Brandenburg : Wie die AfD die Provinz durchdringt

Kann die AfD auch Kommunalpolitik? In Blankenfelde-Mahlow sind ihre Mitglieder Feuerwehrleute, Elternvertreter, Gemeindevertreter. Dahinter steckt Strategie.

Kommunalstratege. Daniel Freiherr von Lützow, Ortschef der AfD in Blankenfelde-Mahlow und Vize-Landeschef in Brandenburg.
Kommunalstratege. Daniel Freiherr von Lützow, Ortschef der AfD in Blankenfelde-Mahlow und Vize-Landeschef in Brandenburg.Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Schnitzelgeruch liegt in der Luft, die Wirtin zapft Bier, die Besucher tuscheln wie aufgeregte Schüler; alle sind gut gelaunt an diesem letzten Oktoberabend in der Gaststätte „Zur Birke“ in Blankenfelde-Mahlow, Kreis Teltow-Fläming, nur ein paar Autominuten von Berlin entfernt. Auf dem kleinen Fernseher an der Kneipentheke läuft Fußball, aber die große Mehrheit im Raum sitzt dicht gedrängt an zusammengeschobenen Tischen und diskutiert.

Der AfD-Ortsverband hat zum Stammtisch geladen, rund 20 Leute sind gekommen, eine Frau sagt, wenn „wir uns zu oft mit den anderen Parteien absprechen, dann sind wir ja wie die“. Plötzlich erhebt sich ein angetrunkener Mann, der an der Theke gesessen hat, und brüllt: „Was labert ihr da schön rum. Das ist nicht die AfD, die ich will, die ich gewählt habe. Kanaken raus. Sieg Heil.“

Pikiertes Schweigen. Nur Daniel Freiherr von Lützow, der AfD-Ortschef und Parteistratege für kommunale Basisarbeit, zuckt nicht mal. Gerade hatte er erklärt, warum in der Kommunalpolitik ein gutes Verhältnis zu den anderen Parteien wichtig sei. Jetzt sagt Lützow, Ex-Soldat und viel größer und kräftiger als alle anderen, ruhig: „Die AfD muss sich endlich verwurzeln. Kommunalpolitik – das ist reine Fleißarbeit, aber wir wollen ja auch das Land verändern.“

Lützow sagt das nicht so dahin. Es ist sein Credo, es widerspricht auch der früheren Linie der AfD, sich nämlich gerade nicht in der Fläche zu verkämpfen. Der ignorierte Mann torkelt mit angewidertem Gesicht aus der Kneipe, die Runde vertieft sich erleichtert in die Frage, wie die AfD „durch gezielte Vorbereitung“, wie Lützow streng anmahnt, bei den kommenden Kommunal- und Landtagswahlen möglichst viele Bürgermeisterposten und andere Mandate gewinnen könne.

Die Landtagswahl im September 2019 und auch schon die Kommunalwahl im Frühjahr könnten das Bundesland, ja die ganze Republik nochmals radikal verändern. Und Brandenburg weit nach rechts verschieben. Nirgendwo ist die Chance für die AfD so groß, stärkste Partei zu werden. In Sachsen liegt sie rund fünf Prozentpunkte hinter der CDU auf Platz zwei, in Thüringen einen Prozentpunkt. In Brandenburg ist die AfD in Umfragen zurzeit gleichauf mit der SPD – bei 23 Prozent.

Knapp 50 AfDler lassen sich Nachhilfe in Kommunalpolitik geben

Bisher ist die AfD immer und überall mit ihrem Kernthema Migration erfolgreich über alle Sachthemen hinweggeflogen. Mehr brauchte es nicht. Daniel Freiherr von Lützow, 44 Jahre alt und AfDler der ersten Stunde, will das ändern, will die Partei an der Basis kompetenter machen. Vielleicht ist Blankenfelde-Mahlow dafür gut geeignet.

Eigentlich geht es den Leuten sehr gut im Speckgürtel Berlins, die Gemeinde hat Geld. Doch sie wirkt uneinheitlich, ja, zerrissen, was daran liegt, dass es fünf Ortsteile gibt, die die neue Autobahn zum BER durchschneidet. 28.000 Einwohner, davon mehr Zugezogene als Alteingesessene, müssen ohne einen traditionellen Dorfkern eine gemeinsame Identität entwickeln. Nur acht Prozent der Erwerbstätigen arbeiten in der Gemeinde, der Rest pendelt.

Tage nach dem Stammtisch steht Lützow mittags in einem Nebenraum des hellen, mit Holzdielen ausgelegten Gemeindezentrums und prüft seine Power-Point-Präsentation. An diesem Samstag im November, an dem draußen die Sonne scheint, als wäre Sommer, unterrichtet er rund sechs Stunden lang knapp 50 AfD-Mitglieder in Kommunalpolitik – mit abschließendem Praxisteil.

Die Anwesenden, meist zwischen 40 und 60 Jahre alt, lernen, wie Kommunalpolitik aufgebaut ist, welche Ämter, Funktionen und Einflussmöglichkeiten es gibt; es geht um Strukturen, aber auch darum, wie man Themen findet und sie einbringt: Straßenbau, Beleuchtung, Schulwege, Kitas; am Ende müssen die AfDler üben, wie man als Fraktion einen Antrag formuliert, einbringt und begründet. Zwischendurch wird Bockwurst mit Brötchen gegessen.

Lützow wird an diesem Tag nicht müde, seine Leute einzuschwören: sachlich bleiben, sich nicht reizen lassen, freundlich mit anderen umgehen. Als stellvertretender Landesvorsitzender – 2017 wurde er in das Amt gewählt – äußert sich Lützow in den sozialen Medien, auf Demonstrationen oder anderen AfD-Veranstaltungen weniger sachorientiert: „Wir sind der blaue Sturm, der Deutschland reinigt.“ Er ist dafür, die Grenzen dichtzumachen, weil man sonst „unsere Familien nicht schützen“ könne. Und glaubt: „Wenn wir unser Volk retten wollen, gibt es nur den Weg der Remigration.“

Viele in der Schulung hat er persönlich angeworben. Sie arbeiten loyal und diszipliniert für ihre Partei. Wie Michael Pfahler, Geschäfts- und Schriftführer im Ortsverband, der Lützow wie ein persönlicher Assistent unterstützt. Pfahler, 46 Jahre alt, fünf Kinder, hat die AfD gerade als Bürgermeisterkandidat aufgestellt; er ist Polizist in Berlin, allerdings seit einiger Zeit aus gesundheitlichen Gründen nicht berufsfähig. In der Gemeinde ist er in der Kita aktiv und als „sachkundiger Einwohner“, so heißen die Bürger, die von den Parteien für Ausschüsse des Gemeinderats vorgeschlagen werden dürfen. Die AfD hat zurzeit sechs.

Pfahler sagt, er habe im Polizeidienst Dinge tun müssen, die nichts mit dem Rechtsstaat zu tun gehabt hätten, etwa Asylanträge für illegal eingereiste Tschetschenen schreiben. Pfahler hat seine AfD-Mitgliedschaft nicht verschwiegen, aber damit sei, sagt er, die Karriere beendet gewesen, es habe ein „Spießrutenlaufen“ begonnen. Pfahler sieht man seine enorme Wut an, die er wohl in sich trägt, aber Lützow hat es geschafft, ihn zu motivieren. Pfahler fühlt sich wieder gebraucht, „wie ein Mensch behandelt“. Auf Facebook schreibt er: „Die wirklichen Staatsfeinde sind diese dreckigen faschistischen Altparteien.“

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

81 Kommentare

Neuester Kommentar