Botschafterin in Down Under : "Da ist noch Luft nach oben"

Anna Prinz ist Botschafterin in Australien. Sie beklagt mangelnde deutsche Präsenz in ihrem Gastland.

Anna Prinz, Botschafterin in Australien.
Anna Prinz, Botschafterin in Australien.Foto: Andrew Taylor

Diese Frau passt in das Land, in dem sie die deutschen Interessen vertritt. Anna Prinz, Jahrgang 1955, strahlt die Dynamik aus, die man von einem Einwanderungsland wie Australien erwartet. Die einzige Diplomatin der Bundesrepublik, die für einen ganzen Kontinent plus einige, tausende Kilometer entfernte Inselgruppen zuständig ist, sagt selber: "Ich habe mich immer für das interessiert, was schwierig ist." Und schwierig ist ihre Aufgabe in Down-under, weil Deutschland im Dialog mit Australien nicht die Rolle spielt, die angemessen wäre, und das scheint mehr an Deutschland als an Australien zu liegen. "Wir haben das Angebot, strategische Partner zu werden, sowohl wirtschaftlich als auch politisch ist da noch viel Luft nach oben!", beschwört sie temperamentvoll die Chancen, die sich aus dem Brexit ergeben könnten.

Wenn Großbritannien nicht mehr in der EU sein wird, ist die Meistbegünstigungsklausel für das Commonwealth-Mitglied Australien gefährdet, und dann gibt es ein "window of opportunity" für Deutschland. Der Brexit könne für Australien dramatisch werden, weiß die Wirtschaftswissenschaftlerin (das hat sie, neben Politik, Jura, Verwaltungsmanagement und mehreren Sprachen studiert), da alle EU-Handelskontakte über England laufen. Die Investitionen der deutschen Industrie in Australien liegen bei 41 Milliarden, die australischer Unternehmen in Deutschland bei 67 Milliarden Euro.

Was da wirklich abgehen könne, belegt Anna Prinz an einem Beispiel: Ein Deutscher produziert jährlich 28 000 Tonnen Lebensmittel in einer nachhaltig geführten Farm mit entsalzenem Wasser am Meer - in einem an Süßwasser armen Land müsste das doch ein Leuchtturmprojekt sein, bricht es aus ihr heraus. "Das wird nicht wahrgenommen", beklagt sie. Die immensen Möglichkeiten bei der Zusammenarbeit von Wissenschaft und Forschung zum Beispiel. In Deutschland gibt es eine enge Kooperation zwischen Forschung und Industrie, davon möchte Australien lernen. Dort ist die medizinische Entwicklung so weit, dass 80 Prozent der Leukämiefälle bei Kindern geheilt werden könnten, das müsste auch in Deutschland interessieren. Überhaupt, Medizin und angewandte Forschung - Otto Bock aus Berlin, das wäre doch der ideale Partner für die Australier, findet sie. Durch den Australienbesuch der Kanzlerin 2014 sei ja durchaus Schwung in die Beziehungen gekommen, die AGAG, die deutsch-australische Beratergruppe, der sie angehört, war ein Ergebnis der Merkel-Reise, und dank dieser AGAG sind Deutschland und Australien zumindest beim Thema Industrie 4.0 nun strategische Partner.

Das schlägt sich auch in Aktivitäten nieder. Im November wird es in Perth in West-Australien eine große Wirtschaftskonferenz mit internationaler Beteiligung geben, im September eine Internationale Weltraumkonferenz in Adelaide, 2018 kommt in Bremen eine Folgekonferenz. Auch hier wieder: Politik und Wirtschaft vernetzen, das ist der Spirit der modernen Diplomatie, zusammen mit der Kultur, die in einem Einwanderungsland (93 Prozent der Australier sind europäischer Herkunft) naturgemäß eine wichtige Rolle spielt, um auf Dauer die Kooperation neben der wirtschaftlichen auch auf einer intellektuellen Ebene zu stabilisieren. 100 000 australische Kinder lernen Deutsch, in Canberra haben 75 Prozent der Universitätslehrer einen deutschen Hintergrund. Und: Jedes Jahr kommen 30 000 junge Deutsche auf Work-and-Travel-Basis ins Land.

Kontakte knüpfen - das liegt bei ihr offenbar in den Genen

Wie viele Deutsche in Australien leben, weiß die Botschafterin nicht, melden muss sich ja niemand. Und so wird Anna Prinz denn auch kaum mit durch Deutsche verursachten Probleme konfrontiert. Ihr Arbeitsalltag in Canberra richtet sich nach den Sitzungswochen des Parlaments, wenn das tagt, muss sie vor Ort sein, sie ist, wie sie es freundlich nennt, "Event-orientiert". Wie in allen Hauptstädten sind Diplomaten auch in Canberra Netzwerker. Anna Prinz erwähnt die Gouverneurin von Melbourne, die Uni-Präsidenten einlädt, zusammen mit deutschen Firmenvertretern, um Kontakte zu schaffen, die sie als wesentlich empfindet. Und sie reist, nach Sydney, Brisbane, Darwin, Melbourne, um Politiker, Manager und Wissenschaftler auf die deutschen Optionen hinzuweisen. Ihre umfassende Ausbildung erweist sich als gute Plattform. Studiert hat sie in Göttingen, wurde dort auch promoviert, machte anschließend in Harvard ihren Master of Public Administration. Dann kam die erste Verwendung an der deutschen Botschaft in Colombo, dann Bukarest, Djakarta, Tokio, Laibach/Slowenien, dazwischen war sie im Auswärtigen Amt stellvertretende Leiterin des Stabes EU-Erweiterung, als Beauftragte für Medien, für Außenwirtschaftspolitik, für Kommunikation.

Kommunikation - ein Wort, das bei ihr in den Genen liegen muss. Nach dem Studium arbeitete sie als Stadtführerin in Hameln, beeindruckte dabei den sowjetischen Botschafter in Deutschland, Valentin Falin, arbeitete für die Tui als Reiseleiterin in London, war fasziniert von Osteuropa, verbrachte drei Sommer in Polen, arbeitete in St. Petersburg. Die Osterweiterung der EU, gerade für Rumänien und Slowenien, nennt sie "einen Energiestoß" - "mental waren diese Ländern längst bei uns". Gearbeitet hat Anna Prinz immer, sagt sie stolz, trotzdem vier Kinder groß gezogen, deren Vater ist auch Diplomat.

Nun also Canberra, diese erst 1913 gegründete Stadt aus der Retorte, Werk eines amerikanischen Architekten, Walter Burley Griffin, der nie vor Ort war, aber eine wunderschöne Gartenstadt schuf, seit 1927 offiziell Sitz von Regierung und Parlament. Die große Residenz und die Botschaft wurden in den 50er Jahren gebaut, ein Neubau ist fällig, ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben. Dann wird sie also demnächst auch Bauherrin werden, schließlich ist sie noch kein Jahr vor Ort. Zum 65. Geburtstag die Einweihung, das wäre was. Gesagt hat sie das natürlich nicht, wäre ja auch völlig undiplomatisch. Aber gedacht? Vielleicht schon ...

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