China sucht Normalität nach der Coronakrise : In den Köpfen ist noch nichts wie vorher

Glaubt man der chinesischen Regierung, ist das Coronavirus im Land gebannt. Doch die Verunsicherung bleibt. Der Alltag ist ein anderer als vor der Krise.

Ning Wang
Besucher eines Panda-Reservats in Chengdu
Besucher eines Panda-Reservats in ChengduFoto: AFP/Stringer

Endlich wieder spazieren gehen und sich etwas körperlich betätigen, das hat Frau Zhang am meisten in der Zeit zu Hause gefehlt. Seitdem sie nicht mehr einkaufen gehen durfte, sondern sich alle Dinge durch das Nachbarschaftskomitee in ihrer Wohnanlage bringen lassen musste, saß sie mit ihrem Mann zu Hause.

Dankbar, dass es in der engeren Familie keine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus gab, aber doch beunruhigt aufgrund der Nachrichten, die sie täglich sahen, will sie nun einfach mal ein bisschen frische Luft schnappen. Denn seit mehr als einer Woche scheint das Virus nun eingedämmt zu sein. Zumindest wenn man den Zahlen der Pekinger Gesundheitsbehörde vertraut, dann gibt es im Land nun keine neuen Infektionen mehr.

Die 39 neuen Fälle, so meldeten chinesische Nachrichten am Montag, seien von Rückkehrern ins Land gebracht worden. Wie Peking es so schnell geschafft hat, das Virus einzudämmen, wird man wohl nie erfahren. „Die Menschen sind jetzt nur froh, dass die Zahlen zurückgehen. Sie stellen gerade keine Fragen“, so Herr Chen aus Peking auf die Frage, warum sich die Menschen in China nicht über die Zahlen wunderten.

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Am Montag durften die Menschen in Wuhan zum ersten Mal seit zwei Monaten ihre Wohnanlagen verlassen und in den umliegenden Supermärkten einkaufen gehen, oder auch einfach nur wieder auf die Straßen, am 8. April soll die Quarantäne vollständig aufgehoben werden.

Am Wochenende fuhr der erste Zug und brachte Arbeiter aus allen Teilen der Provinz Hubei nach Wuhan. Doch die Bewegungsfreiheit ist noch eingeschränkt: Nur wer auf seinem Smartphone einen grünen QR-Code vorweisen kann, darf sich frei bewegen. Zeigt der Code etwa gelb an, muss man sich bei den Behörden melden und rot bedeutet, zu Hause bleiben zu müssen, da man nicht virenfrei sein könnte.

Lieber eine Stunde laufen, als den Bus nehmen

Es wird sich erst zeigen müssen, ob die neuen Maßnahmen funktionieren, oder von den Menschen überhaupt angenommen werden. Dazu gehören neben dem farbkodierten Gesundheitsstatus andere Routinen. Supermärkte, Geschäfte, oder Wohnanlagen darf man nur betreten, wenn vorher die Temperatur gemessen wird.

Auch die öffentlichen Verkehrsmittel sind ein wichtiges Thema. Nicht ohne Aufwand zeigten chinesische Staatsmedien, wie „People´s Daily“, adrett in Lila gekleidetes U-Bahnpersonal, das auch wirklich jeden Winkel der Fahrkartenautomaten und Einlassschranken putzt. Bilder von Männern in Schutzanzügen, die die U-Bahnwagons regelrecht mit Desinfektionsmittel ausräuchern, kursieren im Netz. Das alles, um den Menschen in Wuhan zu zeigen, wie sicher es wieder ist mit der U-Bahn zu fahren.

Eine Frau fotografiert Blüten im Pekinger Zoo.
Eine Frau fotografiert Blüten im Pekinger Zoo.Foto: dpa/AP/Mark Schiefelbein

Dennoch blieben die Waggons am Montag weitgehend leer, so wie auch in anderen Städten. „Wer kann, fährt weiterhin mit dem eigenen Auto, Roller, Fahrrad oder nimmt sich zur Not dann ein Taxi, aber mit den Öffentlichen will hier noch keiner fahren, wenn es nicht wirklich sein muss“, berichtet ein 30-jähriger Pekinger, der selbst manchmal lieber eine Stunde zur Arbeit läuft, um nicht den Bus benutzen zu müssen.

