Corona-Krise in den USA : Wie das Virus sich unbemerkt in US-Städten verbreiten konnte

Das Coronavirus könnte sich in den USA schon sehr viel früher ausgebreitet haben, als offiziell angenommen. Lange wurde nicht ausreichend getestet.

New York City ist einer der Corona-Hotspots.
New York City ist einer der Corona-Hotspots.Foto: dpa/Mark Lennihan

Am 1. März gab es in den Städten New York, Chicago, Seattle, San Francisco und Boston offiziell 23 bestätigte Covid-19-Fälle. Datenwissenschaftler der Northeastern University in Boston haben berechnet, dass es zu diesem Zeitpunkt bereits 28.000 unbemerkte Infektionen in den Städten gegeben haben könnte.

Diese Ergebnisse hat die „New York Times“ veröffentlicht. Demnach könnte sich das Virus bereits Anfang Februar unbemerkt ausgebreitet haben, nicht nur in Städten wie New York, sondern auch im ganzen Rest des Landes.

Die Modellierung zeigt den Ausbruch des Virus über eine Zeitspanne hinweg, basierend darauf, was über das Virus bekannt ist und wo es bereits aufgetreten ist und auf Grundlage von Bewegungsdaten einzelner Menschen. In der Modellierung sind auch die Fälle eingerechnet, die sehr mild verliefen und nie getestet wurden.

[Mit dem Newsletter „Twenty/Twenty“ begleiten unsere US-Experten Sie jeden Donnerstag auf dem Weg zur Präsidentschaftswahl. Hier geht es zur kostenlosen Anmeldung: tagesspiegel.de/twentytwenty]

Die Wissenschaftler haben Schätzungen darüber mit einbezogen, wie oft Menschen mit dem Virus in Kontakt gekommen sind, etwa auf der Arbeit, in der Freizeit oder auf Reisen. Geleitet wurden die Berechnungen von Alessandro Vespignani vom Network Science Institute der Uni.

„Wir haben nicht getestet“

Bereits Mitte Februar könnte es demnach in New York City mehr als 600 unidentifizierte Infektionen gegeben haben – erst einen Monat später wurden die Schulen geschlossen. Von den Städten aus habe sich das Virus dann weiter in andere Orte der USA ausgebreitet.

Noch im Februar seien viele Flüge aus Italien in New York angekommen, sagte Adriana Heguy, Leiterin des Genome Technology Center der New York University’s Grossman School of Medicine der „New York Times“. Sie hatte mit ihrem Team herausgefunden, dass die Mehrheit der Infektionen in New York auf Viren aus Europa zurückzuführen sind.

„Wir haben nicht getestet, und wenn man nicht testet, dann weiß man auch nichts“, sagte Heguy. Die Modellierung der Northeastern University überrasche sie nicht. Erst Mitte März hatten Krankenhäuser in New York City begonnen, auf Covid-19 zu testen. In vielen US-Städten seien erst sehr spät Eindämmungsmaßnahmen beschlossen worden. Andere Städte wie Seattle reagierten sehr früh auf die Modellrechnungen und konnten so größere Ausbrüche verhindern.

Die Forscher wollten Politiker warnen

Studienleiter Alessandro Vespignani sagte der „New York Times“, er habe versucht, anhand seiner frühen Projektionen Politiker zu warnen, sowohl in den USA als auch in Italien, Großbritannien und Spanien. Überall sei ihm gesagt worden, dass die Zahlen nur auf dem Computer bestünden und nicht in der Realität. „Niemand beschließt den Lockdown eines Landes basierend auf einer Modellierung“, sagt Vespignani.

Andere Wissenschaftler bestätigten der Zeitung, dass die Modellierung sich mit ihren Analysen deckt. Einige merkten jedoch an, dass sie die Zahl der unbemerkten Fälle in der Modellrechnung als zu hoch einschätzen.

Interaktive Karte

[Verfolgen Sie alle neuen Entwicklungen zum Coronavirus in unserem Liveblogs zum Virus weltweit und zum Virus in Berlin.]

Die Modellierung der Northeastern University ist ein Beleg dafür, dass die USA erst viel zu spät damit begonnen haben, das Virus zu identifizieren und Infektionsketten nachzuvollziehen. Sie warnt laut den Forschern außerdem davor, was passiert, wenn die Corona-Maßnahmen zu früh aufgehoben werden.

Das Virus könne sich auch unbemerkt verbreiten, wenn Maßnahmen gelten, etwa durch Menschen, die nur leichte Symptome haben. Eine zweite Infektionswelle könnte aufgrund der regionalen Verteilung sehr viel drastischer verlaufen als die erste.

Die Gefahr einer zweiten Welle ist hoch

Vor dieser Gefahr einer zweiten Infektionswelle warnte auch der Charité-Virologe und Coronavirus-Experte Christian Drosten. Unter dem Deckel der bestehenden Maßnahmen könnte sich das Virus unbemerkt ausbreiten und dann plötzlich an viele Orten gleichzeitig Infektionsketten auslösen.

In seinem NDR-Podcast hatte er auch kritisiert, dass in den USA lange nicht konsequent getestet wurde. „Auf einmal erhebt sich da ein Problem, das man kaum noch kontrollieren kann, weil man einfach nicht gewusst hatte, dass es dort ist“, sagte Drosten. „Offenbar war es schon sehr lange dort“

Drosten erklärt, wie durch die Untersuchung von Virus-Mutationen zeitliche und räumliche Zusammenhänge rekonstruiert werden können. In den USA ließe sich beobachten, dass dort unter anderem eine frühe Version des Virus aus China verbreitet ist. Daraus lasse sich schließen, dass das Virus schon sehr früh unbemerkt in die USA eingeschleppt worden ist.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!