Bouffier und Schäfer-Gümbel im TV-Duell : Kein Gebrüll und keine Wirkungstreffer

Bei der Wahl in Hessen geht es um viel - für Kanzlerin Merkel und SPD-Chefin Nahles. Den beiden Kontrahenten im Land merkt man das im TV-Duell nicht an.

Gesitteter Umgang: Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier und Herausforderer Thorsten Schäfer-Gümbel (SPD)
Gesitteter Umgang: Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier und Herausforderer Thorsten Schäfer-Gümbel (SPD)Foto: dpa/Frank Rumpenhorst

Die ganze Republik schaut auf die Wahl in Hessen in elf Tagen, denn die Zukunft von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und SPD-Chefin Andrea Nahles hängt davon ab, wer danach in Wiesbaden regiert. Doch im einzigen TV-Duell von Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) mit seinem Herausforderer Thorsten Schäfer-Gümbel (SPD) am Mittwochabend wird die Bundespolitik nur kurz gestreift.

Kurios ist, dass die beiden so unterschiedlichen Politiker ganz ähnlich antworten auf die Frage der Moderatorinnen vom „Hessischen Rundfunk“, ob es eine Last sei, nach der für die Parteien der großen Koalition so desaströsen Bayern-Wahl so viel Erwartung der eigenen Bundespartei auf den Schultern zu spüren: Bayern ist Bayern, Hessen ist Hessen, argumentieren sowohl der Landesvater als auch der Führer der größten Oppositionsfraktion im hessischen Landtag.

60 Minuten dauert das Duell der Kontrahenten. Schnell wird deutlich: Es sind zwei Politiker, die sich nicht sehr mögen, aber doch weitgehend höflich und fair miteinander umgehen. Herausforderer Schäfer-Gümbel startet immer wieder Angriffe („Das stimmt nicht“), aber nur wenige Male fallen sich die beiden Politikprofis ins Wort. Womöglich wirken auch die beiden Journalistinnen in der Moderatorenrolle disziplinierend.

Spannung kommt beim Diesel auf

Es geht viel um Landesthemen, etwa öffentlichen Nahverkehr, Bildung, Kita-Gebühren, bezahlbare Wohnungen, aber auch um „Straßenausbaubeiträge“. „Ich habe noch viele Ideen für die Zukunft“, verspricht Bouffier. Er weiß: Die ganze Kampagne seines Herausforderers ist darauf angelegt, die Landesregierung als verbraucht und kraftlos erscheinen zu lassen, als unfähig, die wahren Probleme der Menschen zu verstehen und die nächsten Jahre zu gestalten.

„Ich glaube, dass nach 19 Jahren die Luft auf dieser Regierung wirklich raus ist“, attackiert Schäfer-Gümbel deshalb auch. So lang regiert die CDU in Hessen, seit 2013 mit den Grünen. Allein das will Bouffier als Ausweis seiner Modernität verkaufen: Viele hätten der CDU damals nicht zugetraut, eine Regierung mit dem so unterschiedlichen Partner zu bilden, aber sie hätten es geschafft und würden gut regieren. Als Beleg führt er an, dass 60 Prozent der Hessen sich in einer Umfrage zufrieden mit der Leistung der Koalition gezeigt hätten.

Der SPD-Mann empfiehlt sich als einer, der weiß, wo die Bürger der Schuh drückt: „Ich bin rund um die Uhr unterwegs, um mit Leuten zu reden.“ Und: „Der direkte Austausch mit den Bürgern ist die beste Medizin, die wir haben.“ Bouffier gibt sich unbeeindruckt: „Mit den Bürgern zu sprechen, das machen wir jeden Tag.“

Spannender wird’s beim Thema Diesel, Fahrverbote und Entschädigungen. Der Herausforderer wirft dem Amtsinhaber nicht zu Unrecht vor, der habe seine Sprache erst nach dem Urteil zu Fahrverboten in Frankfurt verschärft: „Der Unterschied zwischen uns beiden ist der, dass ich schon lange an diesen Themen dran bin und Sie erst vor acht Wochen angefangen haben, sich damit zu beschäftigen.“ Schäfer-Gümbel droht, bei renitenten Autobauern keine Dienstwagen mehr zu ordern. Doch Bouffier kontert mit der Forderung, der SPD-Mann solle bei den Betriebsräten, bekanntlich SPD-nah, Druck machen. Keiner der beiden landet einen Wirkungstreffer.

Risikofrage Koalition

Beim Thema Wohnungsnot ist der Sozialdemokrat endlich in seinem Element, attackiert den CDU-Mann gleich mehrfach dafür, dass dieser 60.000 öffentliche Wohnungen verkauft habe. Schäfer-Gümbel gelingt es das Thema zu emotionalisieren: „Dafür habe ich noch nie in meinem Leben die Hand gehoben.“ Er führt das Beispiel einer Mieterin („Frau Fried“) in Frankfurt an, die durch Luxusmodernisierung vertreiben wird. Da muss sogar Bouffier auf das Leid der Frau eingehen: „Ich will nicht, dass Frau Fried aus ihrer Wohnung muss.“

Auch beim Thema Bildung geht der SPD-Mann in den Angriffsmodus. Der Ministerpräsident verweist darauf, dass kein anders Bundesland so viel für Bildung ausgebe: „Insgesamt läuft es gut!“ Doch Schäfer-Gümbel bringt anschauliche Beispiele von fehlenden Schulstunden, die auch Bouffier nicht leugnet. Doch wie will die SPD 50 Ganztagessschulen pro Jahr schaffen? „Wenn man sich keine ambitionierten Ziele setzt, kommt man auch nicht voran“, meint der Sozialdemokrat.

Zum Schluss kommt die gefährliche Koalitionsfrage – gefährlich deshalb, weil es sein könnte, dass die beiden Kontrahenten am Schluss miteinander regieren müssen. Wie soll das funktionieren, wird Bouffier gefragt. Antwort: „Ich werbe nicht für Koalitionen, ich werbe für die CDU.“

Schäfer-Gümbel bekommt die Frage nach Rot-Rot-Grün serviert, denn auch dafür könnte es nach den Umfragen noch eventuell reichen. Er schießt das nicht aus, sagt stattdessen, dass die Hessen andere Ängste hätten: „Ich glaube, dass die große Befürchtung der Bürgerinnen und Bürger ist, dass die CDU-Regierung so weiter macht wie in den letzten Jahren.“ Bouffier gibt sich selbstgewiss: „Ich möchte, dass wir die besten Jobs haben, dass wir die Zukunftsjobs haben. Dafür stehe ich, wenn das anschließend auch honoriert wird, bin ish schon sehr froh.“

Fazit: Beide spielen ihre Stärken aus, der Amtsinhaber verbreitet Gelassenheit, der Herausforderer hat für alles einen Plan, wirkt tatendurstig. Womöglich heißt die spannende Frage am Wahlabend: Wir können zwei so unterschiedliche Charaktere in einer Regierung zusammenfinden.

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