Politik : Charmeoffensive in Polen

Merkels Besuch kommt bei den Bürgern gut an – die meisten stehen anders als die Regierung hinter der EU

Knut Krohn[Warschau]

Ein offizieller Staatsbesuch sieht anders aus. Da werden rote Teppiche abgeschritten, Pressekonferenzen gegeben, Ergebnisse von Verhandlungen verkündet, vielleicht sogar ein paar Verträge unterschrieben. Die zweitägige Visite von Angela Merkel in Polen sollte das Gegenteil sein. Für diese wichtige und so symbolträchtige Reise hatte die Kanzlerin das Inoffizielle ins Zentrum gerückt, jene Programmpunkte, die gemeinhin lächelnd als „das Damenprogramm“ bezeichnet werden. Um das Private dieser Dienstreise zu unterstreichen, stand fast immer ihr Mann Joachim Sauer an Merkels Seite. Gemeinsame Auslandsreisen der beiden sind die Ausnahme. In den ersten eineinhalb Jahren ihrer Amtszeit gab es das bisher nur dreimal. Zum Neujahrskonzert in Wien, zu einem Besuch beim britischen Premierminister Tony Blair in London und zur Saisoneröffnung der Mailänder Scala reiste der öffentlichkeitsscheue Chemiker Sauer mit.

Bei ihrem einzigen öffentlichen Auftritt in Polen machte Merkel mit dem ersten Satz deutlich, dass sie und ihr Mann auch gekommen waren, um alte persönliche Kontakte zu pflegen. So saßen im Großen Saal der Warschauer Universität denn auch jene in der ersten Reihe, mit denen beide in den achtziger Jahren Dissidentenlieder am Lagerfeuer sangen. Die Gastgeber wussten das zu würdigen. „Wir begrüßen sie heute beide als gute alte Freunde“, sagte Rektorin Katarzyna Chalasiska-Macukow, die wie Merkel Physikerin ist. Die Kanzlerin erkannte wegen ihrer eigenen Lebensgeschichte ihre Chance, die Beziehungen zu Polen in eine ruhigere Bahn zu lenken. „In den achtziger Jahren wurde Polen für uns in der DDR mehr und mehr zum Hoffnungsträger. Denn die Gründung der freien Gewerkschaft Solidarnosc 1980 war ein großartiges Signal“, sagte Merkel. Die Botschaft war klar: Hier steht jemand, der tiefe Bewunderung für dieses Volk empfindet.

Dass die Kanzlerin den richtigen Ton getroffen hatte, zeigten die Reaktionen auf ihren Besuch. Gelobt wurde vor allem die Freundlichkeit, mit der Merkel auf die Polen zugegangen sei. In den Kommentaren zu ihrem Auftreten war nichts zu spüren von der latenten Angst vor einer europäischen Hegemonialmacht. In dieser Stimmung des guten Willens wurden auch die Aussagen des Deutschland-Beauftragten der Regierung, Mariusz Muszynski, ins richtige Licht gerückt. Der hatte im Vorfeld des Besuchs gepoltert, dass man es auf „der deutschen Seite mit einer egoistischen und dadurch Polen nicht gerade freundlich gesinnten Politik zu tun“ habe. Zumindest in Polen wurde Muszynski durch Nichtbeachtung gestraft, und der Kommentator der „Gazeta Wyborcza“ fragte trocken, ob Muszynski denn noch nicht bemerkt habe, dass die polnische Regierung auf einen pragmatischeren Kurs gegenüber Berlin umgeschwenkt sei.

Doch wurde nach der Abreise der Kanzlerin auch darauf hingewiesen, dass hinter Merkels Freundlichkeit nicht hohle Phrasen, sondern ganz konkrete Ziele steckten. Zitiert wurde immer wieder der Satz der Kanzlerin, dass man in Europa nur gemeinsam seine Ziele erreichen könne. Dieser Wink mit dem Zaunpfahl wurde verstanden, und manche Kommentatoren drängten ihre Regierung geradezu dazu, die Chance zu ergreifen und ebenfalls Schritte in Richtung Deutschland zu tun. Einmal mehr wurde deutlich, dass – im Gegensatz zur Regierung – die allermeisten Polen hinter der EU stehen. Sogar Präsident Lech Kaczynski ist inzwischen zum vorsichtigen Befürworter Europas geworden. Doch um seinen Bruder, Premier Jaroslaw, von seiner EU-Skepsis abzubringen, bedarf es wohl noch einiger Besuche der freundlichen Nachbarin.

Merkels Rede im Internet:

www.tagesspiegel.de/merkel-rede

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