Politik : China will Klimagase senken – ab 2030

Volkskongress-Vizechef: Unser Energieverbrauch muss noch steigen / Vor ITB Debatte um Flugreisen

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Berlin/Peking - Ungeachtet der dringenden Mahnung der Vereinten Nationen (UN), schnell entschlossene Maßnahmen zur Eindämmung der Erderwärmung zu ergreifen, wird China seinen Ausstoß an klimaschädlichem CO2-Gas voraussichtlich bis zum Jahr 2030 steigern. Das sagte der Präsident der chinesischen Akademie der Wissenschaften und Vizepräsident des Volkskongresses Lu Yongxiang dem Tagesspiegel am Sonntag. Lu erklärte, China mache zwar große Fortschritte, Energie effizienter zu nutzen. Doch das Land habe noch einen vergleichsweise niedrigen Energieverbrauch pro Kopf der Bevölkerung und damit großen Nachholbedarf im Vergleich zu den Industrieländern. Zudem hätten viele westliche Länder ihre energieintensiven Produktionen nach China verlagert: „Auch deshalb steigen hier die Emissionen“, sagte Lu.

Zum Ende der Woche hatten die UN erneut Alarm geschlagen. Der Klimawandel sei bereits jetzt in allen Erdteilen nachweisbar, in Europa würden die Küsten- und Flussniederungen immer öfter von Überschwemmungen, vor allem Südeuropa immer häufiger von Hitzewellen betroffen sein.

Klimaexperten erwarten, dass dies auch das Reiseverhalten der Touristen stark beeinflussen wird. Unmittelbar vor dem Start der Internationalen Tourismusbörse (ITB) am Mittwoch in Berlin sagte Klimaforscher Manfred Stock vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung, dass die Menschen künftig im Sommer kaum noch in Gebiete reisen würden, in denen man sich wegen der hohen Temperaturen nicht mehr draußen aufhalten könne. Veranstalter müssten sich gut überlegen, wo sie künftig Hotels bauten, um nicht falsch zu investieren. „Wenn man in einigen Jahren den Urlaub in Spanien nur noch im klimatisierten Hotelzimmern verbringen kann, werden wahrscheinlich nördlichere Reiseländer den Mittelmeerraum als wichtigste Urlaubsgebiete ablösen“, sagte Stock. Die Chefin von Greenpeace Deutschland, Brigitte Behrens, sagte, dass niemand mehr mit gutem Gewissen fliegen solle: „Billigflüge gehören verboten.“

Die Experten fürchten jedoch auch, dass die aktuelle Klimadebatte nur kurzfristig geführt wird und sich langfristig wenig ändert. Der frühere Direktor des UN-Umweltprogramms Unep, Klaus Töpfer, forderte Deutschland und die EU auf, größere Anstrengungen beim Klimaschutz zu unternehmen. Was Berlin und Brüssel anstrebten, seien keine ehrgeizigen Ziele, sondern Minimalziele, die ohne ökonomische Belastung zu erreichen seien, sagte er den „Nürnberger Nachrichten“. EU-Industriekommissar Günter Verheugen (SPD) sieht dagegen die Debatte ohnehin schon in einem Stadium der „Hysterie“ angekommen. Er sagte, dass Europa beim Klimaschutz am weitesten vorangeschritten sei. „Unsere wichtigste Aufgabe wird sein, dafür zu sorgen, dass sich die USA, China, Indien und Russland beim Klimaschutz genauso engagieren wie wir, sagte er der „Bild am Sonntag“. Auch der bayerische Innenminister Günther Beckstein (CSU) rät zu etwas mehr Gelassenheit in der Diskussion. „Rücksichtnahme auf die Schöpfung ist gut, durch Verzicht auf Flugreisen werden die weltweiten Klimaprobleme aber nicht gelöst“, sagte er dem Tagesspiegel. Aufgabe Deutschlands sei es, durch Hochtechnologie, Forschung und Entwicklung für einen niedrigeren Energieverbrauch und schadstoffarme Fortbewegungsmittel zu sorgen. Zugleich sprach sich Beckstein für die Weiterführung der Atomenergie als Beitrag zum Klimaschutz aus. has/hsc/jsc/ysh

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