Brexit am Freitag : Entgeistert über das Theater im Unterhaus

Merkwürdig still ist es geworden in London, niemand schreit. Und das obwohl am Freitag das Brexit-Datum ist – oder wie manche meinen, der Tag der Apokalypse.

Alle Argumente sind ausgetauscht. Doch noch ist nicht entschieden, welche Seite gewinnt.
Alle Argumente sind ausgetauscht. Doch noch ist nicht entschieden, welche Seite gewinnt.Foto: REUTERS/Henry Nicholls/File Photo

Es gibt Stimmen, die sagen, in ihrem zornigen, schimpfenden Parlament tobe das verdrängte, kollektive Unterbewusste der Engländer. Die Welt werde Zeuge eines entfesselten Stellvertreter-Theaters für all jene, die da draußen im Land so tapfer „keep calm and carry on“ praktizieren und noch jede aussichtslose Lage mit einem trockenen Spruch in Schach halten.

Das würde zumindest ansatzweise erklären, warum sich das House auf Commons in diese grün gepolsterte Kammer des Schreckens verwandelt hat, in der Sprecher John Bercow immer nach „Order“ ruft, fluchende Parlamentsmitglieder unverhohlen über „Scheißhaufen“ reden und einander „Up yours!“ zubrüllen, weil sie einander inzwischen alle mal können.

Es würde erklären, warum es zugleich unter den Bewohnern Londons merkwürdig still geworden ist. Denn entgegen aller Erwartungen wälzen sich die Leute nicht schreiend auf der Straße. Sie haben auch aufgehört, sich leidenschaftlich in die nächste Brexit-Debatte zu stürzen. Sie sind geradezu verstummt, während sie dem Theater im Parlament nur noch entgeistert zuschauen. Alle Argumente sind ausgetauscht. Es tauchen keine neuen mehr auf. Es geht jetzt nur noch darum, welche Seite siegt. Also abwarten und Tee trinken.

Skandal! Ein Treffen mit einem Marxisten!

A deal or not a deal – das ist die Frage. Zuletzt mit einer völlig neuen Volte: Am vergangenen Mittwoch trifft sich zum ersten Mal nach mehr als zwei Jahren Brexit-Verhandlungen Premierministerin Theresa May mit Oppositionsführer Jeremy Corbyn, um Kompromisse auszuloten. Um zu gucken, für welchen „Deal“ mit der Europäischen Union tatsächlich eine Mehrheit zu finden ist. Von außen betrachtet hätte das ganz am Anfang stattfinden müssen. Aber hier verursacht die Nachricht noch jetzt einen Aufruhr. Skandal! Ein Treffen mit einem Marxisten!

The Shakepeare’s Head, an einer pulsierenden Verkehrsader in Holborn, London, ist ein Pub, in dem morgens ab neun gebratenes Frühstück verlangt wird, wo Bauarbeiter eine Pause machen und tagsüber ältere Damen in aller Stille miteinander Kreuzworträtsel lösen.

Es ist ein Wetherspoon-Pub, und diese Marke mit ihren 875 über das ganze Land verteilten Pubs kennt in England jeder. Sie sind günstig, traditionell, verkaufen mehr Erbsen als Avocados und wenden sich explizit an den „kleinen Mann“. Statt Zeitungen auszulegen, gibt der Besitzer Tim Martin seine eigenen „Wetherspoonnews“ heraus. Deren Editorials schreibt er selbst. Heißeste Empfehlung des Chefs: der Brexit. Am besten der harte. Tim Martin unternahm sogar eine eigene Brexit-Werbetour durch seine Pubs. Ist es also ein politisches Statement, hier einen Tee zu trinken?

Not my cup of tea? Die meisten Briten wollen von den Brexit-Debatten nichts mehr hören.
Not my cup of tea? Die meisten Briten wollen von den Brexit-Debatten nichts mehr hören.Foto: Shuitterstock

1,60 Pfund für einen ganzen Tag Tee

Die Wetherspoon-Pubs werden von Leuten besucht, die im teuren London einen „free refill“, kostenloses Nachfüllen, zu schätzen wissen. Denn wo sonst kann man sich für 1,60 Pfund einen ganzen Tag an einer Tasse festhalten? Und fühlt sich nicht inzwischen der ganze Brexit nach einem unfreiwilligen „free refill“ an? Ständig wird vom Gleichen noch einmal nachgeschenkt.

