Coronavirus in den USA : Trumps Politik nach Gefühlslage ist fatal für die Betroffenen

US-Präsident Trump schwankt, welche Maßnahmen in der Coronavirus-Krise nötig sind. Das hat schlimme Folgen für die Menschen in den USA.

Hin- und hergerissen in der Krise: US-Präsident Donald Trump.
Hin- und hergerissen in der Krise: US-Präsident Donald Trump.Foto: imago images/UPI Photo

Das ganze Land steht unter Kontaktverbot. Das ganze Land? Nein. In acht US-Bundesstaaten haben es die jeweiligen Landesregierungen bisher nicht für nötig gehalten, wegen der Coronavirus-Epidemie Ausgangsbeschränkungen zu verkünden und ihre Bürger aufzufordern, zu Hause zu bleiben. Dass diese acht Staaten von republikanischen Gouverneuren regiert werden, ist wohl kein Zufall. Denn der mächtigste Republikaner im Land, Präsident Donald Trump, schwankt selbst in der Frage, welchen Kurs er im Umgang mit der Krise eigentlich verfolgen soll.

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Zu besichtigen war diese Unentschiedenheit einmal mehr am Samstag beim täglichen Coronavirus-Briefing im Weißen Haus. Trump lehnte da erneut eine landesweit geltende Regelung ab, die Gesundheitsexperten angesichts der Schwere des Ausbruchs empfehlen, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen.

Dabei berief er sich auf die Verfassung. Auch die betreffenden Gouverneure argumentieren mit den Freiheitsrechten, die es verbieten würden, solche Regeln anzuordnen – obwohl das Staaten überall auf der Welt vormachen.

South Dakotas Gouverneurin Kristi Noem sagte dem US-Sender CNN zufolge vor wenigen Tagen, dass es in der Verantwortung jedes einzelnen Bürgers liege, sich um seine Sicherheit zu sorgen. Alle acht Staaten – Arkansas, Iowa, Nebraska, North Dakota, South Carolina, South Dakota, Utah und Wyoming – geben aber auch zu erkennen, dass sie ganz genau darauf schauen, was der Präsident macht.

Genau darin liegt das Problem. Trump ist hin- und hergerissen zwischen den dramatischen Prognosen, dass Hunderttausende Amerikaner sterben könnten, und den katastrophalen wirtschaftlichen Auswirkungen, die der „Shutdown“ schon jetzt auf die US-Wirtschaft hat.

Trump will trotz Coronavirus-Krise, dass es wieder Profi-Sport gibt

Immer wieder erklärt er, dass die Medizin gegen das Virus doch nicht gefährlicher sein dürfe als das Virus selber. „Wir müssen unser Land wieder öffnen“, sagte er einmal mehr am Samstag. „Dieses Land ist nicht dafür gemacht, geschlossen zu sein.“

Unter anderem wolle er möglichst schnell wieder erreichen, dass der Spielbetrieb der Football- und Basketball-Ligen NFL und NBA wieder aufgenommen werde und die Amerikaner in die Sportstadien zurückkehren könnten.

Auch spekulierte er darüber, dass man vielleicht die Anordnungen zum „Social Distancing“ zu Ostern lockern könne, damit Kirchen an Ostern Gottesdienste abhalten könnten, etwa im Freien. Vor rund zwei Wochen hatte er Ostern voreilig schon einmal als den Zeitpunkt genannt, an dem man den Wirtschaftsmotor des Landes eventuell wieder anwerfen könnte.

Amerikaner sollen Masken tragen – doch für sich sieht Trump das nicht

Einerseits bereitet Trump die Amerikaner auf „schreckliche Zeiten“ mit „vielen Toten“ vor. Aber in dem Moment, wo seine eigenen Experten den Menschen im ganzen Land empfehlen, außerhalb ihrer Wohnungen Masken zu tragen, sagt er, bei sich könne er sich das nicht vorstellen.

