Coronavirus-Epidemie in Europa : Wie das Virus die Wirtschaft trifft

Das Coronavirus hat massive Folgen für die Ökonomien in Europa. Wie kann eine neue Wirtschafts- und Finanzkrise verhindert werden?

Schwer getroffen. Viele Unternehmen verstärken angesichts der Ausbreitung des Coronavirus ihre Schutzmaßnahmen.
Schwer getroffen. Viele Unternehmen verstärken angesichts der Ausbreitung des Coronavirus ihre Schutzmaßnahmen.Foto: Wang Jianwei/XinHua/dpa

Italien rutscht aller Voraussicht nach in die Rezession, Deutschland vermutlich auch, und dass die Welt erstmals seit der Finanzkrise 2008/09 in eine Wirtschaftskrise stürzt, ist wahrscheinlich. Das Coronavirus breitet sich aus und erstickt die wirtschaftliche Dynamik, indem es den Austausch von Gütern und Menschen zunehmend einschränkt oder sogar verhindert.

Wie ist die Lage an den Märkten nach dem schwarzen Montag?
Der Dienstag begann mit beruhigenden Nachrichten aus Tokio und sollte mit einem Auftritt Donald Trumps in Washington enden. Die japanische Regierung beschloss ein Hilfspaket von 8,5 Milliarden Euro für Unternehmen, und der US-Präsident hat inzwischen auch die Gefahr des Virus für Volkswirtschaft und Wiederwahl erkannt. Alle möglichen staatlichen Aktivitäten rund um den Globus sollen die Märkte beruhigen. Die Börsenkurse legten erst mal zu, ohne die gravierenden Verluste des Vortages auch nur annähernd auszugleichen.

Doch dann rutschte die Wall Street ins Minus und zog die europäischen Börsen mit hinab. Die Nerven liegen blank auf dem Parkett. Weiterhin überschattet Unsicherheit das Wirtschaftsgeschehen und drückt auf die Stimmung von Unternehmen, Investoren und Konsumenten. Wer mit Sorge in die Zukunft schaut, der gibt kein Geld aus. Und wenn China und Italien gewissermaßen vormachen, was den USA und Deutschland noch bevorsteht, dann ist eine Rezession nicht zu vermeiden.

Wie bedrohlich ist Italien für die deutsche Wirtschaft?
Nach China und den USA, Frankreich und den Niederlanden ist Italien der wichtigste Handelspartner Deutschlands. Dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) zufolge lieferten deutsche Firmen 2019 Waren im Wert von 68 Milliarden Euro über die Alpen. Die Importe aus Italien summierten sich auf 57 Milliarden Euro. „Die neuen Beschränkungen führen zu keiner Einschränkung des Warenverkehrs“, heißt es bei der deutsch-italienischen Außenhandelskammer. Das ist eine mutige Einschätzung.

Aktuell liegt die Wirtschaftsleistung in Italien schätzungsweise um zehn bis 15 Prozent unter dem normalen Niveau. Touristen gibt es kaum noch, die Restaurants sind leer und der Verkehr steht still. Kaum eine Airline fliegt das Land noch an. Nach einem leichten Minus im vierten Quartal 2019 wird die italienische Wirtschaftsleistung im ersten Quartal um mindestens ein Prozent und im zweiten Quartal um mehrere Prozente schrumpfen.

Welche Branchen sind bislang besonders stark betroffen?
Wo das Geschäftsmodell darin besteht, Menschen mit Menschen in Kontakt zu bringen, schadet das Virus erheblich. Allein in Europa haben die Fluggesellschaften Zehntausende Flüge gestrichen, und keinesfalls nur auf Strecken von und nach Italien. Der DIHK als Dachverband der deutschen Industrie- und Handelskammern hat sich ein aktuelles Stimmungsbild in einer Umfrage bei 10 000 Firmen verschafft. Knapp die Hälfte erwartet in diesem Jahr fallende Umsätze, ein Viertel einen Rückgang um mehr als zehn Prozent. Aus der Reihe schlagen die Angaben aus dem Gastgewerbe, der Reisebranche und der Messewirtschaft: Drei Viertel der Unternehmen befürchten stark fallende Erlöse. „Vom global tätigen Konzern über den familiengeführten Mittelstand bis hin zum Kleinstunternehmer erleben derzeit viele Betriebe Herausforderungen, wie sie bislang im Geschäftsleben noch nie zutage getreten sind“, sagt DIHK-Präsident Eric Schweitzer.
„Wir sind nicht unerfahren im Management von Krisen“, meint Tui-Vorstandschef Fritz Joussen mit Blick auf die Weltwirtschaftskrise 2009, Flugbeschränkungen durch Vulkan-Aschewolken oder die frühere Ausbreitung des Sars-Virus. Tatsächlich hat sich der Aktienkurs des weltgrößten Reisekonzerns in den vergangenen fünf Wochen halbiert. Und bei den Banken sieht es ähnlich schlimm aus.

Droht eine neue Bankenkrise? Wie robust sind die deutschen Banken?
Die Deutsche-Bank-Aktie hatte seit Jahresanfang bis Mitte Februar um 40 Prozent zugelegt, ähnlich die Commerzbank. Jetzt hat die Corona-Krise beide Institute voll erwischt: Die Aktien stürzten am Montag auf neue Rekordtiefs, erholten sich dann teilweise am Dienstag. Die Unsicherheit über den Fortgang der Pandemie, eine drohende Rezession, mögliche Kreditausfälle, ein brachliegendes Emissionsgeschäft, niedrige Zinsen und schrumpfende Provisionen belasten Banken, Sparkassen und Volksbanken. „Wenn es ihren Kunden schlechter geht, geht es auch Banken schlechter“, sagt Dieter Hein vom Analysehaus Fairesearch.

