Christian Buck in Tripolis : Botschafter ohne Land

Ein Mann für besondere Aufgaben: Christian Buck leitet von Tunis aus die deutsche Mission in Libyen.

Botschafter Christian Buck und seine Mitarbeiter in der Altstadt von Tripolis.
Botschafter Christian Buck und seine Mitarbeiter in der Altstadt von Tripolis.Foto: Auswärtiges Amt

Als Christian Buck den Posten als Deutscher Botschafter in Tripolis übernahm, im September 2016, war er ein Botschafter ohne Land. „Derzeit in Tunis“, so konnte man lesen. Von dort leitete er seine Geschäfte. Den anderen Botschaftern der Länder der Europäischen Union ging es genauso. Libyen, das war zu diesem Zeitpunkt nicht nur aus der Ferne betrachtet ein „failed state“, ein gescheitertes Land, in dem nichts sicher war außer der Gewissheit, nie in Sicherheit zu sein.

Das hat sich inzwischen geändert. Die ersten Diplomaten, die nach Tripolis zurückkehrten, waren Anfang 2017 die Italiener, die eine historische Sonderbeziehung mit Libyen verbindet, Jahrzehnte des Kolonialismus gehören genauso dazu wie eine brutale Unterdrückung der Araber durch italienische Besatzer und kulturelle Prägungen durch 35.000 Siedler, die in der Ära Mussolini kamen und später vertrieben wurden.

Libyen ist fünfmal so groß wie Deutschland, hat aber nur anderthalb mal so viele Einwohner wie Berlin. Die Italiener kamen mit ihrer Fahne, sichtbar. Auch die Briten sind inzwischen da. Ohne Fahne. Christian Buck hat das große, abmontierte Schild der alten Botschaft noch hinter seinem Schreibtisch in Tunis stehen. Ein Neun-Millimeter-Geschoss hat den Adler getroffen.

Der Botschafter ist ein asketischer Typ, sportlich, groß, fast hager. Einer, der den Hamburg-Marathon mitläuft. Im Gespräch wirkt der 52-Jährige zugewandt. Beim Reden schaut er sein Gegenüber an. Beständig. Er hat einen klaren Blick, lächelt verhalten, strahlt Verlässlichkeit, aber eben auch Konsequenz aus. Man ahnt, warum es in seiner Laufbahn Stationen in Kabul und Kundus gab, warum er die zivile Leitung des regionalen Aufbauteams (Provincial Reconstruction Team) in Afghanistan innehatte, warum er immer wieder in Krisenstäben zu finden war und das Krisenreaktionszentrum von 2013 bis 2016 führte.

Dabei mag Buck dieses Macher-Image nicht. Ja, er ist Reserveoffizier. Aber in seinem früheren Berufsleben war er Zeitungsredakteur, dann hat er Wirtschaftswissenschaften, Englisch und Internationale Beziehungen studiert, in Basel, an der Columbia University und an der Universität der Vereinten Nationen in Tokio. Promoviert hat er dann an der Berliner Humboldt-Universität.

Sein Auftrag mit der Ernennung zum deutschen Chefdiplomaten in Libyen: die Botschaft wieder arbeitsfähig machen. Das ist ihm gelungen. Wenn der libysche Präsident ihn sehen will, ist er da. Das einheimische Personal der Botschaft konnte all die Jahre gehalten werden, wurde weiter bezahlt, das stärkt die Loyalität. Die Botschaft ist für den Publikumsverkehr noch nicht geöffnet, aber das Personal, auch das deutsche, ist die halbe Zeit anwesend. Es sind heute andere Gebäude als vor der kriegsbedingten Schließung der Mission. Sicherheitsgründe. Anfangs, ab September 2016, kam Buck, genauso wie die anderen Diplomaten, aus Tunis immer mit einem Flugzeug der Vereinten Nationen nach Tripolis. 2016 war er gerade einmal zu sechs oder sieben Besuchen da. 2017 ist er schon 28 Mal in Libyen gewesen. Die Bundeswehr würde, so sagt Buck, die Lage heute als „ruhig, aber nicht stabil“ bezeichnen. Extrem unübersichtlich und unsicher ist die Situation noch immer.

Man wisse eben nicht, „was am nächsten Dienstag passiert“, könne dem Frieden nicht so richtig trauen. Die Deutschen sind zusammen mit Holländern und Franzosen untergebracht, bei Dunkelheit kann man sich nicht aus dem Haus bewegen, das Leben erfordert sehr viel Disziplin, keinen Tropfen Alkohol, man schreibt am Abend seine Berichte, ein Leben unter weitgehendem Verzicht auf private Unterhaltungsprogramme - in einer solchen Lage bildet man eine Gemeinschaft, stellt Buck lakonisch fest.

