Brexit und die Irland-Frage : "Diese Grenze ist vollkommen unsichtbar"

Es ist der große Streitpunkt in den Brexit-Verhandlungen: Was wird aus der Grenze zwischen Irland und Nordirland? Eine Berliner Schülerin lebt genau dort.

Laila Lehming
Brexit-Warnung: Diese Straße, die von Irland nach Nordirland führt, könnte ab März 2019 geschlossen werden.
Brexit-Warnung: Diese Straße, die von Irland nach Nordirland führt, könnte ab März 2019 geschlossen werden.Foto: Paul Faith, AFP

Ich steige in den Bus, fahre 45 Minuten und bin da. Keine Passkontrolle, keine Zäune, der Bus fährt einfach durch. Am Zielort kommt eine kurze SMS des Telefonanbieters „Herzlich Willkommen in Großbritannien“. Das ist die Grenze zwischen Irland und Nordirland.

Ich lebe ganz im Norden der Republik Irland und dachte, bevor ich Ende August als Austauschschülerin hierherkam, dass man die Grenze zwischen Irland und Nordirland klar sehen würde. Aber nein. Es ist eine normale Landstraße, auf der einen Seite ist Irland, auf der anderen Seite Nordirland. Als meine Gastfamilie und ich das erste Mal planten, in eine Stadt nach Nordirland zu fahren, fragte ich, ob ich meinen Pass mitnehmen müsste. Lachend schüttelte meine Gastmutter den Kopf.

Irgendwie seltsam kommt es mir vor, dass es hier eine Grenze gibt, die vollkommen unsichtbar ist. Aber hier, wo ich lebe, wird Nordirland oft als Teil von Irland angesehen. In einem Souvenirladen in meinem Dorf sah ich vor einigen Tagen einen „Tea-Towel“, also ein Geschirrhandtuch, mit der Insel und der Flagge von Irland. Von ganz Irland. Zwischen Irland und Nordirland ist darauf keine Grenze eingezeichnet.

Ich habe eine Familie kennengelernt, die in Nordirland lebt, deren Kinder aber in Irland zur Schule gehen. Der Grund: Die Mutter war selbst in Irland zur Schule gegangen und kennt deshalb das irische Schulsystem besser als das nordirische.

Es gibt viele Menschen, die im Grenzbereich der zwei Länder leben. Die einen arbeiten in Irland, die anderen in Nordirland. Es ist, als wäre es ein Land mit zwei verschieden Währungen. Oft fahren irische Teenager in eine Stadt in Nordirland, um dort shoppen zu gehen, oder sie gehen dort ins Kino.

Sich vorzustellen, dass es bald ganz anders werden könnte, ist schwierig. Wie soll das gehen? Werden wir künftig im Auto auf halber Strecke angehalten, um Pass oder Personalausweis vorzuzeigen? Viele Iren, die hier im Norden Irlands leben, machen sich wegen des Brexits und der ungelösten Grenzfrage zu Nordirland große Sorgen. Eine Lehrerin erzählte mir, dass früher die Grenze streng bewacht war, bewaffnete Soldaten hätten auf der Lauer gelegen und man habe immer ganz genau aufpassen müssen, was man sagt. Sie erzählte mir, dass das immer eine unglaubliche Stress-Situation war. Jetzt hat sie Angst, dass es wieder so wird.

Nein, eine wirkliche Grenze zwischen Irland und Nordirland kann und will sich keiner hier vorstellen. Es wäre verrückt, wenn aus der friedlichen und ungehinderten Landesüberquerung wieder ein Akt mit Passkontrolle und vielleicht sogar Visum gemacht werden würde. Vor allem aber: Wem würde das nützen?

-  Laila Lehming ist 15 Jahre alt, geht in Berlin zur Schule und lebt zur Zeit als Austauschschülerin in einem kleinen Ort im Norden der Republik Irland.

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