„Ich denke, eine Gesichtsmaske zu tragen, wenn ich Präsidenten, Ministerpräsidenten, Diktatoren, Könige, Königinnen grüße, ich weiß nicht, irgendwie sehe ich das für mich selbst nicht.“ Vielleicht werde er seine Meinung ändern. „Wenn die Leute sie tragen wollen, dann können sie das tun.“ Kaum verwunderlich, dass da jeder das hört, was er hören will. Und dass die Unsicherheit groß ist.

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Mehr als 8400 Menschen sind in den USA bereits an den Folgen des Virus gestorben, es gibt mehr als 300.000 bestätigte Infektionen. Aber Experten sagen, das Schlimmste kommt erst noch. Deborah Birx, die Corona-Koordinatorin des Weißen Hauses, warnte am Samstag, die nächsten beiden Wochen seien entscheidend. „Jetzt ist die Zeit, nicht in den Supermarkt oder in die Apotheke zu gehen.“

Diese Warnung richtete sie ganz besonders an Einwohner von Staaten, die momentan nicht im Zentrum der Krise stehen, aber es schon bald sein könnten – wie Pennsylvania, Colorado und der District of Columbia, in dem die Hauptstadt Washington liegt.

Hintergründe zum Coronavirus:

Diese Staaten beobachte die Coronavirus-Taskforce genau, sagte Birx, denn hier gehe die Kurve der Neuansteckungen gerade nach oben. In DC gibt es zwar offiziell erst etwas mehr als 900 bestätigte Infektionen, mindestens 21 Menschen sind an den Virus-Folgen bisher gestorben.

Aber die Testmöglichkeiten sind immer noch sehr beschränkt, sodass die eigentliche Zahl deutlich höher liegen könnte. Als Epizentrum der Krise in den USA gilt derzeit New York, wo inzwischen fast 3600 Menschen an der Lungenkrankheit Covid-19 gestorben sind, die meisten von ihnen in New York City.

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Verwirrung stiftet Trump auch damit, dass er immer wieder Aussagen der Gouverneure anzweifelt, beispielsweise wenn sie Appelle an seine Regierung richten, dass sie dringend mehr Beatmungsgeräte bräuchten. Nachdem New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo in der vergangenen Woche erklärt hatte, er brauche 30.000 Beatmungsgeräte, sonst müssten Tausende Menschen sterben, sagte Trump im Sender Fox News: „Ich habe das Gefühl, dass viele der Zahlen, die in einigen Bereichen genannt werden, einfach größer sind, als sie sein werden.“

Interaktive Karte

Ähnlich äußert sich auch der Mann, der am Donnerstag auf einmal im Briefing Room als Teil der Taskforce auftauchte: Trumps Schwiegersohn Jared Kushner. Schon länger hat er intern die Aufgabe, Beschaffung und Verteilung von medizinischem Material zu koordinieren.

Dass das in der Krise besonders gut gelungen ist, bezweifeln viele. Bei seinem ersten Auftritt belehrte er aber erst mal die Gouverneure. Einige von ihnen wüssten nicht einmal, wie viele Beatmungsgeräte es in ihrem Bundesstaat gebe, dabei sei das doch die erste Aufgabe eines „guten Managers“. Er wisse besser, wie hoch der Bedarf zum Beispiel in New York sei.

Erfahrungen im Gesundheitssektor hat der 39-Jährige allerdings keine. Auch sein letztes Projekt, der Ende Januar vorgelegte Nahostfriedensplan – angekündigt als „Jahrhundertdeal“ – ist ohne Folgen geblieben. Dass Kushner nun Kompetenzen an sich ziehen und möglicherweise Experten wie Birx oder den hoch angesehenen Virologen Anthony Fauci überstimmen könnte, sorgt in den USA viele. Kushner diese Aufgabe zu übertragen, sei „blanker Wahnsinn“, kommentierte die „New York Times“.

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