Für 9000 Euro eingekauft, fürs Vierfache weiterverkauft

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Crystal Meth : Der aussichtslose Kampf gegen die Droge

Für die Polizei ist in dieser kurzen Zeit ein neuer, ein mächtiger Gegner entstanden: Es seien nicht mehr die Hinterzimmer-Drogenküchen, von denen aus die Märkte versorgt werden, sondern professionelle Großlabors. „Immer öfter entdecken wir Labors, die auf mehrere Dutzend Kilo Methamphetamin pro Herstellungszyklus ausgelegt sind“, sagt Kudlackova. Und: „Der Betrieb in diesen Labors ist üblicherweise im Schichtbetrieb organisiert.“ Rund um die Uhr entsteht so das Crystal Meth, das wenige Tage später die europäischen Märkte erreicht.
Für die Verbrechergruppen ist die Drogenherstellung ein lukratives Geschäft. Der Reiz an diesen synthetischen Rauschmitteln besteht für sie darin, dass die Inhaltsstoffe in frei verkäuflichen Medikamenten enthalten sind. Vor allem harmlose Schnupfenmittel bilden die Grundlage für die Herstellung. In Tschechien hat die Politik längst darauf reagiert und den Verkauf dieser Medikamente in den Apotheken reglementiert. Der Nachschub aus den Labors kommt deshalb aus den Nachbarländern, wo man die Pillen zu tausenden kaufen kann – aus Deutschland, aber vor allem aus Polen. Andere Labors beziehen ihre Grundsubstanzen nach Informationen der tschechischen Polizei aus Asien, vor allem aus China. Der Bericht der tschechischen Drogenpolizei liest sich wie ein Krimi: Von „vietnamesischen Verbrecherstrukturen“ ist da die Rede, die den Import aus Asien und über die Niederlande organisieren, von „albanisch sprechenden Verbrechergruppen“, die über den Westbalkan die Grundstoffe importieren und von „russisch sprechenden Ethnien, die in Tschechien, Polen und der Ukraine leben“ und den Transport über die Ukraine organisieren. Außerdem sei immer wieder „die Aktivität von Arabern, meistens mit Herkunft aus den Maghreb-Staaten“, zu beobachten, die vor allem in die Vertriebsstrukturen eindringen wollen. Der wachsende Markt, das zeigt diese Aufstellung von Nachschubwegen und Beteiligten, ist in schwungvoller Bewegung. Die Gewinnmargen versprechen lohnende Geschäfte: „Diese organisierten Gruppen“, sagt Kudlackova von der Drogenpolizei, „können ein Kilo Methamphetamin für umgerechnet gut 6000 Euro herstellen“. Zwischen 9000 und 10 000 Euro kostet dann für Großabnehmer jedes Kilo – in Deutschland lässt sich laut tschechischer Polizei auf dem Schwarzmarkt das Vierfache davon erlösen, in den skandinavischen Ländern bereits das Achtfache. Wer auf den tschechischen Vietnamesenmärkten nur eine kleine Menge kaufen will, bezahlt zwischen 35 bis 40 Euro – pro Gramm.

Man fahndet nach Drogen, aber auch nach Autoschiebern

In den zurückliegenden Jahren hat sich Crystal Meth damit auch für die deutsche Polizei zu einem ernsten Problem entwickelt. „Ursprünglich haben wir vor allem Eigenkonsumenten mit der Droge erwischt“, sagt der deutsche Experte Josef Eckl. „Die hatten ein, zwei, vielleicht auch mal fünf Gramm dabei und kamen meistens aus dem Grenzgebiet. In den zurückliegenden zwei Jahren entdeckten wir Schmuggler mit immer größeren Mengen zwischen 50 und 100 Gramm, die aus den deutschen Großstädten stammen.“ Eckl ist Koordinator des Gemeinsamen Zentrums Schwandorf, einer Einrichtung von deutschen und tschechischen Behörden. Schwandorf liegt in der Oberpfalz, ein paar Kilometer entfernt nur von der bayerisch-böhmischen Grenze. 100 Polizisten und Zöllner aus beiden Ländern arbeiten hier seit 2008 zusammen, als die Grenzkontrollen abgeschafft wurden. Eckl und seine Kollegen sind nicht selbst operativ tätig, sondern arbeiten als eine Art Bindeglied zwischen tschechischen und deutschen Behörden. Um Drogen geht es in ihrer Arbeit, aber auch um sämtliche andere Delikte vom Autodiebstahl bis zur Schwerkriminalität. Die deutsch-tschechische Kooperation, daran lässt Eckl keinen Zweifel, laufe reibungslos: Deutsche und tschechische Beamte gehen gemeinsam auf Streife, man kennt sich, man weiß um die Maschen der Schmuggler.

Ein Problem ist Polens Medikamentenmarkt

Wer die Erfolgsmitteilungen liest, die die deutsche Polizei entlang der Grenze nach jedem Treffer in der Fahndung herausgibt, bekommt eine Vorstellung von der Klientel, mit der es die Grenzschützer zu tun haben: Mal schnappen sie eine Gruppe polizeibekannter Jugendlicher in einem Großraumtaxi, mal stellen sie einen Kurier, der die Droge in die Lenkerstange seines Fahrrads eingebaut hat. „Durch die Schleierfahndung im Grenzgebiet“, sagt Eckl, „ist das Risiko groß, erwischt zu werden.“
Wie groß die Mengen sind, die trotz aller Fahndungserfolge in Deutschland landen, lässt sich kaum abschätzen. Tschechische Drogenexperten wagen immerhin eine Hochrechnung: 5,9 Tonnen Pervitin sollen demnach pro Jahr im Land verbraucht werden. „Wenn wir die konkreten Zahlen vergleichen, wie viel Methamphetamin wir in Tschechien sicherstellen und wie viel auf dem Weg nach Deutschland“, sagt Kudlackova von der Prager Drogenpolizei, „dann können wir davon ausgehen, das etwa ein Drittel der tschechischen Produktion nach Deutschland gelangt.“ So vage die Angaben auch sind, klar ist: Es muss ein Geschäft sein, das sich nicht nach Gramm oder Kilo bemisst, sondern nach Tonnen.

Mit ihrem Kampf gegen die Drogenmafia ist die Polizei indes nicht mehr allein. In Tschechien und in Deutschland hat auch die Politik das Thema erkannt. Die Prager setzen große Hoffnungen auf ein derzeit verhandeltes Abkommen, das die Polizeizusammenarbeit zwischen beiden Ländern intensivieren und beschleunigen soll. Und die Tschechen drängen die polnische Politik, die Abgabe von solchen Medikamenten zu regulieren, aus denen Methamphetamin hergestellt werden kann. Bislang, so heißt es in Prag, hätten die Polen das Anliegen kurzerhand abgeschmettert. Derzeit laufen offenbar wieder Gespräche. „Eine deutliche Hilfe ist uns dabei die deutsche Seite, die ein eminentes Interesse darin hat, den Import von polnischen Medikamenten zu tschechischen Herstellern zu beschränken“, sagt Kudlackova von der Drogenpolizei – schließlich landet ein großer Teil des Endprodukts am Schluss bei deutschen Konsumenten.

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