• Bundesfinanzminister wusste von Ermittlungen: Staatssekretär von Olaf Scholz soll Wirecard unterstützt haben

Bundesfinanzminister wusste von Ermittlungen : Staatssekretär von Olaf Scholz soll Wirecard unterstützt haben

Der Staatssekretär von Scholz soll Wirecard unterstützt und Verbindungen zu China vermittelt haben. Nun will ein Hauptverdächtiger mit den Behörden kooperieren.

Besucher an einem Stand von Wirecard zum Thema Bezahlsysteme auf der Internationalen Tourismusbörse ITB in Berlin.
Besucher an einem Stand von Wirecard zum Thema Bezahlsysteme auf der Internationalen Tourismusbörse ITB in Berlin.Foto: imago images/IPON

Der Staatssekretär von Olaf Scholz soll Wirecard bei bei den Geschäften mit China unterstützt haben, obwohl das Finanzministerium unter Minister Olaf Scholz bereits von den Ermittlungen gegen das Unternehmen wusste. Das berichtet „Der Spiegel“.

Staatssekretär Wolfgang Schmidt habe demnach das chinesische Finanzministerium auf den geplanten Markteintritt Wirecards hingewiesen, wie das Finanzministerium dem „Spiegel“ auf Anfrage mitteilte.

Dem Bericht zufolge soll Schmidt im Juni 2019 „seinen chinesischen Counterpart, Vizeminister Liao Min im Ministry of Finance“, zu Wirecards Ambitionen informiert haben. Mit Vizekanzler und Finanzminister Olaf Scholz sei dieses Vorgehen nicht abgesprochen gewesen, heißt es.

Scholz soll bereits am 19. Februar 2019 darüber unterrichtet worden, dass die Finanzaufsicht Bafin „in alle Richtungen wegen Marktmanipulation ermittelt, das heißt sowohl gegen Verantwortliche der Wirecard AG als auch gegen Personen, bei denen Hinweise zur Beteiligung an Marktmanipulationen vorliegen“, berichtete die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ in ihrer Freitagsausgabe.

Schmidt informierte das chinesische Finanzministerium in Sachen Wirecard, nachdem „Spitzberg Partners“, die Beratungsfirma des früheren Wirtschaftsministers Karl-Theodor zu Guttenberg, bei der Bundesregierung für Wirecard lobbyiert hatte, so „Der Spiegel“.

Das BMF musste auch einräumen, dass sich der Staatssekretär Jörg Kukies, ein Ex-Banker von Goldman Sachs, mit Wirecard-Chef Markus Braun in einer Zeit ausgetauscht hat, als bereits Sonderprüfer von KPMG die Bilanzen des Unternehmens untersuchten.

Wirecard hatte Ende Juni Insolvenz angemeldet, nachdem das Unternehmen eingestehen musste, dass in der Bilanz aufgeführte Barmittel von 1,9 Milliarden Euro, die angeblich auf asiatischen Bankkonten lagen, nicht auffindbar seien.

Verdächtiger will kooperieren – früherer Vorstand abgetaucht

Nun will einer der wichtigsten Beschuldigten mit der Staatsanwaltschaft kooperieren. Das bestätigte der Anwalt des in Untersuchungshaft sitzenden Ex-Chefs der Wirecard-Tochtergesellschaft Cardsystems Middle East am Freitag: „Mein Mandant hat sich freiwillig dem Verfahren gestellt und steht – im Gegensatz zu anderen – zu seiner individuellen Verantwortung.“ Darüber berichtete zuerst die Nachrichtenagentur Reuters.

Der Strafverteidiger betonte, dass er nicht von einem Geständnis gesprochen habe. Die Münchner Staatsanwaltschaft wiederum erklärte, dass sie die Vernehmung weder bestätigen noch Angaben dazu machen könne.

Ebenfalls kooperieren will der frühere Vorstandschef Markus Braun, der frühere Vertriebsvorstand Jan Marsalek dagegen ist abgetaucht. Die Cardsystems Middle East spielte eine zentrale Rolle bei den mutmaßlichen Scheingeschäften, mit denen bei Wirecard die Bilanzen um 1,9 Milliarden Euro aufgebläht wurden.

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Wie aus der Bilanz der Konzernmuttergesellschaft Wirecard AG für das Jahr 2018 hervorgeht, meldete dieses Unternehmen den Großteil der verbuchten Gewinne. Von den insgesamt 45 Gesellschaften gab es demnach überhaupt nur drei, die nennenswert profitabel waren: Die Cardsystems in Dubai steuerte 237 Millionen Euro bei – mutmaßlich in Gänze oder zumindest zum allergrößten Teil erdichtet.

Diese Gesellschaft ist mittlerweile aufgelöst, über sie lief das Geschäft mit einem großen Subunternehmer namens Al Alam, der angeblich Zahlungen im Auftrag von Wirecard abwickelte, aber gar keine Lizenzen der großen Kreditkartenfirmen hatte. Das hatte die britische „Financial Times“ im vergangenen Jahr publik gemacht.

Wirecard verdiente „regulär“ nicht allzu viel Geld

Wie aus dem öffentlich einsehbaren Handelsregister von Al Alam hervorgeht, wurde das Unternehmen 2013 eingetragen, mittlerweile ist es ebenfalls aufgelöst.

Abgesehen von den mutmaßlichen Scheingewinnen der Cardsystems wurde bei Wirecard nicht allzu viel Geld verdient: Die Wirecard Technologies, die die tatsächlich existierende Bezahlplattform des Konzerns betreibt, verbuchte 2018 einen Gewinn von 129 Millionen Euro, eine irische Tochter 62 Millionen. Die übrigen Gesellschaften inklusive der Wirecard Bank machten entweder nur sehr kleine Gewinne oder schrieben Verluste. (Tsp, dpa)

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