Das klingt nach Isolation. Früher musste er sich mit den Milizen absprechen, bevor er sich im gepanzerten Fahrzeug in der Stadt bewegen konnte. Heute gibt es fast keine Checkpoints mehr. Und doch: Wie viele Deutsche leben in Libyen? Er lacht trocken: „Ich kenne drei, ich hoffe, es sind nicht mehr Hintergrund der Bemerkung: Es gibt eine klare Reisewarnung des Auswärtigen Amtes. Alle Deutschen sind weiter zur sofortigen Ausreise aufgerufen. Im Notfall ist vor Ort keine konsularische Hilfe möglich.

Libyens Grenzen: definiert - aber kaum geschützt

Man muss sich Libyen heute als Land vorstellen, dessen äußere Grenzen definiert, aber kaum geschützt sind. Und das sich im Inneren nicht auf eine Regierung mit klaren Kompetenzen und Strukturen stützen kann. Die territoriale Macht dieser Regierung beschränkt sich auf einen engen Raum. Es gibt sogenannte Parallelregierungen, die eigentlich nichts regieren außer ihr unmittelbares Umfeld, und es gibt das Militär, von dem die Menschen hoffen, dass es das Land wieder einigen kann. Der deutsche Botschafter und seine Mitarbeiter sprechen nur mit der Regierung - mit den „Parallelregierungen“ reden sie nicht. Aber natürlich gibt es Kontakte zu den Akteuren.

Die Sicherheitsherausforderungen sind gewaltig. Aus dem Sahel reichen die Arme von Al Qaida nach Libyen hinein, der IS hatte bis zum letzten Jahr in Sirte an der Mittelmeerküste eine Hochburg. Solange Gaddafi regierte, war das Leben in Libyen so ähnlich wie heute noch in den Golfstaaten. Erdölförderung und Industrie machten das Land reich, es zog Gastarbeiter aus Afrika und Arabien an, es war Zielland, ökonomisch stabil, partiell wohlhabend. Und es war eine Diktatur, eine Despotie mit allen Grausamkeiten einer Gewaltherrschaft.

Heute ist es Durchgangsland. Ganz Afrika strömt nach Libyen. Aber nicht wie damals, um zu bleiben, nein, es ist die Attraktivität Europas, die die Menschen leitet. Mit völlig unrealistischen Einschätzungen ihrer Chancen auf der anderen Seite des Mittelmeeres warten sie tage-, wochen-, monatelang an der Nordgrenze Libyens, die eigentlich die Außengrenze der Europäischen Union ist.

Die Botschafter der Europäischen Union, ob sie nun gerade in Tripolis oder in Tunis sind, reden ständig über diese Situation. Zehntausende auf dem Weg zwischen Vergangenheit und einer ungewissen Zukunft leben in Zeltstädten. „Es gibt quasi Internierungslager in einem furchterregendem Zustand“ - Christian Buck erinnert sich gut an den Moment, als er 2016 erstmals in eines der Lager kam: „Es war unerträglich.“ Dass in all diesem Chaos das Land nicht in sich zusammenbricht oder von auseinanderdriftenden politischen Kräften zerrissen wird, grenzt an ein Wunder. Aber das Wunder hat einen Namen: Es ist das Öl.

Zwar sind Pipelines und Förderanlagen marode, seit mehr als einem Jahrzehnt gibt es keine Ersatzteile mehr, aber immer noch werden täglich eine Million Barrel Öl gefördert - im Vergleich zu den 1,5 Millionen vor der Krise ist das angesichts der Umstände sehr viel. Das Öl ernährt das Land. 1,6 Millionen der 6,5 Millionen Libyer stehen auf staatlichen Gehaltslisten. Die staatliche Ölgesellschaft ist so etwas wie das Finanzministerium, aber es nimmt kein Geld ein, es verteilt Geld. Und dank des Öls lebt kaum jemand im Elend. Um die soziale Stabilität zu gewährleisten, ist diese Umverteilung eine gute Idee. Da aber keinerlei Geld mehr übrig bleibt für Erhalt oder Ausbau der Infrastruktur, ruiniert diese Methode auf Dauer das Land. Auch deshalb braucht Libyen dringend politische, legislative und exekutive Stabilität.

Und, auch das erklärt Christian Buck, Libyens Situation ist - so schwer die Dinge voranzubringen sind - dennoch nicht unlösbar. Es gibt keine nennenswerten ausländischen militärischen Kräfte. Der Umsturz wäre, so sieht er es, womöglich auch ohne westliche Intervention gekommen, das Aufbegehren war da. Nun aber kann Europa, ja, muss Europa, auch aus recht verstandenem Eigeninteresse, Libyen helfen, Unterstützung anbieten beim Aufbau tragfähiger Verwaltungsstrukturen und demokratischer Institutionen. Entscheiden müssen und können das nur die Libyer selber.

Vielleicht wird er demnächst das Schild der Botschaft wieder in Tripolis anbringen, das mit dem Durchschussloch im Adler. Denn das wäre ja das Symbol des erfüllten Auftrags: Die Botschaft ist arbeitsfähig.

Und Christian Buck wäre bereit für die nächste Herausforderung.

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