-Index S&P 500 noch mehr. Börsianer verweisen auf eher enttäuschende Gewinnzahlen der Unternehmen, Handelskonflikte, Chinas Schulden sowie Leitzinserhöhungen der US-Notenbank Fed. Die Frage ist, ob die Aktien reagieren, oder auf Künftiges hinweisen. Wahrscheinlich eher Letzteres. Die Fed hat in diesem Monat die Zinsen erneut erhöht und ihr Chef Jerome Powell hat deutlich gemacht, dass sie an ihrem restriktiven Kurs festhalten wird. Vergangene Rezessionen fielen oft mit deutlichen Leitzinserhöhungen zusammen. Insofern könnte der Sinkflug an den Börsen auf künftiges Ungemach hinweisen. Die Frage ist, ob Börsen und Wirtschaft eine harte oder sanfte Landung hinlegen. Anleger, die regelmäßig ihr Erspartes in Aktien anlegen, kaufen in dieser Phase jedenfalls zu relativ niedrigen Kursen.

Welche Gefahr droht aus China?

Schon Ende 2017 hatte der damalige Chef der chinesischen Notenbank vor einem sogenannten Minsky-Moment gewarnt – der Moment, in dem die Vergabe von immer neuen Krediten aus dem Ruder läuft und der Staat die Schulden nicht mehr in den Griff bekommt. Tatsächlich ist der chinesische Schuldenberg mit über 29 Billionen US-Dollar der zweithöchste der Welt. Anders als in den USA sind in der Volksrepublik besonders die Unternehmen verschuldet. In der Finanzkrise hatte China seine Wirtschaft mit einem groß angelegten Förderprogramm unterstützt. Seitdem ist es nicht gelungen, die Verbindlichkeiten zu reduzieren – im Gegenteil: Das Wachstum der Schulden liegt seitdem jedes Jahr über dem der Wirtschaft. Da China für rund ein Drittel des globalen Wirtschaftswachstums verantwortlich ist, hätte ein Minsky-Moment in China massive Auswirkungen auf die weltweite Konjunktur. Doch auch die jüngsten Wachstumsraten, die mit 6,5 Prozent im dritten Quartal schwächer ausgefallen waren, als erwartet, sind ein Warnsignal.

Wie groß ist das Risiko durch den Brexit und Italien?

Der Austritt Großbritanniens aus der EU im kommenden März wird nach einer Schätzung des Unternehmensberatungsfirma Oliver Wyman für deutsche Unternehmen im schlimmsten Fall jährliche Kosten von insgesamt neun Milliarden Euro verursachen. Der Grund: Falls die EU und Großbritannien in den nächsten Monaten keine Austrittsvereinbarung zu Stande bekommen und damit im März ein No-Deal-Szenario in Gang gesetzt wird, würden sofort Zölle zwischen beiden Seiten fällig, die Wartezeiten für Lieferungen würden sich an den Kontrollstellen erheblich erhöhen. Vor allem für die Autoindustrie würde ein Schaden in Höhe von über drei Milliarden Euro entstehen. Weitere vier Milliarden Euro pro Jahr könnten demnach bei einem No-Deal-Szenario auf den Chemiesektor, sonstige Fertigungsbetriebe, die Lebensmittel- und Getränkeindustrie sowie die die Konsumgüterbranche zukommen. Falls sich die EU und London auf ein Austrittsabkommen einigen sollten, würden für die deutsche Wirtschaft zunächst einmal weit geringere Zusatzkosten fällig, weil Großbritannien bis Ende 2020 in der EU-Zollunion bleibt.

Die Unsicherheit, die sich mit dem gegenwärtigen Haushaltsstreit zwischen der EU-Kommission und Italien verbindet, lässt sich nur schwer beziffern. Im schlimmsten Fall würde ein italienischer Staatsbankrott das Bankensystem in der ganzen Euro-Zone erschüttern. Mehr spricht aber dafür, dass diese Gefahr abgewendet wird und demnächst noch ein Dialog zwischen Brüssel und Rom über die Höhe der italienischen Neuverschuldung in Gang kommt.

Was sagt die Steuerschätzung aus?

Vorerst drücken sich Konjunkturrisiken nicht in der Steuerschätzung aus, die Finanzminister Olaf Scholz (SPD) am Donnerstag vorstellte. Insgesamt sollen die Einnahmen von Bund, Ländern und Kommunen von 775 Milliarden Euro in diesem Jahr auf gut 941 Milliarden Euro im Jahr 2023 wachsen. Eine wesentliche Rolle spielt dabei, dass die Beschäftigungslage gut ist und in vielen Branchen ein Fachkräftemangel herrscht. Das dürfte noch ins kommende Jahr hinein zu spürbaren Gehaltssteigerungen führen – und damit zu höheren Steuereinnahmen. Scholz sagte, die Koalition könne ihre Vorhaben ohne neue Schulden finanzieren. Die kleine Steuersenkung – Abschaffung des Solidaritätszuschlags für die meisten Zahler – ist demnach nicht in Gefahr. Unklar ist noch die Höhe der Abführungen an die EU. Sie werden wegen des Brexit steigen, aber die endgültige Höhe ist wohl erst 2020 absehbar. Der CDU-Haushaltspolitiker Eckhardt Rehberg forderte Scholz auf, Vorsorge zu treffen. Die gebe es auch nicht für die von Scholz favorisierte EU-Arbeitslosen-Rückversicherung. „Scholz muss jetzt erklären, wie er seine teuren europapolitischen Ideen auf Basis dieser Steuerschätzung finanzieren will“, sagte Rehberg. Ansonsten ergibt sich wegen der geringen Veränderung in der Steuerschätzung wenig Konfliktstoff für die Koalition.

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