Mit den Staus, die es inzwischen wieder in der Pekinger Innenstadt gibt, ist ein Stückchen Normalität in den Alltag zurückgekehrt. Aber auch, wenn auf den Straßen nun wieder mehr Menschen unterwegs sind und die Kinder im Hof am Montag bei über 20 Grad zum ersten Mal ohne Atemschutzmasken zusammen Fußball gespielt haben, sieht es in den Köpfen der Menschen noch nicht viel anders aus als vorher.

Beobachtungen im Ausgehviertel

„Zu Hause ist es doch am sichersten“, sagt Frau Li. Sie wohnt mit ihrer fünf Jahre alten Tochter, ihren Eltern – beide über 50 und fast Rentner – und ihrer 75-jährigen Großmutter auf 50 Quadratmetern im Herzen Pekings. Gleich um die Ecke liegt Sanlitun, das Ausgehviertel Pekings.

Dort haben nicht nur internationale Marken ihre Flagship-Stores, innerhalb weniger Gehminuten sind hier auch die Restaurants aller Nationen vertreten und hippe Bars konzentriert im Radius von einem Kilometer angesiedelt. Wer das Lebensgefühl von Pekingern mitbekommen will, muss hierher und einen Nachmittag durch die Gegend flanieren. Zuschauen, wie die Schlange vor dem Bubble-Teeladen von mehreren Sicherheitsmännern koordiniert wird. Oder beobachten, wen die Hobbyfotografen ablichten, um den neusten Trend einzufangen.

Hierher passt Frau Li, wie es sich für Pekinger um die 30 gehört. Vor dem Ausbruch des neuartigen Corona-Virus war sie häufig mit Freundinnen unterwegs, hat die angesagten Cafés der Stadt erkundet und dann Fotos von sich auf WeChat gepostet.

Auf einmal wurde es still

Das ist vorbei. Keine Selfies mehr von den Restaurantbesuchen und dem Essen, dass man dort bestellt hatte, keine Urlaubsfotos von schicken Stränden oder Hotels, ja überhaupt keine Bilder mehr von sich selbst vor Sehenswürdigkeiten. Darin ähnelt sich der WeChat-Kanal von Frau Li nicht nur mit dem vieler anderer Pekinger. Mit einem Mal war es ruhig geworden auf den sozialen Kanälen – landesweit.

Hinzu kam, dass es nicht mehr „angesagt“ war, sich draußen aufzuhalten und Bilder von leckeren Speisen, überteuertem Kaffee oder beim Besuch von trendigen Locations zu posten, während in Wuhan immer mehr Menschen an Covid-19 starben. Seitdem postete Frau Li kaum noch etwas. Eine Zeit lang, zu Beginn, hat sie noch versucht, ein paar Atemschutzmasken über WeChat anzubieten, aber seitdem sie nur noch zu Hause ist, postet sie nichts mehr.

Arbeiter desinfizieren eine U-Bahn in Wuhan.
Arbeiter desinfizieren eine U-Bahn in Wuhan.Foto: dpa/Shen Bohan

Und was sich auf den sozialen Netzwerken abspielt, spiegelt sich in den Konjunkturdaten Chinas wider. In den ersten beiden Monaten des Jahres ist die Produktion wegen der radikalen Maßnahmen der chinesischen Regierung – Schließung der Industrien und Quarantäne von Millionen Menschen – stark zurückgegangen. So fiel nicht nur die Produktion um 13,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, sondern auch die Einzelhandelsumsätze sind im Januar und Februar laut der Pekinger Statistikbehörde um 20,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gefallen.

Der Kontrollwahn hat ein neues Objekt

Die Unsicherheit ist nicht nur in der Bevölkerung zu spüren. Bei der Staats- und Parteiführung hat sie sich in eine Form von Kontrollwahn umkanalisiert. So werden seit Montag internationale Flüge nach Peking mittlerweile in die benachbarte Provinz umgeleitet und die Passagiere müssen auf eigene Kosten in designierte Hotels in Quarantäne. Bei denen, die noch zu Hause in Selbstquarantäne gehen durften, weil sie schon vor zwei Wochen ins Land gekommen sind, wurden teils Überwachungskameras vor der Haustür installiert, um sicher zu sein, dass sie sich an die Regeln halten.

Die Angst, dass die aus dem Ausland einreisenden Menschen die Zahl der Infektionen wieder ansteigen lassen könnten, ist groß. So groß, dass dafür Rassismus und noch mehr Überwachung in Kauf genommen wird. Galt es bisher, Menschen aus Wuhan und Hubei zu meiden, werden inzwischen ausländisch aussehende Menschen gemieden.

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