Abends muss man schreien, um sich zu verständigen. Der Laden brummt, nein, er quiekt und lacht und poltert. Das liegt nicht am Brexit, das ist Betriebstemperatur. Simon Ferrie und Gareth Whitby haben sich lange nicht gesehen, ihr Tee ist deshalb heute mal ein tschechisches Bier. Simon Ferrie hatte geglaubt, dass hier längst alle europäischen Produkte aus dem Lokal verbannt seien. Gareth Whitby lebt seit 2007 in Japan, wo er englische Lehrprogramme für Schulen erstellt. Dort klebt er an seinem Smartphone, süchtig nach den neuesten Brexit-Nachrichten. Er verfolgt die Debatten im Unterhaus und will einfach nur schreien. Aber hier, auf Heimatbesuch, kann er davon eigentlich nichts mehr hören.

Er streitet sich mit seiner Verwandtschaft in Wales, die für den Brexit gestimmt hat wegen einer hanebüchenen Geschichte aus der „Sun“ über die Regulierung der Krümmung von Bananen. Er versteht nicht, warum Ex-Premier David Cameron sich aus der Affäre hat ziehen können, die er selbst angezettelt hat. Und Leute wie der Konservative Boris Johnson bekämen einfach zu viel Sendezeit. Weil sie unterhaltsam sind, haben sie sich auf provozierende Bonmots spezialisiert, die sind in Medien gute Ware. „Aber das manipuliert diejenigen, die sich ohnehin schwer eine eigene Meinung bilden können.“

Diese Dummheit überall

Seit den 70ern, sagt Simon Ferrie, seit Margaret Thatcher, gab es eine immer größere Liberalisierung der Märkte und Sparzwang für öffentliche Felder. Der berechtigte Ärger darüber werde von einem Millionärs-Club in der politischen Klasse bewusst umgeleitet, weg von den Verantwortlichen in der Politik. Lange war die Europäische Union Schuld, jetzt sind es Einwanderer und Muslime. „Nach dem Brexit wird als erstes ein Burka-Bann kommen.“ Johnson habe da schon etwas in der Pipeline.

Diese Dummheit überall!, schnaubt Whitby. Und dann steigert er sich hinein in das Szenario einer Apokalypse nach dem Brexit. Er liebe sein Land, aber ein Teil von ihm will nach diesem ganzen unwürdigen Schauspiel England untergehen sehen, als Bestrafung für diesen Unfug. „Ich will, dass die Versorgung zusammenbricht, dass Schottland austritt.“ Er wünscht sich Chaos, dass einmal ein echter Notstand ausbricht. Allein, um einen Lerneffekt zu erzeugen.

Da beugt sich vom Nebentisch eine beschwipste junge Frau herüber, wirft ihre tätowierten Arme in die Luft und ruft: „Ok, macht bloß weiter so. Wir können einfach alle gehen, dann seid ihr endlich zufrieden.“ Dann bricht sie in Tränen aus.

Gareth Whitby ist bestürzt. Das ist ein Missverständnis. Er ist doch gar nicht für den Brexit! Alle diese Leute mit ihren osteuropäischen Akzenten fühlen sich nicht mehr willkommen. Ihr Leben ist ungewiss geworden, so sehr, dass sie nun schon Brexiters sehen, wo keine sind.

„Das passiert mir öfter“, sagt er entschuldigend. „Ich sehe halt aus wie ein Brexiter: weiß, männlich, Bart.“ Und wütend.

Während sich die Abgeordneten im House of Commons anbrüllen, wird die Bevölkerung immer stiller.
Während sich die Abgeordneten im House of Commons anbrüllen, wird die Bevölkerung immer stiller.Foto: picture alliance/dpa

Der Trend geht zur stillen Verzweiflung

Der Guardian berichtet an diesem Tag von einer Studie, die zu bestätigen scheint, was ohnehin alle wissen: Die Engländer assoziieren mit dem Brexit nicht mehr die Worte „Verwirrung“ und „Unsicherheit“ sondern „Chaos“ und „kaputt“. Kein Wunder, dass der Trend zur stillen Verzweiflung geht. 83 Prozent wollten nichts mehr vom Brexit hören, 64 sagen, er beeinflusse ihre psychische Gesundheit. Es geht den Leuten im wahrsten Sinne an die Nerven.

Die Regierung rechnet mit dem Schlimmsten, die Preise für Konserven steigen. Die Leute horten Dosen und Medizin für einen harten Brexit. Dass es wirklich hart werden wird, hat die Regierung mit eingepreist und für Hunderttausende Pfund den geheimen Notfallplan „Operation Yellowhammer“ entwickelt. Die Politiker haben das Land ohne Fremdeinwirkung an den Rand eines nationalen Notstands gebracht.

Im House of Commons ist der Common Sense schon lange nicht mehr nachweisbar. Währenddessen warnt die Polizei die Parlamentarier davor, mit ihrer drastischen Wortwahl die Bevölkerung aufzuwiegeln. 10.000 Polizisten stehen bereit, um bei Ausschreitungen einzuschreiten.

