Bundeswehr-Skandal : Angeklagte streiten Misshandlungsvorwürfe ab

Rekruten wurden bei Übungen getreten, geschlagen und bespritzt - ein "Höhepunkt der Ausbildung", sagen die Angeklagten. Seit heute müssen sich 18 ehemalige Bundeswehr-Ausbilder wegen der Misshandlung von bis zu 163 Bundeswehr-Rekruten vor Gericht verantworten.

Münster - In einem der größten Prozesse der Bundeswehr-Geschichte um die Misshandlung von Rekruten haben drei angeklagte frühere Ausbilder die Vorwürfe weitgehend abgestritten. Zwar hätten sie Übungen mit simulierten Geiselnahmen geplant, von Misshandlungen aber nie etwas gesehen, sagten der frühere Kompaniechef und zwei damalige Zugführer zum Prozessauftakt am Montag vor dem Landgericht Münster. Die Übungen, bei denen Rekruten nach Darstellung der Staatsanwaltschaft getreten, geschlagen und mit Wasser bespritzt wurden, seien "Höhepunkt der Ausbildung" gewesen, sagten sie einhellig. Dies sei von den Rekruten bestätigt worden.

Vor der 8. Großen Strafkammer müssen sich insgesamt 18 frühere Bundeswehr-Ausbilder - der frühere Kompaniechef im Range eines Hauptmannes und 17 Unteroffiziere - des Instandsetzungsbataillons 7 aus der Freiherr-vom-Stein-Kaserne im westfälischen Coesfeld wegen Misshandlung Untergebener verantworten.

Die beiden Zugführer hatten laut Anklage die Idee, eine gestellte Geiselnahme als Höhepunkt eines nächtlichen Orientierungsmarsches in die Rekrutenausbildung aufzunehmen, obwohl dies in den Richtlinien der Bundeswehr nicht vorgesehen ist. Die Angeklagten rechtfertigten sich, sie wollten die Ausbildung besser der Einsatzrealität anpassen. Der Kompaniechef hatte die Übungen nach eigenen Angaben geduldet. Ziel sei es gewesen, "eine interessante, spannende und abwechslungsreiche Ausbildung" zu schaffen, sagte er.

Stromstöße mit einem Feldfernsprecher

Die Zugführer erklärten, sie hätten von einer Eskalation der zunächst unproblematischen Situation nichts gewusst. Zeugen hatten berichtet, dass ihnen Stromstöße mit einem Feldfernsprecher versetzt wurden oder dass ihnen mit einer Kübelspritze Wasser in die Hosen gepumpt wurde. Ein Zugführer entgegnete, von den Rekruten sei die Rückmeldung gekommen, dass die Ausbildung "richtig geil" gewesen sei.

Die Vorfälle auf einem Übungsplatz der Coesfelder Kaserne hatten 2004 international Aufsehen erregt und umfassende interne Prüfungen der Bundeswehr veranlasst. Dabei war deutlich geworden, dass Coesfeld innerhalb der Streitkräfte kein Einzelfall war. So waren fingierte Geiselnahmen Teil der Ausbildung für alle Bundeswehr-Soldaten, die für Auslandseinsätze auf dem Balkan vorgesehen waren. Ein Großteil der in Münster angeklagten Ausbilder hatte diesen Drill selbst durchlaufen. "Wir mussten durch Gräben kriechen", schilderte der frühere Kompaniechef die Vorbereitung auf seinen eigenen Bosnien-Einsatz. Dabei sei Teilen der teilnehmenden Soldaten auferlegt worden, wie Hunde zu bellen, andere mussten der Schilderung des Angeklagten zufolge Laute von Hühnern nachahmen.

Angeklagte galten als vorbildliche Soldaten

Vom "Darmstädter Signal", einem Zusammenschluss kritischer Offiziere, kam Kritik an der Bundeswehr. Dass die Rekruten nicht protestierten, werfe ein bezeichnendes Bild auf den Zustand der Wehrpflichtarmee, sagte der Vorsitzende der Organisation, Oberstleutnant Jürgen Rose, dem Fernsehsender N 24.

Bei den 18 Angeklagten handelt es sich größtenteils um ehemals als vorbildlich geltende Soldaten. Nach den Vorfällen wurden zwei der Angeklagten fristlos aus der Bundeswehr entlassen, zwei weitere schieden nach Ablauf ihrer Verpflichtungszeit aus. Vier ehemaligen Ausbilder sind noch vorläufig suspendiert. Der Prozess vor dem Landgericht Münster ist auf 45 Verhandlungstage angesetzt. (tso/dpa)

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