Sein Freund war richtig gut in Mathe - und endete doch als Meisterdieb und Junkie

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Chancenungleichheit : Welche Chance hat ein Kind in Deutschland?

Hassan Asfours Mutter fand sich mit den schlechten Noten nicht ab. Sie verzichtete aufs neue Sofa und gab das wenige Geld lieber für Nachhilfe aus. Manchmal fand sie auch einen Nachbarn oder einen Cousin, der fit in Mathe war. In der Familie war es keine Tradition, auf abstrakte Fernziele hinzuarbeiten. Hassans Cousins verdienten lieber gleich Geld, kellnerten oder eröffneten mit ihren Vätern Restaurants. „Meine Mutter war für mich ein großes Vorbild“, sagt Hassan Asfour. „Sie hat vorgelebt, dass es sich lohnt, sich heute einzuschränken für ein späteres Ziel“. Auch wenn er sich immer wieder schulisch durchhängen ließ, wusste er doch, dass er seine Mutter nicht enttäuschen und die Schulkarriere nicht vermasseln durfte. Wenn es darauf ankam, zum Beispiel in der sechsten Klasse vor dem Übergang in die Oberschule, entwickelte er den „Biss“, ohne den Erfolg kaum möglich ist.

Vielleicht hätte er es trotzdem nicht geschafft, wenn er nicht immer wieder Lehrern begegnet wäre, die es gut mit ihm meinten. Ihm in der zehnten Klasse eine Vier mit dickem Minus gaben statt der Fünf, die den Weg zum Abitur verbaut hätte.

Am Tag, als er sich fürs Medizinstudium in Magdeburg einschrieb, knallten zu Hause die Sektkorken. Mutter, Onkel, Cousins waren mächtig stolz. Das beflügelte ihn, erzeugte aber auch einen riesigen Druck. „Jetzt durfte nichts schiefgehen“, sagt Hassan Asfour. Doch er hielt es nicht aus in Magdeburg, fühlte sich fremd. Als ihm ein Mann in der Straßenbahn den Hitlergruß zeigte, war das nur der letze Anlass: Nach drei Monaten schmiss er hin und kehrte nach Berlin zurück. Hier studierte er Sprachen und in Beirut Internationale Beziehungen. Heute leitet er zusammen mit Siamak Ahmadi das Unternehmen und Bildungsprogramm „Dialog macht Schule“, das bundesweit Schüler in ihrer Entwicklung und Schüler und Lehrer bei den Themen Integration und politische Bildung unterstützt.

In Deutschland gibt es einen „Bildungstrichter“ der sozialen Selektion

Hassan Asfour gehört zu einer Minderheit. Von den Kindern nicht-studierter Eltern schaffen es lediglich 43 Prozent auf die gymnasiale Oberstufe und von diesen lediglich 37 Prozent auf eine Hochschule. Von den Kindern akademischer Eltern besuchen 79 Prozent die gymnasiale Oberstufe und von diesen wechseln 84 Prozent an die Hochschule. Das geht aus der Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks hervor. Das Studentenwerk spricht von einem „Bildungstrichter“ der sozialen Selektion, an dessen Ende schließlich nur 23 Prozent des Nicht-Akademiker-Nachwuchses studiert, aber 77 Prozent der Akademiker-Kinder eine Hochschule besuchen.

Siamak Ahmadi mit seinen studierten Eltern gehört zu den 77 Prozent. Dass er das Abi schaffen würde, war aber auch für ihn lange Zeit nicht klar. Unter den Gymnasiasten aus den feinen Elternhäusern kam er sich wie ein Außenseiter vor und passte schon äußerlich mit seinem Gangsta-Gang und der Sonnenstudio-Bräune nicht dazu. Irgendwann stiftete er Mitschüler zum Diebstahl an. Da war es vorbei mit dem Gymnasium. Er wechselte auf eine Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe. Hier gab es noch andere Jugendliche aus Einwandererfamilien und unterschiedlichen Milieus. Der größte Unterschied aber war: Die Lehrer trauten ihm etwas zu. Ein Biologielehrer entdeckte sein Talent und spornte ihn an, sich bei „Jugend forscht“ zu bewerben. „Zum ersten Mal habe ich richtig gepaukt“, sagt Siamak Ahmadi heute. Er hatte sein eigenes Projekt und entwickelte Ehrgeiz. Mit einem Freund zusammen gewann er den Wettbewerb. Bei der Siegerehrung sprach der Bundespräsident und schwärmte davon, dass Ahmadi und die anderen Preisträger die Zukunft Deutschlands seien. „Ich saß da mit meinen gegelten Haaren zwischen all den Nerds und dachte nur: wow“, sagt Ahmadi. Er schaffte das Abi und studierte in England.

Junge Deutsche sind skeptisch, was die Durchlässigkeit der Gesellschaft angeht

Heute denkt er oft an einen Freund aus dem Märkischen Viertel. Der sei richtig gut in Mathe gewesen und endete doch als Meisterdieb und Junkie. „Niemand glaubte an ihn, niemand förderte ihn“, sagt Ahmadi.

Die Meinungsforscher des Allensbach-Instituts haben festgestellt, dass junge Deutsche aus bildungsfernen Schichten sehr skeptisch sind, was die Durchlässigkeit der Gesellschaft angeht. Gleichaltrige Schweden sind viel optimistischer.

„Manchmal sind es Zufälle, die einen Lebenslauf entscheiden“, sagt Siamak Ahmadi und erzählt von dem Mädchen, in das er sich mit 15 verliebte. Sie habe ihm zu verstehen gegeben, dass sie sich selbst für klüger hält und sprach lieber mit Jungen, die Interessanteres zu sagen hatten. „Das konnte ich unmöglich auf mir sitzen lassen“, sagt Siamak Ahmadi, „also legte ich los.“ (mit akü)

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