Der Schlachtruf „Take back control“ ist in eine beispiellose Geschichte des Kontrollverlusts gemündet: Der Regierung über ihre Mitglieder, von denen seit dem Referendum 36 zurückgetreten sind. Der Vorsitzenden über ihre zersplitternden Parteien. Der Regierung über das Parlament. Theresa Mays über den Zeitplan des Austritts. Des Vereinigten Königreichs über Irland und Schottland. Und angefangen hat alles mit dem NHS.

„St. Thomas’“. Tee: 1,35 Pfund

Der NHS, der National Health Service, das große, ehemals stolze öffentliche Gesundheitssystem Englands, war die erste Geisel der Brexit-Kampagne. Ein großer Teil der Briten stimmte für den EU-Austritt, weil sie glaubten, damit dem nationalen Gesundheitssystem wieder auf die Füße helfen zu können. Sie glaubten, wie es der rote Kampagnenbus der Brexiters versprach, dass das von der EU „eingesparte“ Geld direkt in den NHS fließen würde. 350 Millionen Pfund die Woche.

Dabei ist es nun eben der NHS, der mit am meisten unter einem Brexit leiden wird. Schon jetzt bleiben die Pflegekräfte aus der EU weg. Es fehlen 40.000 Krankenschwestern im Land.

Das St. Thomas’ ist mit seinen mehr als 10.000 Angestellten der größte NHS-Arbeitgeber des Landes. Es liegt direkt an der Themse, durch die Fenster der Kantine fällt der Blick auf das Parlament auf der anderen Seite, wo soeben in einer siebenstündigen Marathonsitzung nach einem gemeinsamen Ziel gesucht wird. Es ist längst nicht mehr sicher, auf welcher Seite der Themse die hoffnungsloseren Fälle liegen.

Wie eine ansteckende Krankheit

„Das Referendum hätte nie stattfinden dürfen“, sagt Kevin Alexander, dessen Schild ihn als Wissenschaftler ausweist. Makrobiologe, Gebiet ansteckende Krankheiten. Seit 2016 habe sich, einer ansteckenden Krankheit nicht unähnlich, etwa der Rassismus ausgebreitet im Land, sagt er. Es sei inzwischen üblich, Immigration mit Terrorismus zu verwechseln.

Heinz Jungbluth, mit dem man am nächsten Abend telefonieren kann, ist Kinderneurologe am Evelina Children’s Hospital des NHS Krankenhauses und Professor am King's College in London. Kollegen attestieren ihm ausweislich seines Humors, schon immer Engländer gewesen zu sein, gefangen im Körper eines Deutschen.

Seine britische Staatsbürgerschaft hat er aber erst vor zwei Wochen bekommen, „um der ironischen Situation zu entgehen, dass ich seit 25 Jahren hier im Gesundheitswesen arbeite, aber unter Umständen vielleicht bald selbst die Berechtigung für meine Krankenversicherung verliere.“

Jungbluth ist begeistert vom NHS, seit er nach seiner Ausbildung „erstmal für ein Jahr“ nach England kam. Er schätzt das System, organisiert nach dem Solidarprinzip, durch Steuern finanziert. Das NHS basiert auf einer einheitlichen Krankenversicherung, in die jeder Bürger automatisch eingeschlossen ist. Weshalb zum Beispiel niemals langwierige Verhandlungen um die Leistungen verschiedener Krankenkassen nötig sind.

Geschenkte Expertise

Und während die Deutschen in ihrer Mediziner-Ausbildung traditionell ein großes Hintergrundwissen anhäufen, schult das englische System vorwiegend die Fähigkeit, Probleme effektiv zu analysieren und zu lösen. Mit eben dieser praktischen Art, für die die Engländer in der ganzen Welt geschätzt werden. Nur beim Brexit hat sie anscheinend diese Fähigkeit verlassen. „Neben allem Inhaltlichen war das für mich die größte Enttäuschung: Ich habe das als völlig wesensfremd empfunden.“

In der Debatte über die Zuwanderung aus Europa werde oft übersehen, dass England durch sie auch Expertise „geschenkt“ bekomme, zum Beispiel in der Form von Ärzten und Wissenschaftlern, deren Ausbildung vollständig im EU-Ausland finanziert wurde. Jungbluth glaubt, dass es kein Zufall war, dass der NHS in der Kampagne der Leave-Fraktion eine so große Rolle spielte: weil er alle Engländer betrifft. So konnte man sofort alle sehr persönlich erreichen.

