Brandanschlag in Berlin-Neukölln : Das Haus deines Freundes

Der Brandanschlag auf das Auto des Linken-Politikers Ferat Kocak macht unseren Kolumnisten sehr betroffen. Er zeigt ihm, dass es unsere Gesellschaft ist, die brennt.

Deniz Utlu
Das Auto des Linken-Politikers Kocak brennt lichterloh.
Das Auto des Linken-Politikers Kocak brennt lichterloh.Foto: Ferat Kocak/Die Linke Berlin/dpa

Spätestens, wenn es vor dem Haus eines Freundes brennt, weißt du, es geht etwas schief. Spätestens dann erinnerst du dich: Wir sitzen da alle gemeinsam ganz tief drin. Durch das Licht der Flammen ist Ferat Kocak aufgewacht. Mitten in der Nacht zu Donnerstag brannte das Auto des Linken-Politikers in seiner Garage in Neukölln, Flammen, die bis vor sein Zimmer im ersten Stock reichten. Ich war gerade aus Peru zurückgekehrt und wollte über andine Musik schreiben, da erreichte mich diese Nachricht.

Ferat ist einer dieser Typen: Wer Trost sucht, braucht ihn nur anzuschauen, damit es ihm besser geht. Immer ein Lächeln, das ehrlich ist und wenn der Rat fehlt, bleibt Herzenswärme. Er überträgt sie mit einem Scherz oder einfach mit seinem berühmten, verständnisvollen Nicken, bei dem die Schultern mit dem Kopf fallen. Seit seinem Studium engagiert er sich in verschiedenen türkischen, kurdischen, alevitischen, deutschen Verbänden - vor seinem Studium schon, soweit ich weiß. Einmal hatte man ihn, sechzehnjährig, nach einem Artikel in der Schülerzeitung verprügeln wollen.

Ein Vermittler zwischen Mehrheitsgesellschaft und Minderheiten

Aber es wäre nicht Ferat, wenn da nicht auch gleichzeitig ein Freund in der Nähe wäre, der ihn in Schutz nahm. Denn immer, seit ich ihn kenne, ist Ferat auf Seite der Solidarität: Ums Zusammenhalten geht es, Zusammenwachsen, ums Miteinander. Wie sein Vater, der Dichter und Versicherungsmakler Ali Kocak, ist auch Ferat ein Vermittelnder. Zwischen den verschiedenen Gruppen, die in unserer Stadt leben. Zwischen Mehrheitsgesellschaft und Minderheiten. Zwischen Kurden und Türken. Zwischen Unternehmen und Angestellten. Der Gedichtband seines Vaters, in alevitischer Lyrik-Tradition verfasst, trägt nicht zufällig den Titel „Dost Dilinden“, „Aus der Sprache des Freundes“.

Ferat wohnt in Neukölln, nicht im Szene-Kiez, sondern weiter südlich. Hier gab es innerhalb eines Jahres mehr als 80 Fälle von rechtsextrem motivierter Körperverletzung. Immer wieder verüben Neonazis hier Brandanschläge. Auch diesmal prüft das Landeskriminalamt, ob die Tat politisch motiviert war, in diese Richtung ermittelt nun der Staatsschutz. In derselben Nacht in Neukölln, kurze Zeit vorher, wurde auch das Eigentum eines Buchhändlers attackiert – Heinz J. Ostermann, dem die Buchhandlung Leporello gehört. Seit er sich dem Bündnis „Neuköllner Buchläden gegen Rechtspopulismus und Rassismus“ angeschlossen hat, ist es der dritte Anschlag, mit dem er umgehen muss.

Es hätte nicht bei ausgebrannten Autos bleiben müssen

Es sind nur Sachschäden entstanden bei Ostermann und Ferat. Anders als bei Burak Bektas 2012, einem 22-Jährigen. Noch immer weiß niemand, wer ihn auf offener Straße in Neukölln erschossen hat. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag sind nur Autos ausgebrannt. Aber das hätte anders ausgehen können, wäre Ferat nicht aufgewacht, hätte er nicht die anderen im Haus geweckt, die Feuerwehr gerufen und die Flammen mit dem Feuerlöscher im Zaum gehalten, sodass sie den Gasverteiler nicht mehr erreichten.

Die Kette der rassistischen Gewalt vom Mord an Amadeu Antonio Kiowa 1990 in Eberswalde über den Brandanschlag auf ein Wohnheim vietnamesischer Vertragsarbeiter in Rostock 1992, zu den tödlichen Brandanschlägen in Mölln 1992 und Solingen 1993 bis zum NSU-Terrorismus von 2000 bis 2007 und den Attacken heute ist ein Kontinuum in unserer bundesdeutschen Gegenwart. Sie reicht tief in die Strukturen unserer Behörden und unseres Denkens hinein, etwa wenn solche Gewalt bagatellisiert wird oder nicht in rechtsextremen Kreisen gefahndet wird. Spätestens, wenn du das Bild der lodernden Flammen vor dem Haus deines Freundes siehst, spürst du, dass das nichts Abstraktes ist, dass das unsere Stadt ist, in der es brennt.

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