Zwar ist die Risikovorsorge der Deutschen Bank und der Commerzbank im vergangenen Jahr gestiegen. Doch insgesamt lagen die Insolvenzen 2019 in Deutschland nach Angaben der Kreditauskunftei Creditreform so niedrig wie seit 25 Jahren nicht mehr. Das dürfte sich in diesem Jahr ändern. Für die Banken heißt das: Ihre Risikovorsorge im Kreditgeschäft werden sie 2020 deutlich aufstocken müssen – was die Gewinne drückt. An den Kreditmärkten sind die Risikoaufschläge bereits gestiegen – nach Ansicht von Experten ein klares Indiz für mögliche schwere Belastungen in den Kreditbüchern der Finanzinstitute. Fatal ist die Corona-Epidemie auch für das Investmentbanking.

Börsengänge wird es in diesem Jahr kaum geben. Auch das Geschäft mit Anleiheemissionen stagniert. Bis Mitte Februar wurden Unternehmensanleihen im Volumen von 50 Milliarden Euro platziert. Dann verbreitete sich das Virus, und in der letzten Februarwoche konnten nur noch Anleihen für acht Milliarden Euro abgesetzt werden.

Auch das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen dürfte immer schwächer laufen. Sam Theodore, Experte bei der Ratingagentur Scope, prognostiziert für die Investmentbanking-Sparten der Banken Verluste im ersten und im zweiten Quartal. Auch das Provisionsgeschäft mit Anlegern leidet. Weil die Börsen auf Talfahrt sind, werden kaum Aktien gekauft, allenfalls verkauft, und dann das Geld aufs Konto gelegt. Das Zinsgeschäft der Banken bleibt triste: Die Zinswende rückt in noch weitere Ferne.

Welche Möglichkeiten haben die Notenbanken und vor allem die EZB?
Die US-Notenbank Fed hat den Leitzins wegen Corona in der vergangenen Woche um 0,5 Punkte gesenkt, die Europäische Zentralbank (EZB) will nach den Worten von Präsidentin Christine Lagarde alles tun, um in der Corona-Krise zu helfen. Am Donnerstag steht die nächste Sitzung an. Allerdings ist kaum noch Spielraum vorhanden. Der Leitzins, zu dem sich Banken bei der Notenbank Geld beschaffen können, das sie wiederum als Kredite an Unternehmen weiterleiten, liegt schon bei null.

Der Einlagezins, den Banken an die EZB zahlen müssen, ist mit minus 0,5 Prozent negativ. Das soll die Geldhäuser animieren, das Geld nicht zur EZB zu tragen, sondern als Kredit auszureichen. Die EZB kauft Monat für Monat Staatsanleihen der Euro-Staaten im Volumen von 20 Milliarden Euro. Das soll Staaten und mittelbar auch Unternehmen mehr Spielraum verleihen. Die EZB könnte das Volumen der Anleihenkäufe auf 40 Milliarden Euro erhöhen und den Einlagezins auf minus 0,6 Prozent drücken, in Verbindung mit höheren gestaffelten Freibeträgen. Viele Volkswirte befürworten diese Schritte. Eine Option wären auch gezielte, günstige Kreditspritzen für die Banken, damit die vor allem Mittelständler unterstützen.

Welche staatlichen Hilfen sind beschlossen, welche sind noch denkbar?
Liquiditätshilfen für Firmen in Not gibt es in Japan ebenso wie in China, den USA und Italien sowie hierzulande. Doch das wird vermutlich nicht reichen. Das deutsche Gastgewerbe wünscht sich einen reduzierten Mehrwertsteuersatz, in der Hoffnung, damit Kundschaft locken zu können. Die Stundung von Steuern findet unter Ökonomen und Wirtschaftsvertretern als ein schnell wirkendes Mittel ohne bürokratischen Aufwand immer mehr Befürworter. Ohne die üblichen Antragsverfahren könnten Bund und Länder pauschal allen Betrieben die Ertrags- und Umsatzsteuern zinsfrei für die kommenden Monate stunden, schlägt zum Beispiel der DIHK vor.

Mitte April tritt eine erweiterte Kurzarbeitsregel in Kraft, wonach auch Leiharbeitern Geld gezahlt und die Sozialversicherungsbeiträge vollständig von der Bundesagentur für Arbeit (BA) übernommen. Das Gesetz wurde am Dienstag und damit einen Tag vor der eigentlichen Kabinettssitzung in einem schriftlichen Umlauf auf den Weg gebracht. „Ziel ist, dass in dieser Situation möglichst kein Arbeitsplatz und kein Unternehmen dauerhaft Schaden nimmt“, sagte Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD). Zur Finanzierung der Maßnahmen verwies Heil auf die Rücklagen der BA von 26 Milliarden Euro.

Für die leidende Flugbranche kündigte die EU-Kommission Änderungen bei den Fluggastrechten an. Airlines müssen ihre Start- und Landerechte an großen Verkehrsflughäfen zu 80 Prozent tatsächlich nutzen, um die gleichen Slots in der folgenden Saison zu behalten. Weil die Fluggastzahlen infolge der Coronavirus-Krise deutlich zurückgegangen sind, haben etliche Airlines ihre Flugpläne in den vergangenen Wochen stark zusammengestrichen. Damit sie die Start- und Landerechte nicht verlieren, will die EU eine Ausnahmeregelung schaffen.

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