Der solidarisch organisierte NHS sei ja schon lange Gegenstand eines ideologischen Kampfes gewesen. „Er war den Vertretern einer extrem wirtschaftsliberalen Richtung schon seit Margaret Thatcher ein Dorn im Auge.“ Die Bankenkrise 2008 lieferte die Gelegenheit, einen radikalen Sparkurs zu rechtfertigen.

Jungbluth fürchtet, dass nach dem Brexit private Interessen verstärkt in den Markt drängen könnten, insbesondere internationale private Firmen auf dem Gesundheitsmarkt als Anbieter auftreten werden. „Und diejenigen, die die Deregulierung vertreten, sind auf das öffentliche System nicht angewiesen. Das ist das Schreckliche daran.“

Garten des Hotels „The Ritz“. Tee: 8 Pfund

Die Stimmung mag kippen, die Wirtschaft schrumpfen, das Pfund fallen – die Blasen im Champagner steigen immer nach oben. In langen Flöten steht er auf den vollbesetzten Tischen im Palmengarten des „Ritz“. Eine aufgekratzte Stimmung, es ist ja immer etwas Besonderes im Ritz, und ein Grund, ein langes Kleid zu tragen und sehr hohe Hacken und sogar eine Galauniform an diesem Nachmittag vergangener Woche, der nur für alle anderen außerhalb dieses Hauses ein ganz normaler Donnerstag ist.

In den weit auseinander stehenden Sofainseln der Lobby kann man in Ruhe gelassen seinen Gedanken nachhängen. Die Sorglosigkeit ist Programm. Es ist die selbsterklärte Aufgabe von Grand Hotels diesen Kalibers, die Wirklichkeit für ihre Gäste auf ein zumutbares Maß zu dimmen. Es ist ein ganz und gar unpolitischer Auftrag.

Im noblen Hotel Ritz scheint das politische Theater ganz weit weg.
Im noblen Hotel Ritz scheint das politische Theater ganz weit weg.Foto: Deike Diening

Wenn der Pianist von Dur auf Moll schwenkt, ist das eine ästhetische Entscheidung, keine existenzielle. Und wenn der Tee so lange zieht, dass er bitter geworden ist, gießen sie einfach heißes Wasser in der Silberkanne nach.

Es ist eine eigene Kunst, den gerade richtigen Grad an Distanz zu treffen. Die Gäste bezahlen für Abstand und Diskretion. Für „splendid isolation“. Auf den samtbespannten Sesselgruppen ist jeder seine eigene Insel. Die Welt da draußen ist hier eine Zeitungsüberschrift, die im konservativen „Daily Telegraph“ neben einer Büste von Margaret Thatcher ausliegt. Auf der Titelseite das Undenkbare: Ausgerechnet der „Marxist“ Jeremy Corbyn „am Steuer des Brexit-Prozesses.“

Den Kuchen zu essen und ihn zu behalten

Zu diesem Zeitpunkt produziert im alten Parlamentsgebäude die Wirklichkeit ihre Metaphern selbst. Bei laufender Debatte sickert Wasser in die Decke des Unterhauses. Die Sitzung muss unterbrochen werden. Das Haus, ha, löst sich auf.

Im Palmenhof kommt währenddessen der Kellner mit seinem Kuchenwagen kaum durch die eng besetzten Tische. Und da springt es einen an: „To have the cake and eat it.“ Dieser Satz, der immer dann auftaucht, wenn die Politiker kurz ihre Blase verlassen und weltfremde Forderungen stellen. Es ist der Satz, mit dem man Kindern beibringt, was unmöglich ist: Den Kuchen zu essen und ihn zu behalten. Diese Kinder sollen lernen, dass man sich im Leben entscheiden muss.

Was aber, wenn einfach so viel Kuchen da ist, dass es gar nicht auffällt, wenn ein Stück gegessen ist? Oder wenn gar nicht auffällt, dass für jemand anderen nichts mehr da ist? Ja, dann könnte man in der Tat auf die Idee kommen, dass man sich gar nicht entscheiden muss. Dass man alles haben kann – zuhause den Brexit und das Geld in Übersee.

Zwei der vier Kinder von Nigel Farage, dem Gründer der rechtspopulistischen Ukip-Partei, haben neben dem britischen auch den deutschen Pass. Der Staubsaugerhersteller Dyson hat für den Brexit geworben und kurz vor Ernst seine Firma nach Singapur verlegt. Menschen, die die Folgen ihrer politischen Empfehlungen nicht spüren werden. Egal, wie viel Kuchen sie essen.

To have the cake and eat it. Why not? Seit dem 30. März werden neue britische Pässe ohne den Aufdruck „European Union“ ausgestellt. Zugleich laufen die Vorbereitungen für die Europawahl.

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